Vier-Minuten-Borusse: Ritz sichert sich Eintrag im BVB-Geschichtsbuch

dzBorussia Dortmund

Seine BVB-Karriere verlief extrem kurz. Nur vier Minuten spielte Stephan Ritz im Dortmunder Trikot. Vergessen haben ihn die ehemaligen Borussia-Kollegen aber nicht.

Dortmund

, 01.08.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Plötzlich war er da, sein ewiger Moment. Die Sekunde, in der sich der Traum, Fußballprofi zu sein, für Stephan Ritz erfüllte. Am 21. Oktober 1989 gastierte Borussia Dortmund beim VfB Stuttgart. Es war eigentlich ein Nachmittag, der sich nicht in die Heldenliste der BVB-Geschichte einordnen lässt. Eher tief in die Kiste der schnell zu vergessenden Spiele. Dortmund spielte schwach, verlor mit 1:3. Für Stephan Ritz aber hat sich dieser Tag, diese 86. Minute der Partie, im Gedächtnis eingebrannt. Schiedsrichter Dr. Markus Merk pfiff zur Auswechslung, Borussias Torjäger Jürgen Wegmann stapfte vom Feld, und Ritz durfte rein. Das erste Mal Bundesliga. Angekommen bei den Profis. „Ich habe mich tierisch gefreut, denn das war es, was ich wollte“, erinnert sich Ritz.

Vier BVB-Minuten für Stephan Ritz, zwei für Toni Schumacher

Es war ein kurzer Genuss. Vier Minuten lang dauerte damals sein Dienst für den BVB in Stuttgart, Merks Abpfiff war auch gleichzeitig das Ende von Ritz‘ Bundesligakarriere. Vier Minuten Profi. Das war’s. In den Statistiken von Borussia Dortmund holt sich der heute 55-Jährige damit Rang zwei. Nur Toni Schumacher stand noch kürzer im Trikot der Borussia auf dem Rasen: Am 34. Spieltag der Saison 1995/96 schenkte Trainer Ottmar Hitzfeld passend zur Meisterfeier Torhüter-Oldie Schumacher zwei Minuten Einsatzzeit.

Stephan Ritz (mittlere Reihe, 5.v.l.) auf dem Mannschaftsfoto des BVB für die Saison 1989/90.

Stephan Ritz (mittlere Reihe, 5.v.l.) auf dem Mannschaftsfoto des BVB für die Saison 1989/90. © imago

Schmunzeln kann Stephan Ritz zwar mittlerweile über seinen kuriosen zweiten Tabellenplatz, aber einen Rest Enttäuschung kann er auch 31 Jahre nach dem Ende seiner Kurz-Karriere nicht leugnen. „Es ist schade. Ich habe keine weitere Chance in Dortmund bekommen, obwohl ich in der zweiten Mannschaft Leistung gebracht und mich mit Toren empfohlen habe“, sagt er. Die 100 Meter sprintete er in elf Sekunden, er schoss beidfüßig, galt als großes Offensivtalent. Der Durchbruch aber, er misslang. „Ich habe zwar öfters auf der Bank gesessen, aber keine große Rolle gespielt, Trainer Horst Köppel hat nicht auf mich gesetzt. Und irgendwann habe ich dann innerlich aufgegeben.“

Ritz hat beim BVB gegen Rummenigge, Zorc und Möller keine Chance

Er habe sich als junger Spieler damals alleingelassen gefühlt, anders als heute gab es im Klub keine Betreuer, keine Integrationsbeauftragten. „Du hattest den Busfahrer, deine Teamkollegen und musstest selbst sehen, dass du dich irgendwie durchboxt“, sagt Ritz. Doch gegen Offensiv-Konkurrenten wie Nobby Dickel, Michael Rummenigge, Andreas Möller, Jürgen Wegmann oder Michael Zorc sah er letztlich kein Land. Mehr als diese vier Minuten in Stuttgart bekam er nicht. Also zog er mit 25 Jahren mutig einen Schlussstrich. Er legte das Profitrikot ab, suchte und fand das große Glück woanders. In Verl. Hier ließen sich Fußball aus Leidenschaft und Job gut verbinden.

Die sieben Jahre beim SC Verl „waren eine unglaublich schöne, erfüllte Zeit“, betont Ritz. Trotz dieser Herausforderung: Erst neun Stunden arbeiten in der Firma, dann abends auf den Trainingsplatz, am Wochenende spielen in der Oberliga. Der Spaß überwog. „Mein Herz hängt längst am SC.“ Auch, weil er dort seine heutige Frau kennenlernte. Die Tochter des Hauptsponsors. Als er 1997 nach einem Kreuzbandriss seine Karriere beenden musste, stieg er fest in ihre Immobilienfirma ein. Auch das - ein Treffer. Ritz kümmert sich zudem bis heute im Verwaltungsrat des SC Verl mit um die Entwicklung des Klubs, der sich jetzt in der 3. Liga versucht. „Das macht mir riesig Spaß, die Jungs zerreißen sich auf dem Platz“, lobt Ritz, „dagegen fehlt mir bei den Dortmunder Borussen in der Bundesliga manchmal das Feuer.“

Die alte Liebe zum BVB ist nie eingefroren

Trotzdem ist die alte Liebe zum BVB nie eingefroren. „Ich bin immer noch volle Kanne BVB-Fan, auch meine beiden Söhne sind Dortmunder.“ Seine Dauerkarten im Signal Iduna Park mit Sitzplätzen auf Höhe der Mittellinie hinter den Trainerbänken dokumentieren das. Dabei musste Ritz schon als junger Spieler viel Geld für den BVB ausgeben. Zwangsweise. 1500 D-Mark Strafe brummte ihm Borussias Manager Klaus Gerster damals auf, weil Ersatzkraft Ritz sich im Gespräch mit Journalisten nach einem Spiel einen flapsigen Spruch nicht verkneifen konnte. Schwamm drüber.

Und wie ist es heute um den Kontakt zu früheren BVB-Kollegen bestellt, zum Beispiel zu seinem früheren Zimmergenossen Thomas Helmer? „Kaum bis gar nicht“, gesteht Ritz, „da gibt es keine Drähte mehr.“ Vergessen aber ist der Vier-Minuten-Borusse trotzdem nicht. Vor einiger Zeit im Dortmunder Stadion, da habe er am Rande einer Partie zufällig Teddy de Beer und später noch Nobby Dickel getroffen. Beide hätten ihn sofort erkannt. „Da war ich schon verblüfft nach so langer Zeit“, sagt Ritz. Und seine BVB-Autogrammkarte von damals, die hat er bis heute aufgehoben. Für alle Fälle. Für die Ewigkeit. Genau wie seine vier Minuten als Borussen-Profi.

Lesen Sie jetzt