Der BVB erlebt in Berlin ein Festival der Emotionen. Mittendrin: Lucien Favre. Der Schweizer treibt seine Spieler in der Schlussphase zum Sieg - hat sich aber in Rekordzeit wieder im Griff.

Berlin

, 17.03.2019 / Lesedauer: 3 min

Kurz vor Schluss standen die Dortmunder Borussen bei ihrer Jagd auf das entscheidende Tor zu zwölft auf dem Rasen. Mit aller Macht drängten sie die wankende Hertha zurück in den Berliner Strafraum - angeschoben von ihrem Chef. Denn der schmale Kreidestrich auf dem Boden, der die Coaching-Zone vor der Ersatzbank begrenzt, konnte Lucien Favre nicht mehr bremsen. Auch die Seitenlinie nicht.

Der Trainer des BVB dirigierte seine Mannen längst zwei Meter weiter vorn, vom Spielfeld aus. Er gestikulierte, schrie. Der Schweizer merkte, dass in diesen letzten Sekunden dieses wahnsinnig intensiven wie spektakulären Duells noch was ging. Was gehen musste, wenn jeder mithalf.

Beharrliches Anrennen

Auch ihn hatten diese 90 Minuten von Berlin mit Elfmeter, Platzverweis, Rückständen, Comebacks, Pfostentreffern, Großchancen und jeder Menge anderer Aufreger, die ein Fußballspiel zu einem Genussstück mutieren lassen, längst gepackt. Wer konnte bei diesem Blockbuster schon irgendwelche Linien auf einem regendurchtränkten Rasen im Blick behalten? Niemand. Auch ein noch so korrekter Schweizer nicht.

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Ob Lucien Favres Vorrücken an der Seite seine Mannen zur finalen Attacke trieb? Geschadet hat es dem BVB zumindest nicht. Das beharrliche Anrennen, das stete Coachen, es mündete im späten 3:2. Schwarzgelb feierte explosionsartig, so als purzelte da eine Zentnerlast von gepeinigten Schultern. Nein, dies war kein normaler Fußballabend, es war ein Festival der Emotionen. Sogar noch nach dem Schlusspfiff. Favre und Herthas Coach Pal Dardai waren sich im „Sky“-Interview uneins in der Bewertung strittiger Szenen aus der Partie, sie redeten sich beim Blick auf die Videobilder fast in Rage. Elfmeter? Handspiel? Noch einmal schoss der Blutdruck hoch. Als würde das Spiel seine Akteure einfach nicht loslassen wollen.

„Es war ein verrücktes Spiel“

Es dauerte ein paar Minuten und ein paar Meter Fußweg, dann hatte sich Favre aber wieder im Griff. Als er nach dem Abpfiff im Presseraum auf seinem Stuhl vor den Mikrofonen und Kameras Platz nahm, wirkte er gelöst. Zufrieden, ja. Aber keineswegs euphorisch. „Es war ein verrücktes Spiel“, bilanzierte er gewohnt ruhig, „toll für die Zuschauer.“ Anstatt den Sieg auch verbal auszukosten, sprach er, ganz Gentleman, lieber über den Gegner. „Hertha war sehr gut heute Abend, das war taktisch sehr clever, wir hatten Mühe, das Spiel zu kontrollieren.“

Entweder zeugte das von ehrlicher Bewunderung für die in der Tat couragierte Leistung der Berliner. Oder aber, Lucien Favre wollte die Hauptstadt einfach nicht als fieser Partyschreck verlassen. Denn Herthas Trainer Pal Dardai beging am Spieltag seinen 43. Geburtstag. Und der Geburtstagsgast BVB klaute in Dardais Wohnzimmer die Punkte. Lob von Lehrmeister Favre, unter dem Dardai einst als Profi aufblühte, war da besonderer Balsam für die Seele. „Ich hoffe, du kannst trotzdem ein wenig deinen Geburtstag feiern“, sagte Favre in Richtung Dardai mit einem fast schon entschuldigenden Unterton.

Bemerkenswerter Schlussakt

Dann entschwanden die beiden Trainer. Aber nicht, ohne einander noch zum Abschied herzlich zu umarmen. Es war der bemerkenswerte Schlussakt eines turbulenten Fußballabends.

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