Lünschermann macht Schluss: Zehn Jahre auf einem Posten, der von vielen unterschätzt wird

dzBorussia Dortmund

Als Teammanager bei den Profis hat Fritz Lünschermann in den vergangenen zehn Jahren goldene Zeiten miterlebt. Für den BVB ist er schon seit 30 Jahren tätig – jetzt war es Zeit für den Rückzug.

Dortmund

, 16.10.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ganz egal, wo Borussia Dortmund unterwegs war, ob im Inland oder im Ausland, völlig gleich auch, ob Trainer oder Spieler hinter ihm im Bus mal stärker und mal weniger stark wechselten – Fritz Lünschermann war immer der Mann vor der ersten Sitzreihe. Vorne rechts, direkt neben Busfahrer Christian Schulz, da war sein Stammplatz. Seit Saisonbeginn aber vermisst man ihn dort. Genau wie kurz vor dem Anpfiff, wenn Lünschermann gemessenen Schrittes über den Rasen ging und die Aufwärmjacken der Spieler einsammelte.

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Lünschermann, Teammanager in den vergangenen zehn Jahren und seit über 30 Jahren beim BVB, hat sich zurückgezogen und seinen Posten in jüngere Hände übergeben. Still und heimlich, ohne öffentliche Verabschiedung. „Mit 63 Jahren“, sagt er, „da war es an der Zeit, es etwas ruhiger angehen zu lassen.“

Die große Bühne hat Lünschermann nie gesucht

Die große Bühne hat er nie gesucht. Er hat sie nicht gebraucht. Aber Fritz Lünschermann war überall präsent. Zuletzt der Job als Teammanager bei den Profis, zu Beginn der als Pressesprecher, oder wie es damals offiziell hieß, „Assistent des Vorstandes“. Da war Fritz Lünschermann für alles zuständig: „Ich habe das Stadionheft gemacht, musste auch die Anzeigen dafür reinholen, ich habe mich um die Fanclubs gekümmert und die komplette Öffentlichkeitsarbeit gemacht.“

Werner Wirsing und Gerd Niebaum holten ihn im Juli 1988 zur Borussia, seinen Vertrag unterschrieb er im Büro und im Beisein von Präsident Niebaum persönlich. Lünschermann war zuvor Sportredakteur bei den Ruhr Nachrichten und erfüllte sich mit dem Wechsel zum BVB einen Lebenstraum. „Es war damals perfektes Timing“, erzählt der Dortmunder. „Gleich am Ende meiner ersten Saison wurden wir 1989 ja Pokalsieger, das war gegen die starken Bremer damals eine riesige Überraschung.“

Der Verein wuchs, und mit ihm die Aufgabenfülle

Der Verein wuchs, und mit ihm auch die Aufgabenfülle für Fritz Lünschermann. Nur ein Beispiel: „Als ich begann, hatten wir 27 Fanclubs. Heute sind es über 750!“ 2008 fragte ihn Michael Zorc, ob er sich nicht das Amt des Teammanagers bei den Profis vorstellen könne. Lünschermann sagte ja. Unter Thomas Doll ging es los mit der neuen Aufgabe, dann kam ein für den Klub entscheidender Trainerwechsel im Sommer des gleichen Jahres. Eigentlich, erzählt Lünschermann, „wollte der Jürgen Klopp ja jemanden mit nach Dortmund bringen für diese Position. Aber Michael hat ihm damals erklärt, dass man da schon jemanden hätte. Er solle es doch mal mit mir probieren.“

Lünschermann macht Schluss: Zehn Jahre auf einem Posten, der von vielen unterschätzt wird

Jürgen Klopp (M.) und Fritz Lünschermann (r.), das passte vom ersten Tag an. © imago sportfotodienst

30 Jahre BVB, unzählige Geschichten. Lünschermann blickt gern zurück, er schwärmt von der ersten Spieler-Generation, die er damals hautnah kennenlernte. „Richtig gute Jungs.“ Julio Cesar, Stephané Chapuisat, dann die Italien-Rückkehrer Kalle Riedle, Stefan Reuter, Andreas Möller und Matthias Sammer. Und natürlich die Trainer, zuallererst Ottmar Hitzfeld. Ein echter Gentleman. „Es war für den BVB eine tolle Zeit mit tollen Typen.“ Und dem vorläufigen Höhepunkt 1997, als die Borussia in München die Champions League gewann.

Lünschermann wird zur Vaterfigur beim BVB

30 Jahre BVB, die wie im Flug vergingen. Dafür sorgte ab 2008 dann auch Klopp, unter dem der BVB nach der Beinahe-Insolvenz neu erblühte. Als Teammanager war er hautnah dabei, diesen Zeitraum, mit den Meisterschaften 2011 und 2012, nennt er „die schönste Zeit.“ Die Erfolge sorgten für unvergessliche Momente, sie schweißten Spieler und Betreuer eng zusammen. Für einige wurde Fritz Lünschermann zur Vaterfigur.

Lünschermann macht Schluss: Zehn Jahre auf einem Posten, der von vielen unterschätzt wird

„Mohamed Zidan war so ein Spieler, zu dem ich einen ganz engen Draht hatte. Um den habe ich mich auch neben dem Sport sehr intensiv gekümmert“, sagt Fritz Lünschermann. Nach der Meisterschaft 2011 gab es von Zidan für Lünschermann die obligatorische Bierdusche. © imago

Lünschermann erlebte die Spieler auch, wenn es ihnen mal nicht gut ging. Viele suchten seinen Rat, einige persönliche Freundschaften seien dadurch entstanden. „Sie konnten ja zum Schluss sogar meine Enkel sein.“ Zu anderen Spielern blieb das Verhältnis eher distanziert. „Es war wie im normalen Leben auch“, sagt Lünschermann.

Arne Niehörster übernimmt: „Der passende Zeitpunkt“

Im März reifte bei ihm der Entschluss, einen Schluss-strich zu ziehen. Als der BVB in Bergamo spielte, besprach er mit Hans-Joachim Watzke den Wechsel auf einem Posten, deren Bedeutung viele vielleicht unterschätzen. Lünschermann war Ratgeber, Fahrer („Den Jule Weigl habe ich immer mitgenommen, als er noch keinen Führerschein hatte“), manchmal Kummerkasten, wenn die Kicker Sorgen hatten. Seinen Job macht jetzt Arne Niehörster. „Er hat das Tagesgeschäft mit mir zusammen schon super gemacht und kommt bei den Jungs richtig gut an. Es war jetzt einfach der passende Zeitpunkt.“

Lünschermann macht Schluss: Zehn Jahre auf einem Posten, der von vielen unterschätzt wird

Arne Niehörster (r.) übernahm den Job von Fritz Lünschermann. © imago

30 Jahre BVB, so richtig Schluss aber ist – natürlich – noch nicht. Lünschermann hat sich im Mai noch einmal in den Betriebsrats der KGaA wählen lassen, deren Vorsitzender er ist. „Mit unseren jetzt über 300 Festangestellten ist das allein schon eine Aufgabe, die viel Zeit beansprucht.“ Er hilft Norbert Dickel beim Feiertagsmagazin, in einer der Logen moderiert er nach Heimspielen einen Talk mit einem Spieler. Und Fritz Lünschermann ist Teammanager der neu gegründeten „Legendenmannschaft“. Im November steht da die erste große Reise an, „das sind ja alles Jungs, die ich im Laufe meiner Zeit betreut habe und jetzt regelmäßig wiedersehe.“

Bei Auswärtsspielen entspannt auf dem Sofa

Bei Heimspielen sitzt er nicht mehr auf der Bank, sondern weiter oben. Bei Auswärtsspielen drückt er „entspannt“, wie er sagt, auf dem heimischen Sofa die Daumen. „Meine Frau freut das besonders, weil ich nun nicht mehr so oft unterwegs bin.“

30 Jahre BVB, und Lünschermann kann sagen, „dass ich nicht einen Tag ohne Spaß zur Arbeit gegangen bin.“ Das gelte selbst für die Phase, als dem BVB 2005 das Wasser bis zum Hals stand. Fritz Lünschermann nennt seine Zeit bei der Borussia „eine Lebenserfüllung“ und sich selbst „ein kleines Rad in einem großen Rad.“ Und vorne im Bus – da hat nun Arne Niehörster seinen Platz.

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