Lucien Favre ist der BVB-Trainer mit dem goldenen Händchen

dzBorussia Dortmund

Lucien Favre macht als BVB-Trainer aus einem Sorgenkind einen Meisterschaftsanwärter. Der Schweizer glaubt an seine Spieler - und sie glauben ihm.

Dortmund

, 12.11.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seine Finger waren aus Fleisch und Blut, als er seinem Schützling spaßeshalber fest in den Nacken griff. „Bravo, Marco!“, lobte Lucien Favre am späten Samstagabend in außergewöhnlich lautem und launigem Ton, und wer wollte, konnte BVB-Kapitän Marco Reus nach dieser besonderen Liebkosung durch seinen Chef Lügen strafen. „Der Trainer hat ein goldenes Händchen“, hatte Reus zuvor behauptet. Stimmt nicht wirklich. Aber irgendwie doch.

Gesichert ist, dass derzeit nahezu alles golden glänzt, was Favre anfasst. Von ihm stammen die Zauberformeln für diese Metamorphose von Borussia Dortmund, in wenigen Monaten vom Aschenputtel zum Schneewittchen der Bundesliga. Das 3:2 gegen den FC Bayern setzte dem Ganzen die Krone auf. Wie Favres Elf am Samstag auch nach zweimaligem Rückstand an Widerstandskraft nicht einbüßte und keinesfalls harmlose Bayern mit zunehmender Spieldauer in die Schranken wies, nötigte auch dem 61-jährigen Schweizer Respekt ab. „Die Moral der Spieler war fantastisch.“

„Die Moral der Spieler war fantastisch.“
Lucien Favre

Die Einstellung ist das eine. Die individuelle Qualität das andere. Und das Können, ein Kollektiv so zu formen, dass beides sich in einer Synthese verquickt, ein Meisterstück. Die Schwarzgelben verdankten ihren achten Sieg im elften Ligaspiel einmal mehr ihrer größeren taktischen Flexibilität, ihrer stärkeren Fitness und der höheren Geschwindigkeit im Denken und Handeln. Nach vier Monaten wirkte Favre das erste Mal so zufrieden, dass er nicht gleich zur Tagesordnung (Videoanalyse!) überging, sondern das bisher Geleistete für den Moment genießen wollte. „Heute“, sagte er, „werde ich ein Glas Rotwein trinken.“ Am Geburtstag eine Woche zuvor musste noch Mineralwasser ohne Kohlensäure genügen.

„Ich bin alt, aber ich habe auch noch Hunger“

Lukasz Piszczek, einer der erfahrensten Profis im BVB-Team und derjenige, der Favre am längsten kennt, macht den Siegeszug seiner Schwarzgelben an der Kombination aus Favres Detailversessenheit und einer willigen, fähigen Mannschaft fest. „Nach jedem Spiel analysieren wir“, sagte der Außenverteidiger. „Die Mannschaft lernt schnell, was der Trainer uns zeigt, und bringt es dann auf den Platz.“

Außerdem besteche das Team durch seine Gier. „Es sind viele junge Burschen, die haben Hunger“, sagte Piszczek. „Ich bin alt, aber ich habe auch noch Hunger, etwas zu gewinnen.“ Der inzwischen 33-jährige Pole erinnerte sich auf Nachfrage durchaus an Parallelen zu den Meistermannschaften von 2011 und 2012. Das sei zwar alles noch weit, weit weg, meinte er. „Aber wenn wir weiter so hungrig spielen, dann können wir am Ende etwas erreichen.“

Zum vierten Mal ein Spiel gedreht

Schon jetzt ist mehr erreicht, als sich der BVB erträumen konnte. Favre bestätigt wie erhofft sein Händchen für die junge Garde, das erklärt die Leistungsexplosionen von Jadon Sancho oder Jacob Bruun Larsen, von Achraf Hakimi oder Dan-Axel Zagadou. Er bringt auch gestandenen Profis noch etwas bei (Hans-Joachim Watzke: „Ich habe noch nie einen Trainer erlebt, der so detailversessen ist.“) und vereint diesen großen, bunten Kader einheitlich hinter seiner Linie.

„Wir sollten genau so weitermachen.“
Axel Witsel

Selbst wenn, wie gegen die Bayern, das Gespür mal trügen sollte wie bei der Aufstellung von Julian Weigl, kann Favre mit seiner fachlichen Güte im laufenden Spiel jederzeit reagieren. Zum vierten Mal drehte der BVB am Samstag ein Spiel nach einem Rückstand.

Von allen Stellschrauben und Personalien, an denen Borussia Dortmund im Sommer gedreht hat, nimmt der Trainer die Königsposition ein. Bedenken, Favre könnte trotz seiner Siegsträhne und eines Glases Rotwein nachlässig werden, sind natürlich haltlos. „Es gibt“, betonte er auch nach dem Bayern-Spiel in Dauerschleife, „viel zu korrigieren in Offensive und Defensive.“ Auf dem Rasen weiß er Gleichgesinnte. Das sei ein wichtiger Sieg gewesen, sagte Axel Witsel. „Aber wir müssen jetzt nichts ändern, nur weil wir Bayern München geschlagen haben. Wir sollten genau so weitermachen.“ Dann könnten „goldene Händchen“ bald eine Silberschale festhalten.

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