Wie Lucien Favre dem BVB wieder neues Leben eingehaucht hat

dzBorussia Dortmund

Mit der Ankunft von Lucien Favre läuft es wieder beim BVB. Der Schweizer ist ein Perfektionist und nie zufrieden. Der Dortmunder Fußball macht Spaß und ist auch noch überaus erfolgreich.

Dortmund

, 28.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Hört man Lucien Favre zu, dann kommt fast unweigerlich der Punkt, wo man denkt: „Verdammt, das macht der doch jetzt absichtlich.“ Favre hat dann eine Frage nach möglichen personellen Änderungen im nächsten Spiel clever umschifft, genauso wie er es schafft, jeden kommenden Gegner als den tatsächlich schwerstmöglichen hinzustellen.

Favre bleibt gern wenig konkret, viel verraten mag er ganz generell nicht. Wahrscheinlich sind ihm Pressekonferenzen ein Gräuel, gesagt hat er das so natürlich noch nie, dafür ist er viel zu gut erzogen. Aber ein unbedachter Satz von ihm könnte ja dem nächsten Gegner möglicherweise einen Anhaltspunkt liefern. Das gilt es zu verhindern.

„Er steht mit dem Gedanken an Fußball auf und geht abends mit den Gedanken an Fußball ins Bett.“
Favres Berater Reza Fazeli

Über solche Dinge denkt der Schweizer tatsächlich gern und lange nach. „Er steht mit dem Gedanken an Fußball auf und geht abends mit den Gedanken an Fußball ins Bett“, sagt sein Berater Reza Fazeli. Eventualitäten auszuschließen oder zumindest bestmöglich auf sie vorbereitet zu sein, das sieht er als wichtigen Teil seiner Aufgabe an.

Der Fußball ist für Favre ein Lebenselixier

Favre ist jemand, für den Fußball ein Lebenselixir ist, ein Treibstoff. Rastlos, wie ein Suchender, tüftelt er an Taktik, Aufstellung und Trainingsplänen, bereitet sich auf Gegner vor und überlegt vor allem, wie er jeden seiner Spieler besser machen kann. „Er sieht die kleinsten Kleinigkeiten, er findet Details, die nur ihm auffallen“, sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke beinahe ehrfürchtig.

Wie Lucien Favre dem BVB wieder neues Leben eingehaucht hat

Lucien Favre ist in der Arbeit mit der Mannschaft sehr akribisch. © imago

Watzke ist hartnäckig geblieben, als er sich auf der Suche nach einem Nachfolger für Thomas Tuchel an der schönen Cote d’Azur einen Korb holte. Favres Klub OGC Nizza wollte den Schweizer partout nicht gehen lassen, das „No“ im Frühsommer 2017 war in Stein gemeißelt. Erst in diesem Jahr war das Werben dank einer Ausstiegsklausel im Vertrag des 61-Jährigen dann erfolgreich.

Alles auf den Kopf gestellt - Favre ist das entscheidende Puzzlestück

Borussia Dortmund hat fast alles auf den Kopf gestellt im Jahrhundert-Sommer 2018. Den Kader hat man massiv umgebaut, aber auch die sportliche Leitung wurde runderneuert. Neben einem neuen Trainer holte sich das langjährige Führungsduo Watzke/Michael Zorc weitere kompetente Hilfe an Bord. Sebastian Kehl und der beratend von außen tätige Matthias Sammer sind wertvolle Ergänzungen zur bestehenden Führungsstruktur. Die Hinrunde hat allerdings gezeigt, dass das entscheidende Puzzlestück Lucien Favre ist.

Die Klubführung hat im Sommer versucht, dem neuen Trainer Zeit zur Entwicklung der neuen Mannschaft zu verschaffen. Das ist leichter gesagt als getan und ein schwieriger Spagat in einem Verein mit den Ansprüchen und Ambitionen von Borussia Dortmund. Die Erfolge der vergangenen Jahre habe auch eine Erwartungshaltung geschürt, die es zu bedienen gilt. Favre musste eine Mannschaft formen unter dem Diktat, schnell auch Ergebnisse zu bringen.

Watzke: „Wir wussten, was wir bekommen“

Doch das Vertrauen in ihn war groß. „Wir wussten, was wir bekommen“, sagt Watzke. „Lucien hatte überall Erfolg.“ Meistens hat Favre sogar die Erwartungen übererfüllt. Das war in Gladbach so, wo er einen Abstiegskandidaten ins internationale Geschäft führte, das war in Berlin so. Und auch in Nizza war es nicht anders. Die Hinrunde mit Borussia Dortmund hat die Hoffnungen der Vereinsführung, dass Favre auch den im vergangenen Jahr ins Schlingern geratenen BVB wieder auf Kurs bringen kann, erfüllt. Favre hat sogar noch viel mehr erreicht. Favre habe, sagt Kehl, „dem Verein neues Leben eingehaucht.“

Der neue Trainer hat in der Hinrunde mit Borussia Dortmund ein modernes Märchen geschrieben. Im Sommer war der BVB eine Großbaustelle, mit einer nicht funktionierenden und noch weniger harmonisierenden Mannschaft, die obendrein ein zerrüttetes Verhältnis zu den treuen Fans pflegte. Stress und Streit auf allen Ebenen.

Favre hat das vergiftete Klima gereinigt

Lucien Favre hat Borussia Dortmund zu einer besser Fußball spielenden Mannschaft geformt. Ebenso wichtig ist aber die Arbeit, die er im Verborgenen geleistet hat: Favre hat nicht weniger als das vergiftete Klima gereinigt. Mit dem obersten Gebot des respektablen Umgangs im täglichen Miteinander hat er ein Leistungsbewusstsein geschaffen, das in dem neu entstandenen Wohlfühlklima prächtig gedeihen konnte.

Wie Lucien Favre dem BVB wieder neues Leben eingehaucht hat

Lucien Favre scheint im Umgang mit den Spielern ein feines Händchen zu haben. © imago

Das feine Händchen beim Umgang mit den Spielern danken diese mit herausragenden Leistungen. Favre habe nachweislich „viele Spieler besser gemacht“, sagt Sportdirektor Zorc. „Das macht am Ende die gesamte Mannschaft besser.“ Und zwar in so einem Ausmaß, dass die Bayern an Weihnachten vom BVB nur die Rücklichter sehen.

Favre sieht sich noch lange nicht am Ziel

Dabei sieht sich der Perfektionist noch lange nicht am Ziel. Borussia Dortmund besiegte den 1. FC Nürnberg mit 7:0, Favre sah ein gutes Spiel, „aber wir haben noch viel zu verbessern.“ Ähnliche Worte gestattete er sich nach dem 4:0 gegen Atletico Madrid. Gut ist meistens nicht gut genug für Lucien Favre, das hat ihm in Branchenkreisen auch den Ruf eines Besessenen eingebracht, eines Rastlosen.

Dass Favre schwierig sein kann, davon hatten auch die BVB-Bosse gehört. Sie scheuten den Schritt hin zu dem 61-Jährigen dennoch nicht. Lucien Favre und Borussia Dortmund, das funktioniert bislang prächtig. Schon lange nicht war die Laune so gut in den großzügigen Geschäftsräumen am Rheinlanddamm. Nach zwei sportlich erfolgreichen, aber intern immens anstrengenden Jahren mit Thomas Tuchel und einem desaströsen letzten Jahr ist unter Favre Ruhe eingekehrt. Und der Erfolg ist zurück. Mehr konnte man nicht erwarten.

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