Warten auf den nächsten Durchbruch: Die schwierige Situation der Talente beim BVB

dzBorussia Dortmund

Der Sprung zu den Profis wird für junge Talente bei Borussia Dortmund immer schwerer. Es gelten die höchsten Ansprüche, die Durchlässigkeit nach oben ist jedoch nur im Training gegeben.

Dortmund

, 20.11.2019, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für Luca Kilian hatte sich die Frage nach der schwarzgelben Perspektive erledigt. Obwohl seit 2011 ein echter Dortmunder Borusse, sagte er vor einem Jahr frühzeitig dem SC Paderborn zu.

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Es war Zeit für einen Wechsel. Beim BVB würde er nicht über die Regionalliga hinauskommen, ahnte er. In der Bundesliga verteidigt er jetzt für einen anderen Verein. Und das mit gutem Erfolg.

125.000 Euro Ablöse für Kilian, 15,5 Millionen für Balerdi

Seit dem sechsten Spieltag ist Kilian Stammspieler beim Aufsteiger aus Paderborn. Sein Notenschnitt von 3,67 (Kicker) kann sich sehen lassen für einen 20-Jährigen, der im ersten Erstliga-Spiel seiner Karriere gleich mal einen Robert Lewandowski an die Kette legte.

Bis vor sechs Monaten wühlte er sich noch mit Dortmunds U23 durch die Äcker der Regionalliga West, jetzt zählt er zu den besten Neuverpflichtungen eines Bundesliga-Klubs.

Warten auf den nächsten Durchbruch: Die schwierige Situation der Talente beim BVB

Mittlerweile ist Luca Kilian Stammspieler in der deutschen U21-Nationalmannschaft. © picture alliance/dpa

Während Kilian 125.000 Euro Ablöse einbrachte, verpflichtete der BVB im vergangenen Winter für 15,5 Millionen Euro Leonardo Balerdi von den Boca Juniors aus Argentinien. Jetzt holt sich der gleich alte Südamerikaner in der Regionalliga West Spielpraxis, wie vormals Kilian. Bei den Dortmunder Profis bekamen und bekommen die beiden Toptalente ihres Jahrgangs keine echte Chance.

Leonardo Balerdi und Dan-Axel Zagadou im Wartestand

Kilian durchlief die deutschen U-Mannschaften, gehört zum neuen Stammpersonal der U21. Balerdi kommt sogar auf zwei Kurzeinsätze für Argentiniens A-Mannschaft. Beim BVB schafft er es, wenn andere verletzt ausfallen, immerhin mal in den Spieltagskader. Auf dem Rasen des Signal Iduna Parks stand er noch nie.

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Dan-Axel Zagadou bekommt in der Bundesliga in dieser Saison bisher wenig Chancen. © deltatre

Einen halben Schritt weiter, viel mehr inzwischen nicht mehr, befindet sich Dan-Axel Zagadou (20). In seiner musterhaften Karriere durchlief er alle Nachwuchs-Nationalmannschaften im hoch gepriesenen Ausbildungsland Frankreich.

Anders jedoch als zum Beispiel seine langjährigen Kollegen in den Auswahlteams, Dayot Upamecano oder Ibrahima Konaté, die bei RB Leipzig längst zu Stammspielern gereift sind, fristet Zagadou in Dortmund ein eher betrübliches Dasein. Ein einziger Startelfeinsatz in dieser Saison – das war’s. Auf das kurze Hoch im vorigen Herbst folgte nur Tristesse.

Drei Innenverteidiger, drei Werdegänge

Zagadou, Kilian oder Balerdi haben auf unterschiedliche Art unter Beweis gestellt, dass sie es bis ganz nach oben schaffen können im Profifußball. Talent, Tauglichkeit, Tatendrang. Drei Innenverteidiger, drei Werdegänge – und dreimal Bremsklotz Borussia Dortmund.

Als erklärtes Ziel gilt es beim BVB, möglichst einen der vielen, vielen Rohdiamanten aus dem eigenen Nachwuchs so weit zu schleifen, dass er es in den Profikader schaffen kann. In der gesamten Bundesliga gelingt das pro Jahr nur einer Handvoll Spieler. Vom Nachwuchsspieler in einen Kader mit Stammplatz und Ansprüchen in der Champions League, viel größer kann der Sprung nicht sein.

Gelungen ist das in den vergangen Jahren bei Christian Pulisic und Jacob Bruun Larsen. Pulisic debütierte im Januar 2016, Bruun Larsen im Oktober 2016. Lange her. Und das waren Offensivspieler, die sich womöglich noch einen Tick leichter tun, weil bei ihnen die bestehende physische Unterlegenheit nicht so schwer ins Gewicht fällt.

Ein Quartett wurde mit Profiverträgen ausgestattet

Zu dieser Saison hat der BVB die eigenen Toptalente Tobias Raschl (19), Patrick Osterhage (19), Alaa Bakir (18) und Luca Unbehaun (18) mit Lizenzspielerverträgen ausgestattet. Sie dürfen regelmäßig bei den Profis mittrainieren, immerhin. Auch wenn Entwicklungen in dieser Altersklasse schwer absehbar sind: Kurz vor einem Debüt im Profifußball, so ehrlich muss man sein, steht unter normalen Umständen keiner aus diesem Quartett.

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Alla Bakir ist regelmäßig im Profitraining dabei. © Kirchner/Christopher Neundorf

Seit dieser Saison begleitet der ehemalige Profi Otto Addo die größten Talente intensiv. Mit großem Aufwand, auch finanziell, will der BVB den großen Graben zwischen den ambitioniertesten Jugendlichen und den Profis überwindbar machen.

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„Das ist unsere erste Bürgerpflicht, dass wir die Jungs aus dem eigenen Stall weiterentwickeln“, sagt Michael Zorc. Der BVB-Sportdirektor: „Es wird aber auch nicht einfacher, sondern eine große Herausforderung für unsere Leiter im Nachwuchs, dass wir in der absoluten Spitze dazugehören.“

Felix Passlack von der Überholspur nach Fortuna Sittard

Bei den „high potentials“, also den begnadetsten Talenten, kommt eine Mehrzahl inzwischen aus Frankreich, Spanien oder England. Hier hat Deutschland in der Ausbildung den Anschluss verloren.

Besitzt ein Juniorenspieler „die klare Perspektive, Profifußballer zu werden“, wie es Lars Ricken, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums ausdrückt, holt der BVB auch Kandidaten aus dem Ausland. Wie zuletzt Giovanni Reyna aus den USA oder Bradley Fink aus der Schweiz. Ob sich die Hoffnungen erfüllen? Es bleibt ungewiss.

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Einst galt Felix Passclack beim BVB als großes Talent, der Durchbruch gelang ihm aber nicht. © picture alliance / Sven Hoppe/dp

Einer, der diese Unwägbarkeiten bereits hinter sich gelassen zu haben schien, heißt Felix Passlack (21). 16 Bundesliga-Einsätze, ein Tor in der Champions League – der Weg schien geebnet. Doch irgendwann endete für den Außenverteidiger der Weg auf der Überholspur, stattdessen wurde er abgehängt. Seit Sommer 2017 verleiht ihn der BVB hierhin und dorthin. Nur ein Rest Hoffnung besteht, dass Passlack, aktuell bei Fortuna Sittard geparkt, in Dortmund nochmal den Durchbruch schafft.

Auch Mateu Morey kam bisher nur in der Regionalliga zum Einsatz

Lieber wettet der Klub auf Mateu Morey (19), einen spanischen Rechtsverteidiger vom FC Barcelona, der in seinem Jahrgang als Ausnahmetalent gilt wie es einst auch für Passlack galt. Mehr als 356 Minuten bei fünf Aushilfs-Einsätzen in der Regionalliga West hat aber auch Morey noch nicht auf dem Stundenzettel.

Bei ihm erschwerten, wie es auch bei anderen Anwärtern der Fall war, Verletzungen die persönliche Situation. Das generelle Problem der Durchlässigkeit wiederum bleibt bestehen. Die Talente nur in Ausnahmefällen so überragend gut, dass sie direkt im Profifußball mitkicken könnten. Und bei den Profis herrscht wenig Platz und wenig Nachfrage.

Das Nadelöhr wird immer kleiner, die Anforderungen höher

Den Ruf als eines der besten Sprungbretter für große Talente hat sich Borussia Dortmund über viele Jahre hart erarbeitet. Unter anderem Jadon Sancho oder Ousmane Dembélé, die in ihrer Entwicklung schon weit vorangeschritten waren, wurden hier zu internationalen Stars.

Davor eine Reihe deutscher Jungs wie Mario Götze oder Mats Hummels. Doch auch beim BVB wird das Nadelöhr immer kleiner, die Anforderungen für den Eintritt in den elitären Kreis werden immer höher.

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Pascal Stenzel ist Stammspieler beim VfB Stuttgart in der zweiten Liga. © picture alliance/dpa

Das mussten reihenweise Kandidaten enttäuscht feststellen. Mikel Merino oder Alexander Isak, Sergio Gomez oder Dzenis Burnic. Pascal Stenzel, Jonas Hofmann oder Jeremy Dudziak. Die Liste ließe sich beliebig lang erweitern.

Luca Kilian vor seinem ersten Bundesligaspiel im Signal Iduna Park

Nicht zuletzt muss ein Klima vorherrschen, in dem Chancen eingeräumt und Fehler verziehen werden. BVB-Trainer Lucien Favre, angetreten mit dem Prädikat, dass er Spieler besser mache, setzt spätestens seit diesem Sommer hingegen fast ausschließlich auf erfahrene Spieler.

Zagadou oder Bruun Larsen, die in der Spielzeit 2018/19 noch auf ihre Minuten kamen, sind weitgehend außen vor. Die anderen Nachwuchshoffnungen wie Balerdi oder Morey sowieso. Und ohne regelmäßige Spielpraxis, gerade im Übergangsbereich zwischen Junioren und Senioren, klafft dann eine immer größere Lücke.

Am Freitagabend bestreitet Luca Kilian endlich sein erstes Bundesliga-Spiel im Signal Iduna Park. Er musste dazu nach Paderborn wechseln.

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