Sportpsychologe Linz über BVB-Talent Moukoko: „Absolute Ausnahmesituation“

dzBorussia Dortmund

Mit gerade einmal 16 Jahren steht Youssoufa Moukoko vor seinem Profi-Debüt für den BVB. Im Interview spricht Sportpsychologe Lothar Linz über Chancen, Risiken und die Rolle des Vereins.

Dortmund

, 20.11.2020, 16:07 Uhr / Lesedauer: 3 min

Herr Linz, Youssoufa Moukoko gilt als bodenständig, fleißig und ehrgeizig. Für sein Alter wird er als sehr reif beschrieben. Dennoch befindet er sich immer noch mitten in der Pubertät. Sehen Sie daher ein gewisses Risiko, ihn ins Haifischbecken Profi-Fußball zu werfen?
Jeder kann mit seinem gesunden Menschenverstand erkennen, dass es ein gewisses Risiko gibt. Es ist immer die Frage, ob es ein Risiko ist, das man deswegen nicht eingehen sollte oder das Maß des Risikos nicht vertretbar ist. Das würde ich jetzt nicht sagen. Aber ein Risiko ist ganz fraglos damit verbunden.


Gibt es Möglichkeiten, hier präventiv zu arbeiten - beispielsweise indem er nicht für Medienanfragen und Interviews zur Verfügung steht?

Alleine dieses Interview zeigt schon, wie sehr er Thema in den Medien ist. Es ist ein besonderer Fall, der sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Aber man muss sich klar machen, auch wenn man ihn überall raushält, dass er selbst das alles mitbekommt. Zum Beispiel über Social Media. Wichtiger ist die Frage, und ich da bin ich mir sicher, dass der BVB das seriös handhaben wird, wer ihm wie zur Seite stehen wird. Wo wird abgepuffert, wenn die Leistung mal nicht stimmt? Wie erlebt er den ganzen Rummel? Er hat sicherlich den Vorteil, dass er zu einem Zeitpunkt reinkommt, wo keine Zuschauer im Stadion sind. Somit fällt ein Faktor weg. Die gute Begleitung steht aber im Mittelpunkt, darum geht es ganz zentral.“

Zur Person: Lothar Linz ist Diplom-Psychologe und seit vielen Jahren im Bereich Sportpsychologie tätig. Er arbeitete jahrelang als Verbandspsychologe des Deutschen Handball-Bundes und bei SwissVolley und ist derzeit leitender Sportpsychologe am Olympiastützpunkt NRW/Rheinland sowie Dozent an der Trainerakademie in Köln (des DOSB).
Sportpsychologe Linz über BVB-Talent Moukoko: „Absolute Ausnahmesituation“


Sie sehen also eine besondere Verantwortung beim Verein?

Sicher, aber das sieht der Verein bestimmt auch selbst so. Deswegen bin ich mir sicher, dass er das sehr seriös handhaben wird.“


Warum ist es aus Ihrer Sicht ein Vorteil, dass keine Zuschauer im Stadion sind?

Das wäre ein zusätzlicher Faktor. Sie müssen sich überlegen, wenn ein 16-Jähriger vor 80.000 Zuschauern ins Stadion käme, das hätte eine sehr, sehr große Wirkung auf ihn. Wenn man das nicht kennt und vorher nur im Nachwuchsbereich gespielt hat, vor ein paar Hundert Leuten, dann löst es etwas aus, wenn 80.000 für einen schreien. Das kann etwas Gutes auslösen, ist definitiv aber auch ein Druckfaktor. Er muss das also nicht noch zusätzlich bewältigen.


Sehen Sie es eigentlich kritisch, dass der Trend im Fußball generell dahin geht, immer mehr auf sehr junge Spieler zu setzen?

Ich glaube, dass das kritisch zu sehen ist. Gleichzeitig muss man es aber auch realistisch sehen. In diesem Fall hat der Verein gar nicht viele Alternativen. Ich wüsste nicht, wie er es anders machen sollte. Es wäre sehr künstlich, diesen Athleten, der einfach das Leistungsvermögen hat, fernzuhalten. Dann würde es an vielen Stellen zu Irritationen führen. Wir haben bei Youssoufa Moukoko eine absolute Ausnahmesituation. Es ist zum Glück nicht so, dass da fünf oder sechs 16-Jährige reingeworfen werden. Der letzte wirklich vergleichbare Fall war Nuri Sahin.

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Sie sind also eher kritisch?

Es sind eben viele Risiken damit verbunden. Wie gut kann der Junge das alles verkraften? Wir kennen andere Fälle, bei denen Spieler sehr früh in der Öffentlichkeit standen und dann den Sprung nie oder lange nicht geschafft haben. Ich denke an Martin Ödegaard, der damals zu Real Madrid gegangen ist. Das ist ein klassisches Negativbeispiel. Und in Dortmund war früher Lars Ricken so ein Shootingstar. Er war 20 Jahre alt, als er das Tor im Champions-League-Finale geschossen hat. Es bleibt immer ein schmaler Grat, auf dem man sich bewegt.


Wie schätzen Sie das vermeintliche Problem der Erwartungshaltung ein? Die Öffentlichkeit will von dem Jungen natürlich Tore sehen ...

Das sehe ich gar nicht als den größten Faktor. Natürlich ist Druck etwas, was wir auf ihn projizieren und daher will ich das nicht ausschließen. Ich würde aber eher sagen, dass man den Jungen laufen lassen sollte. In der Regel haben solche jungen Kerle etwas Unbedarftes. Das ist auch etwas ganz Erfrischendes. Der Spieler macht sich bestimmt auch weniger Gedanken als wir das an manchen Stellen tun. Das ist auch ein Grund, warum es künstlich wäre, ihn nun davon fernzuhalten. Man würde damit alles verkomplizieren.

Also ist Druck aktuell kein so großes Problem?

Nein, es ist vielmehr der Druck, der dann in der Folge entsteht. Wenn es gelingt, gut reinzukommen, sprich er würde spielen und möglicherweise sogar das ein oder andere Tor schießen, dann entsteht eine Folgeerwartung. Die ist viel gefährlicher als jetzt der allererste Moment, wo er einfach reinkommt und nur sein Ding macht. Dieses Nachdenken haben wir zum Beispiel bei Boris Becker erlebt. Das Problem für ihn war nicht das erste Wimbledon-Turnier, da ist er einfach reingegangen. Danach wird es irgendwann schwierig. Wenn man realisiert, was passiert und es prasselt viel auf einen ein. Dann entstehen von außen viele Wünsche und Begehrlichkeiten. Dann kann es eine kritische Dynamik werden.


Bei Borussia Dortmund stehen in Giovanni Reyna, Jude Bellingham oder Jadon Sancho weitere sehr junge Spieler im Kader. Sehen Sie das als Vorteil für Moukoko?

Ich vermute das zumindest. Wir haben keinen Einblick und es kommt immer auf das interne Gefüge an. Ich sehe von außen betrachtet aber eine Chance darin. Dadurch ist die Diskrepanz geringer, er hat mehr Gleichgesinnte um sich herum. Sie können ihm im Zweifel auch helfen, weil sie ähnliche Situationen bereits erlebt haben. Im Freizeitverhalten ist es auch viel einfacher, miteinander Parallelen zu finden.

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