Nicu Burgheim (r.) war einst als Romina Burgheim in der Frauen-Fußball-Bundesliga aktiv. © imago/Christian Schroedter
Fußball

Ein Mann im Frauenkörper: Der Fußball war Nicu Burgheims Rettungsanker

Er habe sich immer als Junge oder Mann gefühlt, sagt Nicu Burgheim. In einem langen und intensiven Gespräch erzählt er, der früher in der Frauen-Fußball-Bundesliga aktiv war, seine Geschichte.

Ihm die Frage stellen – oder nicht? Der Zwiespalt sorgte für einen im ersten Moment peinlichen, aber am Ende – glücklicherweise lustigen – Start in ein Gespräch, in dem Nicu Burgheim sehr offen über seinen Lebensweg sprach. Ehemals in der Frauen-Bundesliga aktiv, spielt Nicu Burgheim in der kommenden Saison für den Männer-A-Kreisligisten SJC Hövelriege. Sein Transfer stellt im Männerfußball ein Novum dar und sorgte für Aufsehen. In einem langen, intensiven Gespräch mit den Ruhr Nachrichten äußerte sich der 33-Jährige nun über seine Beweggründe sowie seine Gefühle vor und nach seiner Transition. „Also Nicu: Wann wusstest Du, dass Du Dich als Mann fühlst?“

Eindeutig könne er die Frage nicht beantworten, sagt er. „In meinem unterbewussten Empfinden wusste ich es als Kind. Für mich war klar, dass ich ein Junge war.“ Er habe damals intuitiv immer kurze Haare getragen und trug am liebsten Hose und T-Shirts – zur damaligen Zeit eindeutig stereotypisch männlich konnotierte Textilien. „Darin habe ich mich immer am wohlsten gefühlt.“ Es sei eine unbeschwerte Zeit gewesen, in der er auch als Junge wahrgenommen wurde.

Nicu Burgheim will seinen “eigenen Traum vom Männerfußball” leben. © Privat © Privat

Komplizierter, verwirrender fühlte er sich mit dem Beginn seiner „ersten Pubertät“. Als sich die ersten äußerlichen Geschlechtsmerkmale bildeten, kamen die Zweifel. „Ich merkte, es passte so gar nicht zu meiner Körperwahrnehmung“, sagt er. Burgheim habe versucht, die Situation anzunehmen, „habe dabei aber meinen inneren Fokus nur verschoben“.

Die Fragen, sowohl im Inneren als auch im Außen, nahmen während seiner Pubertät zu, da Burgheim nicht dem Stereotyp Mädchen entsprach. „Was ist mit einem Freund? Warum spielst du als Mädchen Fußball?“, sagt Nicu Burgheim, seien wenige der vielen Standardfragen, in denen er sich oft vor Fremden – weniger Freunden – rechtfertigen musste.

Nicu Burgheims Rettungsanker war der Fußball

Als er volljährig wurde, merkte er auch, dass er sich zu Frauen hingezogen fühle. „Aber als lesbisch habe ich mich nie betrachtet.“ Diese Konfusion habe, erzählt er ehrlich, in seinen Beziehungen oft für Komplikationen gesorgt.

„Ich habe versucht, mich mit Lernen und mit Freunden abzulenken.“ Der große Rettungsanker sei aber immer der Fußball gewesen. Beim Fußballspielen konnte er alles vergessen, dort verschmolz er mit Mannschaft, Ball und Platz zu einem. „Der Körper wurde zweitrangig, was zählte, war die Leistung auf dem Platz“, erläutert er die heilsame Wirkung seiner Lieblingssportart. Der Fußball war es schließlich, der ihm half, seinen Weg zu finden.

Während einer schweren Verletzung – Nicu Burgheim hatte sich das Kreuzband gerissen – entdeckte er im Jahr 2010 ein Buch für sich, geschrieben hatte es Balian Buschbaum. Buschbaum, bis 2007 als Yvonne Buschbaum erfolgreich im Stabhochsprung der Frauen, schrieb ausführlich über seine Transition, seine Gefühle, sein Empfinden. „Zum ersten Mal hatte ich nach dem Lesen eine Beschreibung für mein Empfinden. Ich habe gemerkt, dass das, was ich fühle, wirklich existiert“, sagt Nicu Burgheim.

„Gespiegelt zu bekommen, dass ich keine Hirngespinster habe, war eine riesige Erleichterung.“ Die neue Gewissheit löste aber auch einen Konflikt in Nicu Burgheims Bewusstsein aus. Denn auf der anderen Seite stand sein Traum, irgendwann in der Bundesliga zu kicken. „Mir war klar: Mache ich die Transition, ist der Traum aus.“

Nicu Burgheim wog ab, was für ihn am sinnvollsten sei. Er entschied sich fürs Erste dagegen, den großen Schritt zu machen: Er entschied sich gegen Hormontherapie und Operationen, gegen die vollkommene äußerliche Veränderung.

Erste kleinere Schritte seiner Transition, ging er aber bereits, nachdem er die Lektüre gelesen hatte, persönlich an. „Ich habe einen Kompromiss mit mir selber geschlossen, weil ich sicher sein wollte. Diesen Schritt geht man – im besten Fall – nur einmal“, sagt er.

Nicu Burgheim wollte Fußball auf hohem Niveau spielen, aber sein Selbstverständnis als Mann zunehmend ausleben. Sein Äußeres passte er zaghaft seinen inneren Vorstellungen an. Er fing an, einen Binder zu tragen, um seine Brust zu verstecken. „Das war ein irres Gefühl. Es fühlte sich an wie eine Rüstung. Damit war ich stark.“

„Je offener ich etwas formuliere, desto höher ist die Akzeptanz“

Da es sich so gut und „normal“ für ihn anfühlte, erzählte er seinen Freunden nichts davon. „Ich ließ es sie selbst entdecken. Wer mich darauf hin ansprach, wurde mit einer ehrlichen Antwort belohnt.“ Natürlich fiel in anderen Kontexten sein „Anderssein“ auf und er eckte zahlreich an – auch heute ist das noch so.

Aber mit der Zeit lernte er, mit seiner Außenwirkung auf Menschen immer besser umzugehen und selbige zu antizipieren: Nicu Burgheim machte die Erfahrung, „je offener ich etwas formuliere, desto höher ist die Akzeptanz.“

Davon profitierte er massiv bei seiner zweiten Zweitligastation des Herforder SV. „Die Spielerinnen haben mich damals mit offenen Armen empfangen und meine männliche Identität widerspruchsfrei und liebevoll angenommen – das hat mir einen enormen Selbstbewusstseins-Schub gegeben.“ Und der machte sich in seinen Leistungen bemerkbar.

Nicu Burgheim denkt maximal offensiv

Doch das zunehmende Selbst-Bewusstsein hatte im doppelten Wortsinne auch seine Schattenseiten: Die innere Unzufriedenheit habe mit der Gewissheit um die eigene Identität spürbar zugenommen. 2016 war Nicu Burgheim klar, dass ihm die letzte Saison im Frauenfußball bevorstehe. 4 Spiele hatte er da er in der Bundesliga absolviert, 43 in der 2. Bundesliga.

Noch eine Saison Fußball spielen, seiner großen Leidenschaft nachgehen – und sich dann der Transition unterziehen – so hatte sich Nicu seinen Bilderbuchabgang nach 20 Jahren Frauenfußball ausgemalt. Doch diese Träume platzten.

Es knirschte zwischen ihm und Trainer Markus Wuckel gewaltig. Nicu Burgheim beschreibt sich als maximal offensiv denkenden Fußballer – und so sieht er sich auch als Mensch. „Ich spreche alles offen an, nur so kann ich authentisch sein.“ Dass das nicht jedem gefällt, wisse er. Wuckel gefiel es nicht – er degradierte den Fußballer in die zweite Mannschaft – Bezirksliga.

„Ich war riesig enttäuscht“, sind die ehrlichen Worte des 33-Jährigen. Er habe sehr offen kommuniziert, wann und warum er aufhören möchte. Sein Ende mit Fanfaren und Trompeten „hatte ich mir so nicht vorgestellt“. Eine Teilverantwortung am Konflikt sieht er aber auch bei sich selbst. „Vermutlich habe ich irgendwann einmal zu viel seinen Geduldsfaden strapaziert“, gibt er – heute darüber lachend – selbstkritisch zu.

Offenes Ende seiner ersten Karriere

Ein würdiger Abschluss von der Frauenfußballbühne beim FSV Gütersloh 2009 blieb ihm verwehrt, da interne Absprachefehler zur Folge hatten, dass er sich für die verbleibenden Monate nicht das Trikot überziehen konnte. „Das war super ärgerlich und sehr schade. Ich hätte mich so gerne sportlich revanchiert, aber es sollte nicht sein“ blickt Nicu Burgheim versöhnlich auf das offene Ende seiner ersten Fußballerkarriere zurück.

Seine Transition ging schneller voran als erwartet

Ende Januar 2017 begab er sich in Therapie, seine medizinische Transition begann am 28. Juni 2017. Für Nicu Burgheim schneller als erwartet. Wer sich einer Transition unterziehen möchte, braucht zwei unabhängige psychiatrische Gutachten und eine 18-monatige psychotherapeutische Begleittherapie.

Es sei wichtig herauszufinden, ob die Person wirklich unter ihrem Empfinden leidet. Bei ihm ging es deutlich schneller, nach sechs Monaten bekam er das ersehnte Rezept für das Testosteron. Ein erster großer Meilenstein. „Mein klares Standing, die schonungslose Offenheit, aber auch die sechsjährige intensive Reflexionsphase haben sicherlich ihren Anteil an dieser Ausnahme-Regelung gehabt“, blickt Nicu Burgheim dankbar auf die kooperative Haltung seines Psychiaters zurück.

Umstellung auch in der Schule

Die Veränderungen, bereits am Anfang, waren gravierend. „Die hormonellen Veränderungen sind sehr spannend, sowohl äußerlich als auch innerlich.“ Nicu Burgheims biochemischer Haushalte wurde langsam umgestellt. Das Testosteron habe seine vorhandenen, männlichen Charaktereigenschaften geschärft.

Die darauffolgenden Operationen seien in ihrer Wirkung unterschiedlich befreiend. Neben der Hysterektomie (Entfernung der Gebärmutter ) hat er sich auch bewusst für den großen Aufbau entschieden. Die „krassesten Gefühle“ habe er nach der Mastektomie gehabt – die Rekonstruktion der männlichen Brust. „Als ich aus der Narkose aufgewacht war, fühlte ich ein Feuerwerk der Endorphine. Meine Schwester, eine meiner engsten Vertrauten, wurde am Telefon drei Stunden Zeuge der überbordenden Energie.“

Eine große Umstellung war seine Transition nicht nur für ihn, erzählt Nicu Burgheim. Als Lehrer für die Sekundarstufe 1 (5 bis 10 Klasse) entschied er sich für ein „transparentes Outing“. Nach den Sommerferien 2017 hieß es nicht mehr „Frau“, sondern „Herr“ Burgheim. Dass sich bei dieser Umgewöhnung einige wenige Schüler damit schwertaten, gibt Nicu Burgheim zu. „Das waren aber die wenigsten.“

Vielmehr habe er eine Offenheit unter seinen Schüler beobachtet, die in der Gesellschaft der Erwachsenen manchmal ihresgleichen sucht. Intensiv seien die ersten zwei Wochen nach dem Beginn des Outings gewesen. „Die ersten zwei Wochen war im Unterricht Ausnahmezustand pur: Ich habe den Schülern den Raum gegeben, jede Frage zu stellen, die ihnen auf dem Herzen liegt und unter den Nägeln brennt.“

Der Lehrer und Fußballer gab sich so, wie er ist: maximal offen und nahbar. „Es sind unfassbar wertvolle und lustige Gespräche entstanden. Das Vertrauen und meine Verletzlichkeit, die unmittelbar mit einer solchen Offenheit einhergeht, haben die Schüler erkannt und zu schätzen gewusst.“

Zweites berufliches Standbein als Diversity-Coach geplant

Nichtsdestotrotz hat diese präoperative Phase unfassbar viel Kraft gekostet. „Du stehst immerzu auf dem Präsentierteller. Das muss man aushalten können.“ Da sei 2018 eine feste Anstellung an einer Bielefelder Sekundarschule wie gerufen gekommen. Dort wisse der Großteil der Schülerschaft um den besonderen Werdegangs ihres Deutsch-, Philosophie und Kunstlehrers.

Mittlerweile ist Burgheim drauf und dran, sich ein zweites berufliches Standbein aufzubauen. „Ich plane sozusagen in den nächsten fünf Jahren meine berufliche Transformation“, sagt er.

Er möchte sich als Diversity-Coach – neben seinem Lehrer-Job – selbstständig machen. Die erste praktische Erfahrung steht ihm bevor. In Zusammenarbeit mit der Präventionsbeauftragten Laura Bureck des Nachwuchsleistungszentrums (NL) des DSC Arminia Bielefelds wird er mehrere Workshops zum Thema „Transidentität“ moderieren.

„Eine superspannende Reise“

„Dauernd wird mein Rat eingeholt“, sagt Burgheim. Dabei geht es nicht nur um Transsexualität oder Homosexualität, sondern viele andere Themen, die Minderheiten und Mehrheiten gleichermaßen betreffen. „Ich habe da einen gewissen Blick und eine Art, Dinge differenziert zu betrachten, was Vertrauen schafft“, sagt er. Nicu Burgheim möchte mithelfen, den Dialog in der Gesellschaft voranzutreiben, um mehr Verständnis für die Situation eines jeden einzelnen zu erzielen.

Nicu Burgheims zweite Karriere beginnt

Am 14. April 2021 hatte Nicu Burgheim – so hofft er – seine vorletzte Operation. Sein Fazit seiner Transition, der vergangenen Jahre: „Es war für mich eine superspannende Reise. Der Zeitpunkt war rückblickend betrachtet perfekt gewählt. Ich bin jetzt 33, meine zweite Pubertät geht gerade zu Ende. Gefühlt bin ich ein junger Hüpfer und alter Hase zugleich — je nach Perspektive.“

So erklärt er, dass er sich wie ein A-Jugendlicher fühle, der nun den Sprung zu den Senioren macht. Ab der kommenden Saison beginnt dann nämlich Nicu Burgheims zweite Karriere – als Fußballer bei den Männern.

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