Reporter mit Grenzen - Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön

Borussia Dortmund

Der BVB war mit seiner Verzweiflung in Freiburg nicht alleine. Unsere Reporter Sascha Klaverkamp und Tobias Jöhren irrten mit der Deutschen Bahn in den Breisgau – ein Protokoll des Grauens.

Dortmund

, 07.10.2019, 13:12 Uhr / Lesedauer: 3 min
Reporter mit Grenzen - Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön

© Daniel Abadia/Unsplash

Warum ich das beschauliche Rinkerode im schönen Münsterland so mag? Rinkerode hat nur zwei Bahngleise. Eins Richtung Münster, eins Richtung Hamm. Da läuft nichts schief.

Am Bahnübergang im Dorf geht die Schranke Tag für Tag verlässlicher runter als der Kurs der Bayer-Aktie seit der Monsanto-Übernahme. Die meisten Züge rauschen einfach durch, ein bisschen so wie in Wolfsburg, nur dass es in Rinkerode nicht so lustig ist, weil es niemanden interessiert.

Der Ursprung des Übels

Rinkerode ist weiß Gott nicht das Problem in dieser Geschichte, die ich am Samstagvormittag im Zug schreibe, es ist eher der Ursprung des Übels, ohne etwas dafür zu können. Denn hier geht der ganze Wahnsinn nun einmal los. Um 7.19 Uhr am frühen Morgen, Gleis eins.

Der Bummelzug nach Hamm, der einzige, der in Rinkerode freiwillig hält, fährt pünktlich ein und bringt mich sicher zum DB-Umschlagsplatz in der westfälischen Prärie zwischen Münster und dem Ruhrgebiet. Mein Ziel ist übrigens Freiburg im Breisgau, das Schwarzwaldstadion, die Arbeit ruft, SCF gegen BVB. Anstoß 15.30 Uhr.

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Köln ist einen Ausflug wert - aber nicht das Ziel meiner Reise. © Michael Gaida/Pixabay

Gegen Mittag weiß ich leider nicht mehr so genau, ob heute noch Arbeit ruft. Denn während ich diese Zeilen schreibe, bin ich ganz sicher nicht da, wo ich sein sollte. Die einzigen Rufe, die ich höre, kommen von der Zugbegleiterin. Und sie gehen bitter runter wie Chicorée. „Der Zug ist so voll, wir können die Fahrt nicht fortsetzen.“


Ein überfüllter Zug ist selten schön. Ein überfüllter Zug im Kölner Hauptbahnhof nach 11 Uhr aber, wenn man eigentlich um 13 Uhr in Freiburg einfahren sollte, versprüht den Charme von Bier in Plastikflaschen. Warm.

Frikadellen, Eier und der vermisste Bahnchef

Da hilft’s auch nichts, dass der Mensch hinter mir die Ruhe weg hat und genüsslich eine Packung Fertig-Frikadellen vom Discounter des Vertrauens öffnet. Stinkt schlimmer als Mentalitätsscheiße, aber was will man für 205 Euro hin und zurück schon erwarten?

In Gedanken zitiere ich Marco Reus: „Immer dieselbe Kacke. Das geht mir so auf die Eier.“ Apropos. Eier hat der Halbmensch hinter mir auch dabei. Und dann wieder diese Rufe: „Wenn jetzt nicht langsam mal jemand freiwillig aussteigt, fahren wir wirklich nicht weiter.“ Der Ton wird rauer, sag‘ ich mal.

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Die Madame an der Durchsage verliert langsam, so wirkt es, die Contenance. Sie kann freilich wenig dafür, es trifft ja immer die Falschen. Wo ist Bahnchef Richard Lutz, wenn man mal jemanden unter der Gürtellinie beleidigen möchte? Wahrscheinlich im Privatjet. Ist zwar Driss fürs Klima, aber dafür wenigstens pünktlich.

90 Minuten Verspätung und kein Ende in Sicht

Was sich allerdings wirklich unfair anfühlt, ist, dass ich gar nicht in dem Zug sitze, den ich gebucht hatte. Über Köln-Deutz nach Mannheim und weiter nach Freiburg, so war der Ursprungsplan. Doch der Zug nach Mannheim hatte in Deutz schon 50 Minuten Verspätung, was mittlerweile eine gute Nachricht für mich wäre, aber die freundliche Dame am Schalter sagte ja mit diesem netten rheinischen Dialekt: „Junger Mann, nehmen se de S-Bahn nach Kölle – und von da fahren se dann direkt durch mit de Zoch nach Freiburch. Jar kein Themchen.“ Sie klang so vertrauenswürdig.

Wie auch immer. Ich fuhr nach Köln. Und hier sitze ich jetzt immer noch. Aktuelle Verspätung: 90 Minuten. Ein ganzes Fußballspiel. Langsam ist meine persönliche Situation ernster als die Gemengelage bei Borussia Dortmund, wenn beim Sportclub heute nicht gewonnen wird.

Ich kontaktiere meinen Chef, Sascha Klaverkamp, der sich ebenfalls über die Schiene in den Schwarzwald kämpfen will. Nicht aus Rinkerode. „Wir nähern uns Offenburg, hier ist der halbe Zug leer“, kommt als Antwort. Dazu ein Selfie. Schinken-Käse-Croissant, Cola, das ganze Programm. Schönen Dank, Chef.

„Chef! Bin wieder im Spiel“

Um 11.22 Uhr passiert Unvorhergesehenes. Mein Zug am Kölner Hauptbahnhof bewegt sich. „Chef! Bin wieder im Spiel! Liebe Grüße nach Offenburg.“

Um 11.28 Uhr kommt die Antwort: „Jetzt erwischt es auch mich. Streckensperrung zwischen Offenburg und Freiburg. Durchsage: Mindestens 60 Minuten Verspätung erwartet…kein Witz.“ Das Blatt wendet sich. Nicht unbedingt zum Guten für die Ruhr Nachrichten, aber immerhin. Der Unmensch mit den Fertig-Frikadüsen und den Eiern steigt in Siegburg/Bonn aus. Was für ein Picknick für eine Station. Aber was verstehe ich schon von echter französischer Gourmet(t)-Küche?

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Auch Joachim Löw war im Stadion. Ob er ähnliche Anreiseprobleme hatte? © imago images/Eibner

Kollege Klaverkamp berichtet derweil von tumultartigen Szenen in Offenburg. Sein Zug ist geräumt worden, die Streckensperrung werde wohl länger dauern. Gut, denke ich, ich muss da später auch noch her, aber das kann ja zum Glück noch 37 Stunden dauern. Stay positive, come back stronger. Ich hab‘ sie alle drauf.

14 Minuten nach der planmäßigen Ankunft - aber in Karlsruhe

„Ich packe, steige aus und melde mich gleich“, schreibt der Chef. Dazu eines dieser Emojis mit aufgerissenen Augen, das ein bisschen so guckt wie Mesut Özil. Viele BVB-Fans saßen offenbar ebenfalls in seinem Zug. Die Stimmung am Infoschalter der Bahn sei angespannter als bei einem Familienabend, an dem einer auf die dumme Idee kommt, Monopoly zu spielen. Applaus brandet auf, so berichtet es Kollege Klaverkamp, als die DB-Dame irgendwann aufspringt und schreit: „Ein Gleis Richtung Freiburg ist wieder frei!“ Es war wohl nicht gelogen. Um 12.48 Uhr erreicht der Chef Freiburg.

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Von solchen Zuständen kann ich nur träumen. Um 13.14 Uhr erreiche ich Karlsruhe. 14 Minuten nach meiner planmäßigen Ankunft in Freiburg. Gute 135 Kilometer habe ich noch auf der Uhr – und kein Schinken-Käse-Croissant. Und keine Cola.

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Ich bin da - die Spieler machen sich noch warm. Es war knapp, aber ich bin pünktlich. © Sascha Klaverkamp

Dann kommt die Lautsprecher-Durchsage: „Thank you for travelling with Deutsche Bahn today.“

Info: Unser Reporter Tobias Jöhren saß pünktlich zum Anpfiff auf der Pressetribüne. Nassgeschwitzt, aber er war da. Sascha Klaverkamp hat die Ankunft eingefangen, dann fielen sie sich in die Arme. Beide ahnten da noch nicht, dass an diesem Samstag nicht nur die Deutsche Bahn unterdurchschnittlich abliefern würde. Schönen Start in die Woche!
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