Lucien Favre ist nicht das größte BVB-Problem - die Frage ist, ob er die Lösungen hat

dzBorussia Dortmund

In Dortmund wachsen die Zweifel, ob der BVB mit Lucien Favre Titel gewinnen kann. An vielen Problemen trägt nicht allein der Trainer Schuld. Die Frage ist, ob er die Lösungen hat.

Dortmund

, 14.11.2019, 17:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Lucien Favre hebt die Hände, saugt Luft ein, winkt ab. Wie es ihm geht? Puh! Alle Fragen zu seinem persönlichen Befinden tun für ihn nichts zur Sache. „Ich“, sagt der 62-jährige Schweizer, „mache meine Arbeit.“ Sich selbst nimmt er nicht so wichtig. Ihn interessiert, was sich auf die sportlichen Leistungen auswirken könnte. Und alles andere eben nicht.

BVB-Trainer Lucien Favre durchlebt schwierige Zeiten

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Tatsächlich scheint derzeit der Tag nicht außer Denkweite zu sein, an dem die Performance seines Arbeitgebers Borussia Dortmund doch noch größeren direkten Einfluss auf Favres Gemütszustand haben könnte. Der BVB-Trainer durchlebt schwierige Zeiten. Inwiefern diese ihm anzulasten sind und - fast noch wichtiger - ob es ihm zugetraut wird, seine Mannschaft zu konstant erfolgreichem Kicken anzuleiten, über diese Fragen redet man sich die Köpfe heiß in Dortmund. Die Fans in der Mittagspause und beim Bier. Borussias Bosse den ganzen Tag.

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Stand jetzt - gibt es keinen neuen Stand. Favre glückten nach den qualvollen Darbietungen in Mailand und auf Schalke rechtzeitig Erfolgserlebnisse, Heimsiege gegen Gladbach, Wolfsburg und Inter. Doch wie gewonnen, so zerronnen: Am 0:4-Debakel in München traf den Trainer wenig Schuld, auch seine Vorgänger Tuchel, Bosz oder Stöger hatten zu ihrer Zeit mit ansehen müssen, wie sich Dortmunds Profis bei den Bayern die Hosen und die Hütte vollmachten.

Favres Punkteschnitt ist beim BVB unübertroffen

Aber himmelstürmend gegen Mailand am Dienstag und himmelschreiend in München am Samstag, wie passt das zusammen? Wie lassen sich diese fundamentalen Leistungsschwankungen erklären? Wie kann eine Mannschaft sich so verleugnen und ihren Trainer derart im Regen stehen lassen? Auch für diese Fragen werden Antworten und Lösungen gesucht und gefordert. Am Samstagabend in München zählte der Trainer schonungslos auf, was alles gefehlt habe. Die Frage nach dem Warum wusste auch er noch nicht zu beantworten.

Die Faktenlage: In 63 Spielen stand Favre bisher für den BVB an der Seitenlinie. Sein Punkteschnitt ist in der Klubhistorie unübertroffen, der aktuelle Coach liegt, auch wenn man nur die Bundesliga-Partien berücksichtigt, vor bisherigen Übungsleitern wie Thomas Tuchel, Jürgen Klopp oder Ottmar Hitzfeld.

Die Mehrzahl der Spiele zu gewinnen, gehört allerdings mehr denn je zum Selbstverständnis von Borussia Dortmund. Gegen die Bayern darf es mal knapp werden (aber nicht deutlich), gegen alle anderen Bundesliga-Mannschaften ist Schwarzgelb in der Favoritenrolle. Wer eine halbe Milliarde Euro Umsatz macht, zwischen 150 und 200 Millionen Euro pro Jahr an Gehalt in seine fußlümmelnde Belegschaft steckt, darf und muss Leistung erwarten. Siege, Siege und noch mehr Siege.

Favre arbeitet gründlich und gewissenhaft

Leistet Favre genug? Mehr Fleiß an den Tag und in die Nacht zu legen als der Schweizer, erscheint unmenschlich. Mit welchem Eifer und welcher nicht nachlassenden Energie sich dieser schmale Mann seiner immensen Aufgabe widmet, das wünscht sich der geneigte Fan von manch einem Spieler. Mit Lesebrille auf der Nase und Notizblock in den Händen verbringt er nach der Zeit am Trainingsgelände Stunde um Stunde beim Studium in seinem Büro zuhause. Die vermeintliche Plattitüde „Es gibt viel zu verbessern“, mit der er in den ersten Monaten in Dortmund den Journalisten wiederholt auf die Nerven ging, beinhaltet für ihn keine Banalität. Favre arbeitet. Gern. Gründlich. Gewissenhaft.

In den vergangenen Wochen hat er sich außerdem intensiv bemüht, mit anderen (Vor-)Urteilen aufzuräumen. Er sei beratungsresistent, könne sich und sein Spielsystem nicht anpassen. Aus seinem fußballerischen Dogma von Balance und Kontrolle entwickle sich ein spielerisches Phlegma. Er wirke an der Seitenlinie unterkühlt und in der Ansprache an die Mannschaft ohne Esprit.

Vom Triumph gegen Mailand zum Totalausfall in München

In allen diesen Punkten hat sich Favre, wie bereits bei der Vertragsverlängerung im Mai gefordert und mit Verspätung in diesem Herbst eingelöst, sicht- und spürbar weiterentwickelt. Eine Charme-Offensive. In der Schlussphase des Mailand-Spiels verteidigte er das 3:2 fast selbst mit auf dem Rasen, so weit hatte er seine Coaching Zone hinter sich gelassen. In München forderte er durchaus Intensität, Vehemenz, Wehrhaftigkeit von seinen Spielern. Er soll auch mit Leidenschaft appelliert haben. Doch dieselben elf Spieler, die 100 Stunden zuvor für Rausch und Spektakel gesorgt hatten, verweigerten im Wesentlichen ihren Dienst. Vom Triumph zum Totalausfall in vier Tagen.

Lucien Favre ist nicht das größte BVB-Problem - die Frage ist, ob er die Lösungen hat

In der Schlussphase des Mailand-Spiels verteidigte Lucien Favre das 3:2 fast selbst mit auf dem Rasen. © dpa

Wie kann das sein? In seiner ersten Reaktion antwortete Sportdirektor Michael Zorc auf die „Nicht-Leistung“ von München: „Den Trainer würde ich da auch komplett rausnehmen, um das ganz klar zu sagen. Fragen Sie die Spieler.“

Das BVB-Konstrukt erlahmt angesichts der Titel-Zielsetzung

Jene Spieler, die sich selbst und allen Beobachtern Rätsel aufgeben. Leistungsschwankungen, Formschwächen. Einige überschätzt, andere nicht bei der Sache. Und sicher keine Bande von Brüdern.

Die Zügel bei den (nicht nur bei Borussia Dortmund) viel zu mächtigen, oft selbstgefälligen Profis anzuziehen, wäre eigentlich auch Aufgabe des Trainers. Doch es gibt nachvollziehbares Stirnrunzeln, ob Favre dazu in der Lage ist. Sein Ansatz ist Analyse, nicht Anschiss. Doch auch wenn er längst nicht für alle gemachten Fehler zur Rechenschaft zu ziehen ist: Es obliegt ihm, diese abzustellen.

Angetreten ist Borussia Dortmund mit dem Ziel, alles zu versuchen, um endlich wieder Deutscher Meister zu werden. Die eigenen Ambitionen nach der über weite Strecken tollen Vorsaison und angesichts der hochkarätigen Neuverpflichtungen niedriger anzusiedeln, wäre in der Tat unglaubwürdig gewesen. Doch anstatt dem neuen Kader mit dieser verbalen Attacke einen gemeinsamen Nenner zu geben, erlahmt das Konstrukt. Statt Sinn zu stiften, verbreitet die Zielstellung Unsicherheit.

Dreimal ja, dreimal nein

Hat Borussia Dortmund eine Mannschaft beisammen, die um den Titel mitspielen kann? Die an guten Abenden im Europapokal für Furore sorgen kann? Deren Leistungslimit noch längst nicht ausgeschöpft zu sein scheint? Dreimal ja.

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Spielt Borussia Dortmund im ersten Saisondrittel wie eine Mannschaft, die Deutscher Meister werden will oder zumindest bis zum Schluss im Rennen bleibt? Gelingt es dem Trainer, jeden Spieler weiterzuentwickeln? Ist grundlegende Besserung in Sicht? Dreimal nein.

Alternativen zu Favre gibt der Markt kaum her

Einen Glockenschlag, der den exakten Moment für eine zu treffende Entscheidung einläutet, den gibt es in diesem Fall nicht. Die Auswirkungen eines Trainerwechsels mitten in der Saison lassen sich kaum abschätzen. Risiken und Chancen liegen nicht weit auseinander. Zumal: Alternativen zu Favre gibt der Markt kaum her.

Jose Mourinho passt aus vielen bekannten Gründen nicht hierher, bei Ralf Rangnick gilt Ähnliches. Sich von Ex-U23-Trainer Daniel Farke (Norwich City) die Rückkehr zum alten BVB zu versprechen, klingt arg gewollt und von Nostalgie getrieben. Niko Kovac unmittelbar nach seinem Aus bei Bayern München in Dortmund aufs Schild zu heben, wäre sehr fragwürdig. Die ersehnten Glücksbringer stehen nicht gerade Schlange.

Auf den BVB warten in der Liga lösbare Aufgaben

Beim Blick auf das anstehende Programm von Borussia Dortmund lässt sich feststellen, dass mit Ausnahme des Gastspiels beim FC Barcelona (27. November) bis Mitte Dezember nur lösbare Aufgaben auf den BVB warten. Paderborn, Berlin, Düsseldorf, Prag, Mainz - ausreichend 90-minütige Vorstellungstermine mit dem Potenzial, verschüttetes Selbstverständnis wieder auszugraben und eine Empfehlung einzuheimsen.

Lucien Favre ist nicht das größte BVB-Problem - die Frage ist, ob er die Lösungen hat

Wohin führt der Weg des BVB in der Saison 19/20? © dpa

Der „Analyse des Ist-Zustandes“, die BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Sonntag gegenüber dieser Redaktion angekündigt hat, muss die Potenzial-Analyse des „Soll-Zustands“ folgen, verbunden mit dem scharf skizzierten Anforderungsprofil an einen Trainer, der die Borussia dorthin führen kann.

Visionen stören Lucien Favre

Favre wurde 2018 geholt, um eine dilettierende Dortmunder Mannschaft aus dem Schlamassel zu führen und offensiven Fußball spielen zu lassen. Nicht als Meistertrainer in spe. Favre möchte gerne Siege aneinanderreihen. Visionen stören ihn. Im Sommer antwortete er auf die Frage, ob auch er den Titel anpeile: „Ja, das wollen wir versuchen.“ Versuch macht klug. Früher oder später.

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