Seit dieser Saison ist Lukasz Piszczek Vize-Kapitän beim BVB. Im Interview spricht der 33-Jährige über Veränderungen bei Lucien Favre, auf seiner Position und in der Kabine der Borussia.

Dortmund

, 17.10.2018, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Sie waren während der Länderspielpause in Polen. Dieses Mal waren Sie allerdings nicht als Nationalspieler in der Heimat, sondern als Bauherr. Warum?
Ich habe 2017 eine Stiftung gegründet. Ich möchte in Goczałkowice-Zdroj, meiner Heimat, eine Fußball-Akademie eröffnen. Dafür brauchen wir aber eine bessere Infrastruktur. Wir haben alles dafür getan – und jetzt bauen wir dort eine Anlage mit drei Fußballplätzen und einem neuen Funktionsgebäude.

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Das Projekt klingt so, als ob es nach der Karriere zurück in die Heimat geht.

Ich werde zurück nach Polen gehen, ja.



Vielleicht auch als Trainer oder Funktionär?

Im Profibereich eher nicht. Da müsste ich zu viele Interviews geben (lacht). Im Jugendbereich vielleicht schon. Ich weiß es noch nicht genau. Vielleicht kann ich ja meine Karriere auch noch ein bisschen in Polen ausklingen lassen, wenn mein Körper mitspielt.



Bis 2020 haben Sie ja erst einmal noch Vertrag bei Borussia Dortmund. Sie sind dann zehn Jahre beim BVB. Das ist heutzutage sehr besonders.

Das finde ich auch. Ich bin ein Mensch, der nicht so gerne wechselt. Gar nicht nur als Fußballer, generell als Mensch. Mir ist es damals, 2010, auch sehr schwer gefallen, Hertha BSC zu verlassen. Trotz des Abstiegs. Aber dann fragte der BVB an – und ich konnte nicht absagen. Ich bin sehr glücklich hier, fühle mich wohl. Unsere Fans sind unglaublich, unser Stadion ist es auch. Wir haben zweimal die Meisterschaft und zweimal den Pokal gewonnen. Dazu kam das Champions-League-Finale. Es gab eigentlich nie einen Grund für mich, nochmal den Verein zu wechseln.

Lukasz Piszczek im exklusiven Interview: „Es herrscht wieder mehr Ruhe in der BVB-Kabine“

„Ich bin sehr glücklich hier, fühle mich wohl. Unsere Fans sind unglaublich, unser Stadion ist es auch.“ - Lukasz Piszczek © Inderlied

Dabei wären Sie fast in Wolfsburg gelandet, die ein Jahr vorher Deutscher Meister geworden waren.

Das war die andere Option, ja. Zum Glück habe ich mich für den BVB entschieden (lacht). Kuba (Jakub Blaszczykowski, Anm. d. Red.) hat mir viel vom BVB erzählt, und als Kind war Dortmund sowieso meine Lieblingsmannschaft aus der Bundesliga. Ich hatte ein Trikot von Andreas Möller, als der BVB 1997 die Champions-League gewann.



Wann ist Ihnen klar geworden, dass hier unter Jürgen Klopp etwas Großes entsteht?

Die ersten Monate waren nicht einfach für mich. Ich war verletzt, hatte Wadenprobleme. Das war schwierig, der Start war gar nicht so toll. Ich war nur der Backup für Patrick Owomoyela. Aber dann hat sich Patrick verletzt – und ich habe immer gespielt und wir haben fast immer gewonnen. Die Stimmung in der Mannschaft war von Anfang an sehr gut. Und dann ist das alles einfach so nach und nach passiert.



Sie haben sich in Dortmund zu einem der besten Rechtsverteidiger der Liga entwickelt. Wann haben sie gemerkt: Das ist die richtige Position?

Ich wollte eigentlich in der Offensive spielen, aber es war bei meinem Wechsel nach Dortmund klar, dass ich als Rechtsverteidiger zum BVB komme. Das war auch mit Trainer Klopp so besprochen. Unter Trainer Favre ist es losgegangen, bei Trainer Klopp ist es weitergegangen. Er hat mir sehr geholfen und mir immer wieder erklärt, was er auf der Position von mir erwartet.

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Lukasz Piszczek über besondere Momente in seiner Karriere

16.10.2018
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„Das ist mein Bundesliga-Debüt. Mit Hertha gegen Frankfurt. Da habe ich noch als Neuner im Sturm gespielt. Ich bin nach 60 Minuten ausgewechselt worden und wir haben 1:0 verloren.“ (lacht)© imago
„Mein erstes Tor für den BVB in Mainz. In der Nachspielzeit. Beim 2:1 in Mainz. Das war ein sehr emotionaler Moment, ab und zu schaue ich mir das Tor nochmal an. Wir sind alle noch sehr jung – und Mats Hummels hat noch richtig viele Haare." (lacht) © imago
„Ich habe keinen Ärger dafür bekommen, in dem Moment durfte ich das (lacht). Die Meisterfeier war eine coole Party. In der Kabine war ordentlich was los. Letztens habe ich mir das Video noch einmal angeschaut und musste sehr lachen.“© imago
„Das ist die Meisterschaft 2012. Mit Kuba und Lewi. Wir waren die ersten drei Polen, die zusammen die Deutsche Meisterschaft gewonnen haben. Noch habe ich die meisten Bundesligaspiele von uns Dreien. Aber wenn Robert in der Liga bleibt, dann wird’s eng für mich.“© imago
„Die Hüftverletzung 2013 war ein Schock für mich. Der Arzt hat damals gesagt, dass er so eine Hüfte bei einem so jungen Menschen noch nie gesehen hat und dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder Fußball spielen darf, nur bei 50 Prozent liegt. Zum Glück habe ich es geschafft zurückzukommen. Ich muss nach wie vor spezielle Übungen machen, aber bis auf wenige Momente ist alles gut.“© imago

Wenn Sie die Zeit hier in Dortmund Revue passieren lassen. Wie hat sich die Rolle des Rechtsverteidigers verändert?

Es hat sich sehr verändert. Bei Jürgen musste ich hoch und runter laufen. Die ganze Zeit. Das war damals das Beste für mich. Ich war jung, ich habe es hinten sowieso nicht ausgehalten. Dann wurde ich älter und es kam Trainer Tuchel. Er hat taktisch einiges umgestellt. Es gab Spiele, da sollte ich maximal bis zur Mittellinie nach vorne gehen und vor allem verteidigen, weil wir mit Dreierkette gespielt haben. Da habe ich auch noch einmal viel gelernt. Und mittlerweile kann ich ganz gut einschätzen, wann ich nach vorne gehen kann und wann ich besser hinten bleibe.



Sie haben mit Ihrem offensiven Spiel unter Klopp aber schon einen Stil geprägt, oder?

Ja. Und jetzt denken die Fans, ich müsste immer noch so spielen (lacht). Aber mein Spiel ist jetzt ausgeglichener als damals. Es geht auch um Verantwortung auf dem Platz, darum, im richtigen Moment abzusichern. Bei Achraf (Hakimi, Anm. d. Red.) ist es anders. Er ist jung und wild, er ist offensiv. Und er macht seine Sache sehr gut.



Sehen Sie in Hakimi manchmal den jungen Lukasz Piszczek?

(lacht) Wenn bei mir damals alles so gut ausgesehen hat wie bei Achraf im Moment, dann sehr gerne! Er hat richtig Power. Er ist erst 19 Jahre alt. Defensiv muss er noch ein paar Sachen verbessern und er kann noch viel lernen, aber ich bin mir sicher, dass er das schafft. Er ist ein sehr guter Außenverteidiger.

Lukasz Piszczek im exklusiven Interview: „Es herrscht wieder mehr Ruhe in der BVB-Kabine“

Haben Sie sich gefreut, als der BVB ihn verpflichtet hat, weil Sie auch mal eine Pause bekommen können? Oder sorgen Sie sich um Ihren Stammplatz?

Nein, ich freue mich. Ich weiß schon, dass ich nicht mehr der Jüngste bin. Ich habe auch mit Michael (Zorc, Anm. d. Red.) darüber geredet und war der Meinung, dass der BVB genau so einen Spieler suchen soll. Achraf und ich ergänzen uns sehr gut. Er ist ein selbstbewusster Junge, und ich helfe ihm gerne mit meiner Erfahrung, wenn er Fragen hat. Es ist wichtig, dass wir auf allen Positionen gut und doppelt besetzt sind, wenn wir in drei Wettbewerben erfolgreich sein wollen.



Ihr erster Trainer in der Bundesliga war Lucien Favre. Jetzt ist er es wieder, womöglich Ihr letzter. Wenn Sie Favre vergleichen, damals in Berlin und heute in Dortmund, wie hat er sich verändert?

Außerhalb des Platzes hat er sich eigentlich nicht verändert, außer, dass er inzwischen ein bisschen älter aussieht (lacht). Auf dem Platz hat er über die Jahre noch mehr Erfahrung gesammelt. Das merkt man schon. Früher in Berlin fiel es mir nicht so leicht, seine große Erfahrung und sein taktisches Geschick zu schätzen, weil ich als junger Spieler nicht so viel darüber nachgedacht habe. Heute fällt es mir deutlich leichter, weil ich weiß, wie wichtig es ist.



Er hat Sie damals zum Rechtsverteidiger gemacht.

(lacht) Und ich habe ihm gesagt, dass ich nächste Saison wieder vorne spielen will.



Und was hat er gesagt?

Er hat gesagt: Wir werden sehen! Und dann habe ich natürlich weiter hinten rechts gespielt. Und ich muss ihm dafür sehr dankbar sein. Wahrscheinlich wäre meine Karriere sonst nicht so positiv verlaufen.

Lukasz Piszczek im exklusiven Interview: „Es herrscht wieder mehr Ruhe in der BVB-Kabine“

Lukasz Piszczek blickt im Gespräch mit Dirk Krampe (M.) und Tobias Jöhren (r.) auch auf besondere Momente in serine Karriere. © Inderlied

Sie haben beim BVB unter Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Peter Bosz, Peter Stöger und jetzt eben unter Lucien Favre gespielt. Wo ordnen Sie Favre in dieser Liste ein?

Top-Drei auf jeden Fall. Es ist schwer zu sagen, wer der beste Trainer war. Mit manchen Trainern habe ich ja auch nur recht kurz zusammengearbeitet. Aber für mich waren Trainer Klopp, Trainer Tuchel und Trainer Favre die drei wichtigsten. Jeder von ihnen ist unterschiedlich, aber von jedem habe ich viel gelernt. Für mich ist es super, dass ich mit diesen drei Trainern arbeiten durfte und darf.



In den ersten Wochen unter Favre lag der Fokus beim BVB auf der defensiven Stabilität, war das der entscheidende Ansatz, um jetzt wieder so erfolgreich und attraktiv Fußball spielen zu können?

Nach der vergangenen Saison auf jeden Fall. Ich bin mir sicher, dass wir in dieser Saison defensiv stabiler sind als in der vergangenen, auch wenn wir zuletzt in Leverkusen und zuhause gegen Augsburg fünf Gegentore bekommen haben. Insgesamt verteidigen wir jetzt aber viel besser als vor einem Jahr. Das ist die Grundlage dafür, dass wir offensiv glänzen können. Bis jetzt funktioniert es gut.



Bis jetzt funktioniert es sogar sehr gut. Zehn Pflichtspiele ohne Niederlage und Tabellenführer in der Bundesliga: Wie ordnet die Mannschaft das ein?

Wir können das sehr gut einordnen. Vergangene Saison hatten wir in der Liga sogar noch zwei Punkte mehr. Wir sind noch am Anfang. Und wir müssen die ganze Saison konstant sein. Wenn wir das schaffen, werden wir am Ende der Saison ganz oben stehen.

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Łukasz Piszczek beantwortet Fanfragen

Ganz oben?

(lacht) Im oberen Bereich, unter den ersten vier Teams.



Was läuft jetzt besser als in der vergangenen Saison?

Wir haben sehr, sehr offensiv gespielt in der vergangenen Saison. Am Anfang hatten die Gegner Probleme, uns zu verteidigen. Aber wir haben in der Champions League gegen Tottenham und Real Madrid (beide Spiele 1:3, Anm. d. Red.) gesehen, dass wir Probleme bekommen können. Diese beiden Spiele haben bei uns im Kopf etwas ausgelöst. Das war der Knackpunkt. Wir haben uns danach nicht mehr wirklich sicher gefühlt auf dem Platz. Das ist jetzt ganz anders. Auch, weil wir uns auf einigen Positionen gut verstärkt haben. Wir arbeiten sehr viel an unserer Stabilität und der richtigen Balance. Das zahlt sich momentan aus.



Inwieweit hat sich auch die Stimmung in der Kabine verändert?

Wir hatten erst die Probleme mit Ousmane (Dembele, Anm. d. Red.), dann die mit Auba (Pierre-Emerick Aubameyang, Anm. d. Red), der unbedingt wegwollte. Das war nicht einfach. Das wäre für jeden Trainer der Welt sehr schwierig gewesen. Jetzt herrscht wieder viel mehr Ruhe.

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