Als Spieler ist Nuri Sahin bei Werder Bremen noch nicht unentbehrlich, dafür gilt er in anderer Rolle als absolutes Vorbild. Am Samstag kehrt der Ex-Dortmunder zum BVB zurück.

von Marc Hagedorn

Bremen

, 14.12.2018, 17:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Dienstag beim Training haben Nuri Sahin und Manuel Mbom die Kollegen beim Fünf-gegen-Zwei ganz schön alt aussehen lassen. Manuel Mbom ist 18, Junioren-Nationalspieler und hat vor einem Jahr die Fritz-Walter-Medaille in Silber erhalten. Manuel Mbom soll irgendwann einmal in Werders Mittelfeld in der Bundesliga spielen. Nuri Sahin ist 30 und hat als Fußballprofi so ziemlich alles erlebt, was man erleben kann.

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Als Nuri Sahin so alt war wie Mbom jetzt, hatte er seine erste Bundesliga-Saison schon hinter sich. Am Dienstag nun ließen Sahin und Mbom Ball und Gegner beim Kreisspiel laufen. Es ging hin und her, dreimal, viermal, fünfmal, dann erst bekam irgendwann ein Kollege den Fuß dazwischen.

Nuri Sahin als Mentor

Manuel Mbom steht für die Zukunft von Werder, Nuri Sahin ist die Gegenwart. Mbom und Sahin sind so etwas wie Lehrling und Meister, könnte man auch sagen. Werder hat schon einen anderen Altmeister im Kader. Als Claudio Pizarro im Sommer überraschend zum vierten Mal zu Werder wechselte, geschah dies mit dem unüberhörbaren Hinweis darauf, dass Pizarro vor allem als Mentor für die jungen Stürmerkollegen wirken solle. Als Nuri Sahin im Sommer ebenso überraschend zu Werder wechselte, kam Sahin als Führungsspieler und mit der Erwartung, „dass ich gebraucht werde“, wie er bei seiner Antritts-Pressekonferenz sagte.

Sahin ist in Bremen eher Mentor als Stammspieler - emotionale Rückkehr zum BVB

Gebraucht wird Nuri Sahin tatsächlich, allerdings hat sich die Gewichtung ein wenig verschoben. Der Ex-Dortmunder ist vor allem als Mentor gefragt. © imago

Werder hat den doppelten Sahin. Sahin, den Spieler, der weniger zum Einsatz kommt als anfangs vermutet. Und Sahin, den Menschen, der Kraft seiner Biografie, Erfahrung und fußballerischen Fähigkeiten als Mentor für die jungen Profis im Kader wirkt. Ob das in dieser Ausprägung so gewünscht war? „Ich bin sehr zufrieden mit ihm“, sagt Cheftrainer Florian Kohfeldt.

Die Fakten zu Nuri Sahin als Spieler

Zu den Fakten: Sahin hat in sieben von zwölf möglichen Bundesliga-Spielen in der Startelf gestanden. Werder hat davon zwei Spiele gewonnen und vier verloren. Mit dem Tempo hat Sahin Probleme, alle verfügbaren Zahlen weisen ihn als einen der langsamsten Bundesligaspieler aus. Seine Passquote ist die beste aller Werder-Profis, seine Zweikampfquote sehr ordentlich. Ein Tor und eine Torvorlage sind ebenfalls solide Werte.

Aber ist das tatsächlich genug für einen, der aus der großen weiten Welt ins beschauliche Bremen gekommen ist? Kohfeldt hat auf eine ausufernde Nuri-Sahin-Diskussion eigentlich keine Lust. „Er hat starke Spiele gemacht“, sagt der Trainer und erinnert an das 3:1 gegen Hertha mit Sahin als alleinigem Sechser.

„Gegen Dortmund kann er sich natürlich Hoffnungen machen, in der Startelf zu stehen.“
Florian Kohfeldt über Nuri Sahin

Sahin ist auf der Sechs der bessere Ballbesitzspieler als Philipp Bargfrede, seinem Hauptkonkurrenten, der zurzeit verletzt ausfällt. Sahin dirigiert seine Nebenleute wortreich, seine langen Bälle hinter gegnerische Abwehrketten können eine Waffe sein. „In den letzten Wochen hat er – wie andere auch – ein wenig die Selbstverständlichkeit im Spiel mit dem Ball verloren“, räumt Kohfeldt ein, „aber gegen Dortmund kann er sich natürlich Hoffnungen machen, in der Startelf zu stehen.“

Sahin gibt Taktik-Nachhilfe in der Kabine

Kritiker werden sagen, dass diese Aussicht für einen Spieler von Sahins Klasse und Selbstverständnis ein bisschen dürftig ist. Ganz sachlich betrachtet ist sie schlicht Ausdruck von Kohfeldts Auffassung, dass nur wenige Spieler in einer Fußballmannschaft gesetzt sein sollten. Wenn von Nuri Sahins Bedeutung für diese Werder-Mannschaft die Rede ist, dann geht es häufig um Kategorien wie Charakterstärke und Sozialkompetenz. Kohfeldt erzählt regelmäßig davon, wie sehr sich Sahin mit der Mannschaft beschäftigt, wie sehr er Teamplayer und bereit ist, eigene Interessen zurückzustellen.

Nach dem jüngsten 3:1-Sieg über Düsseldorf, den Sahin trotz des Bargfrede-Ausfalls komplett von der Bank aus verfolgt hatte, erklärte Kohfeldt, im Vorfeld mit Sahin über mögliche Umstellungen im Mittelfeld gesprochen zu haben. „Man kann mit ihm Gespräche führen, die weit über ein normales Trainer-Spieler-Gespräch hinausgehen“, sagt Kohfeldt. Es ist in diesen Momenten eher so, als spricht ein Trainer zu einem anderen. Dazu passt die Geschichte, dass Sahin sich vor einigen Wochen in der Kabine die Zeit genommen hatte, um einem jungen Kollegen an der Tafel eine halbe Stunde lang taktische Details zu erklären. „Neben dem Platz“, sagt Kohfeldt, „hat Nuri die Erwartungen zu 1000 Prozent erfüllt.“

Sahin schweigt vor seiner Rückkehr zum BVB

Und was sagt Sahin selbst vor der anstehenden Rückkehr nach Dortmund, zu seiner „alten Liebe“, wie es Mitspieler Maximilian Eggestein ausdrückte? Nun, Sahin sagt nichts. Er gibt keine Interviews, er setzt sich nicht in die Pressekonferenz. Sahin ist da zur Enttäuschung der Journalisten sehr konsequent.

Sahin ist in Bremen eher Mentor als Stammspieler - emotionale Rückkehr zum BVB

Nach Bekanntwerden des Wechsel zu Werder Bremen, widmeten die BVB-Fans Nuri Sahin einen Banner mit der Aufschrift „Danke Nuri! Für immer Deutscher Meister!“ Am Samstag wird eine emotionale Verabschiedung erwartet. © imago

Aber was hätte er auch sagen sollen? Dass es ein besonderes Spiel für ihn ist? (Na klar) Dass er irgendwann zum BVB zurückkehren wird? (Selbstverständlich) Dass der BVB bärenstark spielt in dieser Saison? (Und ob) Also erspart er sich die mediale Folklore lieber, die im Zweifelsfall womöglich auch noch Schlagzeilen hervorbringt, die das Spiel zusätzlich anheizen würden.

Abschied vor dem Anpfiff

Emotional wird es so oder so. Der BVB hat angekündigt, Sahin vor dem Spiel offiziell verabschieden zu wollen. Und es wird erwartet, dass die Südtribüne den Spieler nach dem Schlusspfiff ausgiebig feiert. So war es zuletzt auch beim Besuch des verlorenen Sohnes Neven Subotic gewesen.

Ob er es sich überhaupt leisten könne, Sahin angesichts der hohen emotionalen Komponente dieses Spiels beim Anpfiff draußen zu lassen, war Kohfeldt am Donnerstag gefragt worden. Warum nicht, sagte Kohfeldt. „In Dortmund würde sich der eine oder andere in dem Fall sicher fragen, wie stark Werder denn besetzt sein muss, wenn es auf so einen starken Spieler verzichten kann.“ Diese Sichtweise gefällt dem Werder-Trainer deutlich besser als eine reine Nuri-Sahin-Diskussion.

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