Diego Simeone hat Atletico Madrid aus der Hölle zurück in den siebten Fußballhimmel geführt. Sein Credo ist einfach - und die Menschen liegen ihm zu Füßen.

Dortmund

, 23.10.2018, 18:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt so viele Geschichten über Diego Simeone, dass man nicht wirklich weiß, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Es sind so viele Geschichten, dass man sie nicht alle auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen kann - und viele von ihnen sind so wunderbar vollgestopft mit Kitsch, Ritualen und Fußballromantik, dass man sie am liebsten gar nicht hinterfragen, sondern einfach glauben möchte.

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Da ist zum Beispiel die Geschichte, dass Simeone, den sie in Madrid „El Cholo“ (abwertender Ausdruck für Mischlingskind) nennen, vor jedem Spiel in der Kabine mit seinen Söhnen telefoniert, während sich die Spieler auf dem Rasen aufwärmen. Er brauche diese Gespräche, heißt es, als Ruhe vor dem Sturm, den Simeone Spiel für Spiel, partido a partido, an der Seitenlinie erzeugt, sobald er die Kabine verlassen hat.

Rot-Weiße Tornetze

Da ist die Geschichte, dass Simeone jeden Abend per Skype am Abendessen seiner Familie in Argentinien teilnimmt, obwohl er mehrere tausend Kilometer entfernt, mitten in der Nacht, in Madrid sitzt. Da ist die Geschichte, dass Simeone als Spieler seinen Mitspielern vor wichtigen Spielen gerne den Mittagsschlaf verweigerte, weil er nicht verstehen konnte, wie man vor solch wichtigen Spielen überhaupt an Schlaf denken konnte. Und da ist die Geschichte, dass Simeone als erste Trainer-Amtshandlung in Madrid entschied, die Tornetze im Estadio Vicente Calderon auszutauschen und endlich wieder rot-weiße Netze in den Vereinsfarben Atleticos aufzuhängen.

Zumindest die Sache mit den Tornetzen ist wahr. Und sie war der Startschuss zu einer weiteren Geschichte, die gar nicht erst überprüft werden muss, weil sie jeder an nackten Zahlen ablesen kann. Es war der Startschuss zu einer unglaublichen Erfolgsgeschichte.

Wenig Glanz, viel Tristesse

Rückblick: Als Simeone zusammen mit seinem Co-Trainer German Burgos, der eher den Charme eines Türstehers als den eines Fußballlehrers versprüht, Atletico Madrid im Dezember 2011 übernimmt, liegen die Los Rojiblancos, die Rot-Weißen, sportlich am Boden. Atletico dümpelt mehr schlecht als recht durch die Liga. Platz zehn, wenig Glanz, viel Tristesse. Im spanischen Pokal hat sich die Elf vom damaligen Trainer Gregorio Manzano gerade gegen den Drittligisten Albacete blamiert. Miguel-Angel Gil Marin, der Präsident, steht in der Kritik, weil er in 15 Jahren 16 Trainer verschlissen und im Schnitt 14 neue Spieler pro Saison verpflichtet hat. Die Mannschaft ist zerstritten, die stolzen Fans sind irgendwas zwischen wütend, verletzt und beleidigt.

Dann kommt Simeone. Der Retter mit schwarzem Haar, schwarzem Hemd und schwarzem Anzug. Auf die Frage, wie er Atletico, den Klub, bei dem er schon als Spieler zweimal spielte, zurück zum Erfolg führen wolle, sagt der heute 48 Jahre alte Argentinier: „Ich will gewinnen. Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich hinein. Arbeit ist alles. Ich glaube nicht, dass nur gute Spieler eine Mannschaft verbessern. Ich glaube, dass Spieler, die gewinnen wollen, eine Mannschaft verbessern.“ Und weiter: „Wir spiegeln uns in der Gesellschaft, in der Menschen jeden Tag kämpfen müssen, um über die Runden zu kommen. Sobald wir aufhören zu kämpfen, haben wir keine Chance mehr.“

Kämpfen, kämpfen, kämpfen

Arbeit ist alles und kämpfen, kämpfen, kämpfen. Das Credo ist einfach und trieft vor Pathos, aber es wirkt Wunder. Atletico, der Arbeiterverein in der spanischen Hauptstadt, gewinnt plötzlich ganz schön oft. Am Ende der Saison steht Platz fünf in der Liga und der Titel in der Europa League. Ein Jahr später folgt der Pokalsieg, noch ein Jahr später die Meisterschaft. Für Atletico ist es die erste seit 1996, Kapitän damals: Diego Simeone.

Diego Simeone führt Atletico aus der Hölle in den siebten Fußballhimmel

Diego Simeone bejubelt gemeinsam mit seiner Familie den Europa-League-Sieg im Mai dieses Jahres. © dpa

Seit El Cholo zurück ist, hat Atletico bis auf diesen einen fünften Platz nie schlechter als auf Rang drei in der Liga abgeschnitten, zweimal die Europa League gewonnen, zweimal den Supercup gewonnen, einmal den spanischen Superpokal gewonnen, einmal die Meisterschaft gewonnen, einmal die Vizemeisterschaft gewonnen und einmal den spanischen Pokal gewonnen. Die spanischen Verhältnisse, mit dem FC Barcelona und Real Madrid als ewige Klassenbeste, sind von Simeone durchgeschüttelt worden wie ein Martini in James-Bond-Filmen.

Nur der Henkelpott fehlt noch

Die einzige Trophäe, die in der Klubvitrine fehlt, ist der Henkelpott, der Champions-League-Pokal, die wertvollste Krone des Klubfußballs. Zweimal stand Atletico unter Simeone im Finale, zweimal triumphierten die anderen. Was für Borussia Dortmund Wembley 2013 ist, das sind für Atletico das Estadio da Luz in Lissabon 2014 und das Giuseppe Meazza in Mailand 2016. 1:4 nach Verlängerung und 3:5 im Elfmeterschießen. Gegen den großen Nachbarn Real Madrid. Schmerzhafter ist schwierig.

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Doch Simeone wird weiterkämpfen, der Ehrgeiz treibt ihn an. Immer weiter. Partido a partido. Joaquin Caparros, der Sportdirektor des FC Sevilla, hat Atleticos Spielweise mal mit einem „Hammer, der immer weiter auf dich einschlägt“ verglichen. Arbeit ist eben alles. Kämpfen, kämpfen, kämpfen - so auch am Mittwochabend (21 Uhr) im Signal Iduna Park.

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