Neuaufbau in der Defensive, weniger Substanz in der Offensive - Christoph Metzelder erwartet dennoch, dass der BVB in der Champions League überwintert. Jürgen Koers hat mit dem 37-Jährigen gesprochen.

Dortmund

, 16.09.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Spieler sagen, dass es kribbelt, sobald die Champions-League-Hymne ertönt. Sind das auch rückblickend Momente, für die man als Spieler lebt?

Absolut. Diese Besonderheit beginnt bereits im Vorfeld. Es ist ja in der Bundesliga nicht üblich, dass du das Abschlusstraining im Stadion des Gegners durchführst. Am Vortag in diese leeren, oft riesigen Arenen hineinzulaufen, lässt dich schon die Bedeutung des Spiels spüren. Wenn dann vor dem Anpfiff die Hymne ertönt und du siehst rechts und links die Größten des europäischen Fußballs, dann macht das einfach Spaß. Die Champions League ist das Premiumprodukt des europäischen Klubfußballs.


Ein Premiumprodukt, bei dem die Bundesliga-Klubs in der vergangenen Saison schlecht abgeschnitten haben. War das eine Tendenz oder eine Momentaufnahme?

Einen Trend würde ich daraus noch nicht ableiten. Offenkundig ist, dass außer Bayern München kein deutscher Klub dauerhaft konkurrenzfähig ist. Das hat auch mit der Besonderheit der Bundesliga zu tun, wo Rang eins an die Bayern vergeben ist, und dahinter etabliert sich keiner dauerhaft. In England sind es fünf Mannschaften, die auf einem Niveau agieren, in Spanien immer noch drei. Diese Situation haben wir in Deutschland nicht. Die Nummer eins, Bayern München, kann immer den ärgsten Verfolgern zum Beispiel die Spieler wegkaufen.


Das hat Borussia Dortmund schmerzlich erfahren.

Und das sorgt dafür, dass sich auch der BVB immer wieder neu aufstellen, neu erfinden muss. Auch Schalke musste sich immer wieder neu sammeln und steht jetzt, wie alle anderen Bundesliga-Klubs, in der Pflicht, sich international teuer zu verkaufen. Hinzu kommt das Erbe der Weltmeisterschaft, bei der Deutschland ja auch nicht so gut abgeschnitten hat, wie wir alle wissen. Der deutsche Fußball sollte sich tunlichst gut präsentieren.

Metzelder: Das ist nicht mehr der BVB der vergangenen Jahre

Rückkehr in den Signal Iduna Park: Christoph Metzelder (r.) schnürte beim Abschiedsspiel von Roman Weidenfeller am 7. September noch einmal die Fußballschuhe. © imago

Der BVB spricht selber von einer Wiedergutmachung. Was ist Ihre Erwartungshaltung?

Die gesamte Saison steht bei Borussia für mich unter dem Titel „Wiedergutmachung“. In der Liga, und auch international. Die neue Führungsebene mit Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc, Sebastian Kehl und Matthias Sammer wird diese Mentalität, diese Haltung in die Mannschaft tragen wollen. Auch ein neuer Trainer ist da in Lucien Favre. Das wird sicher seine Zeit brauchen, bis sich wieder alles findet und zusammenpasst. Dennoch glaube ich, dass der BVB in dieser Saison stabiler ist und in der Champions League das Weiterkommen sichern kann. Man darf aber auch nicht vergessen: Der BVB hat im letzten Jahr wieder einmal zwei Ausnahmespieler verloren in Ousmane Dembele und Pierre-Emerick Aubameyang.


… und damit viel Geld eingenommen. In Deutschland hat der BVB drei der fünf teuersten Transfers vollzogen, für drei Defensivspieler. Das ist ein Klacks für die internationale Konkurrenz. Ist das auch ein Zeichen für die Diskrepanz unter den europäischen Topklubs?

Wenn ich auf der einen Seite Spieler für 70 oder 150 Millionen Euro verkaufe und auf der anderen Seite für 20 bis 30 Millionen Euro Spieler hole, dann sieht man zunächst einmal eine Diskrepanz zwischen Einnahmen- und Ausgabenseite. Der BVB hat tolle Spieler entwickelt. Es ist auch Teil der Unternehmensstrategie, nicht im selben Regal wieder einzukaufen. Aber das bedeutet auch, dass der BVB bei den Finanzen in der Beletage des europäischen Fußballs nicht mithalten kann und auch nicht will. Es geht wieder darum, eine neue Generation zu entwickeln. Christian Pulisic gilt da als einer der Hoffnungsträger. Dieses stetige Aufbauen ist sicher eine reizvolle Aufgabe. Aber mit Sicherheit auch manchmal frustrierend. Am 31. Juli 2017 hat sich der BVB wohl nicht vorstellen können, dass im Winter Dembele und Aubameyang weg sind.


In Finanzranglisten taucht der BVB nicht unter den Top Ten auf, in der UEFA-Klubrangliste gehört er noch dazu. Eine realistische Einordnung dessen, was der BVB in Europa darstellt?

Ich bin durch und durch Sportler und mag es, wenn auch höhere Ziele formuliert und mit einer Haltung unterlegt werden. Die Haltung beim BVB war und ist immer eine Angreifer- und Sieger-Mentalität, das sieht man an der Formulierung dieses Ziels. Gleichzeitig müssen sie auch um Zeit werben. Denn es gibt keine Selbstverständlichkeit, dass Borussia Dortmund die Gruppenphase der Champions League übersteht.


Jürgen Klopp hat gesagt, wenn der BVB ein normales oder gutes Jahr spielt mit seiner Power, dann könne „richtig was passieren“. Würden Sie ihm zustimmen?

Ganz so optimistisch sehe ich das nicht. Das Überwintern in der Champions League sollte Pflicht und das Ziel sein. Danach, puh! Im Achtelfinale haben im letzten Jahr Real Madrid und Paris St. Germain gegeneinander gespielt. Das hätte auch das Finale sein können, und so scheidet ein Mitfavorit im Achtelfinale aus. Ab der K.o.-Runde wird die Luft dünn. Aber es geht auch um etwas anders.


Worum genau?

Darum, dass du als Verein den Spielern zeigen kannst, dass du in der Champions League auch im Frühjahr noch dabei bist. Du führst viele Gespräche mit Spielern, den eigenen oder potenziellen Kandidaten, und da ist das ein gewichtiges Argument.

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Angeworben hat der BVB in erster Linie Spieler für die Defensive. Sind die Viererkette und die Vorderleute stark genug, um in Europa mitzuhalten?

Es gab ja schon große Verwerfungen. Die Innenverteidigung und die Zentrale davor, das sind alles neue Gesichter. Axel Witsel, Thomas Delaney, die haben internationale Erfahrung und diese gewisse Wettkampfhärte. Manuel Akanji und Abdou Diallo besitzen viel Perspektive - gegen die Besten Europas zu spielen und im Drei-Tage-Rhythmus, das ist eine super Schule. Da werden sie sich weiter entwickeln. Ob es dann für die Spitze reicht und man da konkurrenzfähig ist, das muss man erst sehen.


Kann Manuel Akanji ein Anführer aus der Abwehr heraus werden, wie es ein Mats Hummels in Dortmund war?

Beiden, also auch Diallo, traue ich das von ihren Anlagen her absolut zu. Es ist aber auch die Frage, ob es dann direkt der Vergleich mit Mats Hummels sein muss, der außergewöhnliche Fähigkeiten hat, etwa in der Spieleröffnung. Er hat das Aufbauspiel von Borussia Dortmund maßgeblich geprägt, er hat auch den Spielstil des BVB entscheidend beeinflusst. Hauptaufgabe muss es für Akanji und Diallo sein, in den defensiven Abläufen Sicherheit zu entwickeln, sicherer zu stehen als gesamte Mannschaft und weniger leichte Gegentore zu kassieren als noch etwa unter Peter Bosz.


Lucien Favre forciert das Passspiel ab der Torwartposition. Alle sollen mitarbeiten, um den Ball gepflegt nach vorne zu tragen.

Favre legt viel Wert auf eine kontrollierte Herangehensweise, da ist das ganze Spiel ein gruppen- und mannschaftstaktischer Prozess. Da gilt es, sich Schemata anzueignen, um den Ball nach vorne zu treiben. Ich bin gespannt, wie gut das dem BVB gelingt.


In der Offensive sticht natürlich Marco Reus heraus. Reicht das Personal in den Positionen dahinter aus?

Der Substanzverlust in den vergangenen Jahren war enorm. Die Offensive war mal das absolute Prunkstück von Borussia Dortmund. Und jetzt befindet sich dieser Mannschaftsteil im Neuaufbau. Was die individuelle Qualität anbelangt, ist das nicht mehr das Borussia Dortmund der letzten Jahre. Bei Marco Reus wünschen wir uns, glaube ich, alle, dass er gesund bleibt und in der Offensive Führungsqualitäten zeigt. Christian Pulisic ist ein Spieler mit großem Potenzial, Maximilian Philipp muss sich international noch bewähren, Paco Alcacer wurde aus Barcelona verpflanzt. Ob das 100-prozentig funktioniert? Da darf man ein Fragezeichen setzen.


Sie haben in Deutschland und Spanien gespielt - wie lange benötigt ein spanischer Stürmer, um in der Bundesliga Fuß zu fassen?

Er ist ja nicht nur Spanier, sondern kommt aus Barcelona, wo ein ganz spezieller Fußball gespielt wird. Es ist die Frage, wie schnell er sich an das gewöhnt, was Lucien Favre von ihm sehen will. Man muss sehen, wie schnell er sich an die physische Intensität in den Zweikämpfen in der Bundesliga gewöhnt. Er wird maßgeblich darauf angewiesen sein, dass die Mannschaft funktioniert, Chancen kreiert und Tore schießt. Je besser die Mannschaft in Tritt kommt, desto leichter wird es für ihn sein.

Metzelder: Das ist nicht mehr der BVB der vergangenen Jahre

Zwischen 2007 und 2010 trug Metzelder das Trikot von Real Madrid. © dpa

Sie arbeiten für Sky als Experte und sind beruflich im Bereich Vermarktung engagiert, daher auch diese Frage: Welche Auswirkungen wird es haben, dass erstmals kein Spiel der Champions League im Free-TV zu sehen ist?

Es gibt ja offene Verhandlungen bei den Fernsehrechten. Die Tatsache, dass jetzt kein Spiel mehr live im Free-TV zu sehen ist, ist auch eine klare Botschaft an die Fans. Die kennen das ja aus der Bundesliga. Ich bin gespannt, wie die Zuschauer das jetzt bei der Champions League annehmen.

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