Des Deutschen Gartentraum musste über alle Moden hinweg immer praktisch und langlebig sein. Natürlich dagegen eher nicht. © dpa
Kolumne „Wohn(t)räume“

Des Deutschen Gründlichkeit hat die Gartennatur endgültig gezähmt

Wohnen ist ein Lebensgefühl. In dieser Kolumne beschäftigt sich unser Autor regelmäßig mit „Wohn(t)räumen“. Heute geht es um die Gründlichkeit des Deutschen im Garten und auf der Terrasse.

Wir Deutsche haben keine Gartentradition wie etwa Engländer, Holländer oder Japaner. Während in diesen Ländern seit Jahrhunderten Gartenkunst verwirklicht wird, beherrscht in deutschen Gärten preußische Vernunft die Gartengestaltung.

Statt aufwändiger Stilgärten herrschte hier Kartoffelbeet-Garten vor. Wo der Japaner auf die Ausgewogenheit der Elemente achtet, Zen und Feng-Shui einsetzt, war der deutsche Garten ein reiner Nutzraum. Nicht umsonst durfte und darf im Schrebergarten kein Trampolin stehen. Wohin kämen wir auch, wenn wir im Garten Spaß hätten. Hier regiert die Pflicht.

Bohnen schnibbeln kann man auf dem Küchenstuhl

Und so sah auch die Möblierung unserer Gärten lange Zeit aus. Ausgediente Küchentische und -stühle reichten immer noch, um auf der Terrasse die Bohnen zu schnibbeln. Liegen? Kannst du abends im Bett. Teure Teakmöbel wie im englischen Landschaftsgarten? Reiner britischer Snobismus.

Der erste, noch ganz zarte Hauch von Veränderung wehte in den 50er-Jahren in die deutschen Gärten, als die Hollywood-Schaukel zum Traum der Wirtschaftswunder-Deutschen wurde. Die war so herrlich mondän und hochelegant. Ein bisschen große weite Welt neben den spießigen Gartenzwergen.

Einige Stahlrohrsessel mit Schnurbespannung, Resopaltisch-Anmutungen und Relax-Liegen später war aus dem Gartendeutschen zwar immer noch kein Bauern- oder Landschaftsgärtner geworden, im Garten durfte jetzt aber auch mal geruht und gefeiert werden. Die Planschbecken wurden immer größer, der Spaßfaktor im Garten nahm zu, wenn auch nicht gerade überhand. Das wär ja noch schöner. Erst die Pflicht (Rasen mähen), dann das Vergnügen.

Kunststoff regiert, denn Langlebigkeit lebe hoch

Aber der Garten entwickelte sich tatsächlich zum zweiten Lebensraum. Und das mit deutscher Gründlichkeit und Hilfe aus den immer riesiger werdenden Baumarkt-Regalen. Der Mono-Plastik-Stapelstuhl hielt Einzug in den Garten. Dann der Hochlehner, dann Geflechtsessel in jeder denkbaren Darstellungsform. Aber natürlich aus Kunststoff, denn die Langlebigkeit lebe hoch.

Es wurde immer gemütlicher draußen. Dafür sorgten die grünen Plastik-Rasenteppiche und der hochpraktische Gartenpavillon. Erst in Reinweiß, dann mit gestreiften Stoffen versehen, dann immer üppiger und wohnlicher aufgemacht. Nun konnte man draußen dem Wetter trotzen.

Der Gasgrill trat seinen unaufhaltbaren Siegeszug an

Als dann auch noch der Gasgrill seinen Siegeszug antrat, war des durchschnittsdeutschen Gartenhelden Glück komplett. Nun war man endgültig nicht mehr den Naturelementen ausgeliefert, sondern hatte das Feuer mit Piezozündung sicher im Griff. Die garantiert wetterfeste Lounge-Sitzgruppe schließlich rundet heute das deutsche Draußen-Wohnglück ab.

Die deutsche Gründlichkeit hat die Gartennatur endgültig in eine Nebenrolle gedrängt. Letztes, sich gegen den Kunststoff- und Stahlblech-Siegeszug aufbäumendes Grün, wird zur Not unter Schotter begraben. Holzdielen sind einem Plastikersatz gewichen. Denn zuallererst muss der Garten praktisch sein. Da ist sich des Preußen Seele treu geblieben.

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In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag so ausmacht.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter

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