Lucien Favre rückt ins Zentrum der Kritik: Der BVB-Trainer muss sich neu erfinden

dzBorussia Dortmund

Der BVB tritt auf der Stelle. Die Kritik an Lucien Favre wird lauter. Die Mängelliste ist lang, die Versäumnisse sind gravierend. Kann der Schweizer die Wende herbeiführen?

Dortmund

, 07.10.2019, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Beschützer-Instinkt in Christian Streich war geweckt. Lucien Favre kam daher wie ein Häufchen Elend, die Schultern hingen herab, der Kopf war voller Gedanken und zu schwer, so dass er ihn während seiner Ausführungen auf der Pressekonferenz mehrfach auf seine Hände stützen musste. Dieses 2:2 seiner Borussia beim SC Freiburg nahm Lucien Favre sichtlich mit. Es hatte ihn geschockt – und ließ ihn ob der wiederkehrenden Dramatik auch einigermaßen ratlos zurück.

Streich spürte dies. Der einfache Händedruck reichte da nicht. Streich zog Favre energisch zu einer kurzen Umarmung zu sich heran. Das hatte etwas Behütendes, Tröstendes – und wenn einer Trost gebrauchen konnte in diesem Moment, dann war es wohl der gebeutelte Dortmunder Trainerkollege.

Favres Zustimmungswerte gehen weiter zurück

Diese Englische Woche, vorab als Gradmesser ausgerufen für Borussia Dortmunds stolpernden und verunsicherten Hochglanzkader, endete mit einer weiteren Enttäuschung. Und dem nächsten Beleg, dass etwas Grundsätzliches aktuell nicht stimmt in dieser Gruppe. Und vielleicht ja auch an der Spitze der Mannschaft. Der aktuelle Trainer rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Diskussionen.

Lucien Favre rückt ins Zentrum der Kritik: Der BVB-Trainer muss sich neu erfinden

Vor dem Spiel war die Stimmung bei Lucien Favre im Gespräch mit Christian Streich noch gut. © imago images/Jan Huebner

Favres Zustimmungswerte gehen zurück. Ganz offensichtlich in den Fankreisen, wo die Zahl derjenigen, die Geduld mit dem Schweizer einfordern und die vor allem auch die Mannschaft in die Pflicht nehmen, immer geringer wird. Die Anzeichen mehren sich, dass Favre allerdings auch im internen Kreis an Rückhalt verliert.

Kritik und Unzufriedenheit äußern sich momentan noch in verklausulierten Worten. Aber sie ist aus den Statements herauszulesen. Nach Spielen wie den drei aufeinander folgenden 2:2-Unentschieden in Frankfurt, gegen Bremen und in Freiburg, die sich im Verlauf der 90 Minuten und im Zustandekommen der vergebenen Siege frappierend ähnelten, hat Favre immer darauf verwiesen, dass „mehr Kontrolle“ über die Partie seine Elf vielleicht weniger in Bedrängnis gebracht hätte.

Es gibt mehr Probleme als nur die Zielstrebigkeit

In allen drei genannten Partien hatte Borussia Dortmund allerdings schon mehr als 60 Prozent Ballbesitz, was zu einem einschläfernden und größtenteils uninspirierten Ballgeschiebe führte. „Vielleicht“, sinnierte daher Thomas Delaney, „kontrollieren wir zu viel und greifen nicht genug an.“ Kapitän Marco Reus formulierte noch deutlicher: „Unsere Ballbesitzphasen sind in Ordnung, aber ohne jegliche Gefahr für den Gegner.“

Vielleicht kontrollieren wir zu viel und greifen nicht genug an
Thomas Delaney

Nicht nur die Zielstrebigkeit vor dem gegnerischen Tor geht dem BVB momentan ab. Die Probleme sind gravierender und vielschichtig. Angefangen bei einem auch in Freiburg zum Teil grotesken Verteidigungsverhalten, ungewohnten Konzentrationsschwächen im Pass- und Positionsspiel, über den fehlenden Killerinstinkt vor dem Tor bis hin zu der alles entscheidenden Frage, ob jeder Spieler momentan wirklich alles abruft und bereit ist, an seine Grenzen zu gehen, ist die Mängelliste ellenlang.

Lucien Favre rückt ins Zentrum der Kritik: Der BVB-Trainer muss sich neu erfinden

Lucien Favre schien angeschlagen auf der Pressekonferenz nach der Freiburg-Partie. © imago images/Eibner

Und eine zusätzliche Gefahr lauert im Verborgenen. Favres stures Festhalten an formschwachen Spielern, Manuel Akanji ist ein Beispiel, führt zu einer latenten Unzufriedenheit bei einer gefährlich großen Gruppe. Mario Götze ist aus diesem Kreis nur das prominenteste Beispiel. Dan-Axel Zagadou, Julian Weigl und Jacob Bruun Larsen ergeht es nicht besser.

Zweifel sind erlaubt - der BVB läuft den Ansprüchen hinterher

Bei Julian Brandt hat der stete Wechsel zwischen Bank und Rasen zu einer Leistungsdelle geführt, der fehlende Rhythmus ist ihm anzumerken. Am Samstag wand sich der Blondschopf sichtlich, um sich sprachlich nicht zu vergaloppieren. Aus seinem Frust („Der Trainer macht die Aufstellung. Und er wird schon seine Gründe haben, warum er sich für seine Aufstellung entscheidet. Lucien Favre ist ein schlauer Trainer, der sich viele Gedanken macht.“) machte er freilich keinen Hehl.

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Es ist eine gefährliche Situation, die, das kommt erschwerend hinzu, durch die Tabelle dramatisch geschönt wird. Momentan ist der BVB von seinen eigenen Ansprüchen meilenweit entfernt.

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Klar scheint: Favre muss aus seinem Kokon kriechen, in dem er sich gerne aufhält und wo er das Spiel der Gegner seziert. Doch die reine Analyse allein wird Borussia Dortmund nicht aus dieser misslichen Lage retten. Favre wird sich ein Stück weit neu erfinden müssen, wenn er das Ruder noch herumreißen will. Aber reicht sein Repertoire, um der Mannschaft aus dieser kniffligen Situation zu helfen?

Zweifel daran sind erlaubt. Und sie wachsen mit jedem nach gleichem Muster verspieltem Sieg.

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