Kriminologe Thomas Feltes kritisiert den Polizeieinsatz beim Bundesliga-Spiel zwischen dem BVB und Hertha BSC scharf. Der Experte wirft der Polizei „einseitige Ermittlungen“ vor.

Dortmund

, 13.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Herr Feltes, die Ausschreitungen beim Bundesliga-Spiel zwischen Borussia Dortmund und Hertha BSC haben viele Fragen aufgeworfen, in verschiedene Richtungen. Fangen wir mit dem Knackpunkt an: War der Einsatz der Polizei angemessen?

Der Einsatz war weder verhältnismäßig, noch angemessen, noch polizeitaktisch sinnvoll.

Warum?

Ich kenne den Bereich, dort habe ich im Rahmen von Spielbeobachtungen für die Deutsche Fußball-Liga mehrfach gestanden. Es handelt sich um einen engen Bereich, wo klar ist, dass diese Szenerie bei Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans nicht mehr zu beherrschen ist. Der Einsatzleiter, der vor Ort war, kennt das Stadion auch und weiß, dass zum Beispiel die Fluchttüren nach innen, in Richtung Spielfeld, aufgehen. Entsprechend konnten Berliner in diesen Bereich vordringen, dort ist es dann ja auch zu diesen Auseinandersetzungen gekommen. Soweit zum Polizeitaktischen.

Und weiter?

Es gibt seit vielen Jahren und aus gutem Grund den ehernen Grundsatz, dass man nur dann in oder vor Blöcke zieht, wenn eine unmittelbare Gefahr für Leib oder Leben besteht. Weil die Nebenwirkungen eines solchen Einsatzes für alle Beteiligten, Polizei, Fans und Ordnungskräfte, derart gravierend sind, dass man das polizeirechtlich nur aus diesen Gründen rechtfertigen kann. Mögliche Brandverletzungen oder Rauch durch Pyrotechnik reichen dafür nicht aus. Die Gefahr von Verletzungen durch Panik ist wesentlich höher. Und es gibt noch einen weiteren Grundsatz.

Der lautet?

Niemals das Banner von Ultragruppen anfassen. Nicht einmal wohlwollende neutrale Personen dürfen deren Heiligtum anfassen, das musste ich auch erstmal lernen. Es gab in meinen Augen keine Notwendigkeit, diesen Einsatz so zu fahren, denn die Risiken und Nebenwirkungen sind allen bestens bekannt. Dort wurden sehenden Auges Verletzungen in Kauf genommen. Unter anderem liegen ja auch Strafanzeigen wegen Körperverletzung gegen die Polizei vor.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Feltes

BVB-Skandalspiel gegen Hertha: Der Polizeieinsatz war weder verhältnismäßig noch sinnvoll

© imago

Prof. Dr. Thomas Feltes ist seit 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Er war auch als Experte für die Deutsche Fußball-Liga im Einsatz. Vor seiner Professur in Bochum war er unter anderem Rektor und Professor der Polizei-Hochschule in Villingen-Schwenningen.
Gehen Sie von einer geänderten Strategie der Einsatzkräfte aus?

Dazu fehlt mir die Dauer-Beobachtung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Szenen politisch gewollt sind. Viel schlimmer ist dann manchmal eine Art vorauseilender Gehorsam als tatsächliche Anweisungen aus dem Innenministerium.

Laut Polizei wird es gelingen, mit den Gigabytes an Datenmaterial eine Vielzahl der mutmaßlichen Täter zu identifizieren. Wäre das ohne den Einsatz nicht auch möglich gewesen?

Ich habe Bedenken, ob das gesamte Videomaterial im Rahmen des Strafverfahrens vorgelegt wird. Es wäre nicht das erste Mal, wenn nur das gezeigt wird, was die Sicht der Polizei stützt. Ansonsten ein klares Nein: Es war nicht notwendig, weil die Stadionkameras so hoch auflösend sind, dass dies ausgereicht hätte. Und wer dann identifiziert wird, wird in der Halbzeit oder nach der Partie aus dem Verkehr gezogen. Von diesem Weg weicht nur ab, wer entweder keine Ahnung von polizeilicher Taktik und Strategie hat, und das trifft nicht zu. Oder man macht es gezielt, um zu provozieren. Man hätte ja auch Kameras mit Teleskopstöcken oder Ähnlichem verwenden können, um mehr Material zu sammeln und dennoch eine Eskalation vermieden. Aber auch darauf kommt es letztlich nicht an.

Sondern worauf?

Das Zünden von Pyrotechnik ist eine Ordnungswidrigkeit. Ob dies tatsächlich strafrechtlich bewährt ist, muss man erstmal beweisen. Das wäre dann der Fall, wenn illegales Material eingesetzt wird. Und dieses womöglich erst im Nachhinein sichergestellte illegale Material einzelnen Personen zuzuordnen, dürfte nicht gelingen. Zumal die Fans sich ja vermummen und sich geschickt tarnen. Damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt, der Verhältnismäßigkeit. Mit diesem Einsatz gibt es nur Ärger, nur Schäden. Wer sagt, er muss dem Strafanspruch des Staates gerecht werden, dem muss ich entgegenhalten, dass der Strafanspruch dort aufhört, wo unbeteiligte Dritte verletzt werden, und dann muss ich abwägen.

Die Anzahl der Verletzten durch den Einsatz von Pfefferspray liegt um ein Vielfaches höher als die Zahl der Verletzten durch Pyro und Rauchentwicklung.

Und wenn es Verletzte durch Pyrotechnik gibt, dann in den meisten Fällen dadurch, dass das Abbrennen gestört wird, wenn Banner weggerissen werden oder die Polizei eingreift. Diese Ultras oder sonstigen Fans sind alles andere als Unschuldsengel, bitte nicht falsch verstehen, aber die machen das ja nicht zum ersten Mal. Dort gibt es bestimmte Rituale, wo alle Beteiligten genau wissen, was sie zu machen haben, um sich und andere nicht zu gefährden. Das funktioniert in mehr als neun von zehn Fällen. Die Feuerwehr zum Beispiel macht das klug: Die wartet, bis das Feuer heruntergebrannt ist, und sichert die Pyrotechnik dann.

Die Polizei hat Schreiben an Verletzte adressiert, um sich zu erkundigen, ob für die Verletzungen die Rauchentwicklung ursächlich war. Woher hat die Polizei die Adressen, und warum fragt sie nicht nach Verletzungen durch Pfefferspray, Schlagstockeinsätze, etc.?

Das ist doch klar: Weil man einseitig ermittelt. Ich hoffe, dass es zum Strafverfahren kommt. Dann wird man fragen können, warum wird einseitig ermittelt, warum wurde nicht nach Verletzten durch Pfefferspray gefragt. Und: Wie ist die Polizei an die Adressen gekommen? Das kann ja nur gelingen, wenn in der Datenbank der ZIS registrierte Fans identifiziert werden.

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