Stichtag 30. Juni? Borussia Dortmund droht ein großes Transfer-Puzzle

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Die FIFA empfiehlt, auslaufende Verträge während der Corona-Krise an den tatsächlichen Saisonabschluss zu koppeln. Beim BVB sind elf Spieler betroffen. Was wird aus Götze und Co.?

Dortmund

, 13.04.2020, 15:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Noch ist die Hoffnung bei Borussia Dortmund und der Deutschen Fußball Liga (DFL) groß, den Ligabetrieb bis zum 30. Juni 2020 halbwegs regulär beenden zu können. Es würde vieles erleichtern, sicher aber ist es nicht - weder in Deutschland und der Bundesliga noch sonst wo auf der Welt. Dabei rückt der Stichtag 30. Juni zunehmend in den Fokus, weil an diesem Tag viele Verträge auslaufen. In der Bundesliga sind mehr als 100 Spieler unmittelbar davon betroffen, allein bei Borussia Dortmund sind es elf.

Verträge sollen wirksam werden, wenn die neue Saison effektiv beginnt

Der Fußballweltverband FIFA hat in der vergangenen Woche die Empfehlung ausgesprochen, die Vertragslaufzeiten an das tatsächliche Saisonende der derzeit unterbrochenen Spielzeiten anzupassen. „Ablaufende Spielerverträge enden normalerweise mit Saisonende. Da der Spielbetrieb in den meisten Ländern eingestellt wurde, endet die laufende Saison nicht wie ursprünglich angenommen. Aus diesem Grund sollen Verträge bis zum effektiven Ende der Saison verlängert werden“, heißt es von der FIFA. „Diese Regelung sollte der ursprünglichen Intention der Parteien bei Vertragsabschluss entsprechen, während die sportliche Integrität und Stabilität gewahrt bleiben.“

Das bedeutet nichts anderes, als dass ursprünglich am 30. Juni auslaufende Arbeitsverträge bei Bedarf ausnahmsweise verlängert werden dürften, bis die Saison zu Ende gespielt ist. Es würde außerdem bedeuten, dass vertraglich bereits feststehende Spielerwechsel zum 1. Juli 2020 erst später über die Bühne gehen könnten. In der FIFA-Mitteilung steht, dass „diese Verträge erst wirksam werden, wenn die neue Saison effektiv beginnt“. Der Verband hoffe und erwarte, dass die Richtlinien „weltweit befolgt werden“.

BVB-Sportdirektor Zorc steht vor intensiven Wochen

Das klingt in der Theorie erst einmal einfach, in der Praxis aber dürfte es schwierig werden - und BVB-Sportdirektor Michael Zorc stünden wohl sehr komplizierte und arbeitsintensive Wochen ins Haus, sollte die Bundesliga-Saison 2019/2020 über den 30. Juni hinaus ausgetragen werden, denn bei Borussia Dortmund laufen im Sommer elf Verträge aus. Aus dem aktuellen Kader wären - Stand jetzt - Mittelfeldspieler Mario Götze, Vize-Kapitän Lukasz Piszczek und der dritte Torhüter Eric Oelschlägel ab dem 1. Juli ohne Vertrag, Achraf Hakimi müsste zurück zu seinem Stammverein Real Madrid. Außerdem enden sieben Leihverträge von Spielern, die derzeit bei anderen Klubs „geparkt“ sind.

Andre Schürrle kickt noch bis Sommer bei Spartak Moskau. Ob der Tabellensiebte der russischen Liga die Kaufoption in Höhe von acht Millionen Euro zieht, ist unklar. Ömer Toprak, verliehen an Werder Bremen, wechselt im Sommer eigentlich per Kaufverpflichtung für knapp fünf Millionen Euro Ablöse an die Weser, es sei denn, Werder steigt in die zweite Liga ab. Jeremy Toljan hängt bei US Sassuolo in der vom Coronavirus besonders gebeutelten italienischen Serie A in der Warteschleife (Kaufoption in Höhe von fünf Millionen Euro), Marius Wolf in Berlin bei Hertha BSC (Kaufoption in Höhe von 20 Millionen Euro). Felix Passlack (Fortuna Sittard, Niederlande), Sergio Gomez (SD Huesca, Spanien) und Dzenis Burnic (Dynamo Dresden, 2. Bundesliga) kehren nach jetzigem Stand im Sommer zunächst einmal nach Dortmund zurück.

Beim BVB gibt es viele unbeantwortete Fragen

Die Leihgeschäfte zu anderen Bundesligisten ließen sich womöglich noch relativ einfach verlängern, komplizierter würde es wohl bei den Leihgeschäften in andere Ligen. Vielleicht endet der Ligabetrieb in Spanien, Italien, Russland oder den Niederlanden deutlich später als in Deutschland. Was wäre dann? Was wäre, wenn Spieler lieber früher wechseln würden, um bei ihren neuen Vereinen früher einsteigen zu können? Und was ist ganz allgemein, wenn beide Lager eigentlich gar kein Interesse daran haben, die Zusammenarbeit noch einmal zu verlängern, auch nicht für ein paar Wochen, wie es beispielsweise beim BVB und Mario Götze der Fall sein könnte. Würden manche Verträge dann während der Saison enden und andere nicht? Oder müsste Borussia Dortmund Götze bis zum tatsächlichen Saisonende weiter beschäftigen und damit auch weiterhin fürstlich bezahlen? Es gibt viele unbeantwortete Fragen.

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Rechtlich bindend, immerhin das ist eindeutig, ist die FIFA-Empfehlung nicht. Entscheidend seien immer, so heißt es beim Weltverband, „das nationale Arbeitsrecht und die Autonomie von Klubs und Spielern“. Zorc erwartet also wohl nicht ohne Grund einen „unlustigen Sommer“, wie er jüngst dem „Kicker“ erklärte. Klar ist im Moment nämlich eigentlich nur, dass fast nichts klar ist. Auch ein drittes und zusätzliches Transferfenster im Herbst ist Gegenstand der FIFA-Überlegungen. Außerdem scheint eine Verlängerung der Transferperiode über den 31. August hinaus denkbar.

Bellingham und Meunier stehen beim BVB auf dem Zettel

Genauer betrachtet, sind bei Borussia Dortmund nicht nur die elf Spieler betroffen, deren Verträge auslaufen oder deren Leihen enden, sondern auch die, die entweder kommen sollen oder den BVB womöglich verlassen wollen. Im Raum stehen beispielsweise die Wechsel von Jude Bellingham (Birmingham City) und Thomas Meunier (Paris Saint-Germain) zum BVB. Noch lässt sich allerdings nicht prognostizieren, wann und ob in England oder Frankreich wieder gespielt werden kann - und damit bleibt aktuell auch völlig unklar, wann sich diese Transfers realisieren ließen.

Stehen beim BVB auf dem Zettel: Jude Bellingham (r.) und Thomas Meunier.

Stehen beim BVB auf dem Zettel: Jude Bellingham (r.) und Thomas Meunier. © imago

Auf der Abgangsseite denkt Marcel Schmelzer über eine neue Herausforderung nach, auch für Mahmoud Dahoud und Manuel Akanji könnte ein Wechsel zu einem anderen Klub im Sommer ein Thema werden. Bei Jadon Sancho weiß derzeit niemand, ob es nach der Corona-Krise noch Klubs gibt, die bereit sind, weit über 100 Millionen Euro Ablöse für einen Spieler zu bezahlen. Mateu Morey, Leonardo Balerdi und Tobias Raschl gelten im Sommer als Kandidaten für weitere Leihgeschäfte.

Auf die BVB-Veranzwortlichen wartet ein „unlustiger Sommer“

FIFA-Präsident Gianni Infantino, sonst nicht zwingend für Bescheidenheit bekannt, appelliert in der Corona-Krise an die „Solidarität und Kompromissbereitschaft“ der Vereine. Nicht auszuschließen, dass es bei diesem frommen Wunsch bleibt, falls in Europas-Fußballligen über den 30. Juni hinaus gespielt wird - oder gespielt werden muss, weil vorzeitige Saisonabbrüche nur noch mehr Chaos anrichten würden. Das mit dem „unlustigen Sommer“ trifft es wahrscheinlich ganz gut.

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