Julian Schieber sieht Entwicklung im Fußball kritisch: Es geht viel um Selbstinszenierung

BVB gegen Augsburg

Der BVB startet mit einem Heimspiel gegen den FC Augsburg in die Saison. Die Partie ist auch für Ex-BVB-Spieler Julian Schieber ein besonderes Spiel. Der FCA steht gleich unter Druck.

Dortmund

, 16.08.2019, 15:20 Uhr / Lesedauer: 4 min
Julian Schieber sieht Entwicklung im Fußball kritisch: Es geht viel um Selbstinszenierung

Nur neun Bundesliga-Einsätze verbuchte Julian Schieber in der abgelaufenen Saison. In dieser Spielzeit plant der 30-Jährige einen neuen Angriff. © imago

Kritische Worte von Julian Schieber vor dem Bundesliga-Auftakt des BVB gegen den FC Augsburg. Der Ex-Borusse und Stürmer des FCA hat sich zu Veränderungen im Profifußball, die Ziele des BVB und seinet Verletzungshistorie geäußert.



Sie haben in den vergangenen beiden Jahren über 400 Tage verletzt gefehlt. Jetzt spielt der Körper wieder mit. Macht da sogar eine Vorbereitung Spaß?

Ja. Es war natürlich hart, aber ich fühle mich super und konnte bis auf ein paar Tage, als ich einen kleinen Infekt hatte, komplett durchziehen. Ich bin endlich topfit und freue mich, dass die Bundesliga wieder losgeht. Da warten wir doch alle drauf nach sechs Wochen Schufterei. Dass wir gleich in Dortmund starten,viel besser geht’s nicht.



Im vergangenen Sommer sah es noch anders aus. Sie mussten mal wieder am Knie operiert werden. Muss man sich als Spieler an das Gefühl, mal wieder voll durchziehen zu können, erst wieder gewöhnen?

Das ging schnell. Nach langen Verletzungspausen braucht man natürlich, um wieder reinzukommen, aber ich bin in diesem Jahr endlich wieder beschwerdefrei und hatte jetzt länger keine körperlichen Rückschläge mehr. Es fühlt sich ganz normal und vor allem gut an. Es ist einfach alles super gerade.



Da kann auch die 1:2 im DFB-Pokal beim Regionalligisten SC Verl die Laune nicht trüben?

Ich will das ausblenden! Und jetzt fangen Sie damit an (lacht).

Julian Schieber sieht Entwicklung im Fußball kritisch: Es geht viel um Selbstinszenierung

Vier Minuten kam Julian Schieber im DFB-Pokal gegen den SC Verl zu Einsatz. Am Ergebnis konnte der Stürmer nichts mehr ändern. © imago

Ich komme nicht an dem Thema vorbei.

Ist ja klar. Es war ein herber Rückschlag für uns. Die Vorbereitung war eigentlich super, wir hatten gute Testspiele, gute Ergebnisse. Wir sind im Pokal krachend gescheitert, da müssen wir uns an die eigene Nase fassen. Wir wollten vieles richtig machen, haben es aber nicht auf den Platz bekommen – und am Ende konnten wir den Schalter nicht mehr umlegen. Deshalb haben wir in Verl verdient verloren.



Jetzt geht’s zu Borussia Dortmund. Das wird nicht unbedingt einfacher, oder?

Es gibt Spiele, in denen musst du das Spiel machen. So wie am vergangenen Samstag. Und es gibt Spiele, in denen hast du nichts zu verlieren. So wie am Samstag in Dortmund. Der BVB hat große Ambitionen, die er auch öffentlich kommuniziert hat. Wir haben auf jeden Fall weniger Druck als in Verl, aber es ist natürlich trotzdem ungleich schwieriger, gegen den BVB etwas mitzunehmen. Aber wir haben ja nicht sechs Wochen lang unseren Schweinehund überwunden, um in Dortmund mit erhobenen Armen aufzulaufen. Wir werden versuchen, in Dortmund einen Fuß in die Tür zu bekommen, auch wenn wir dafür bestimmt auch bisschen Glück brauchen.



Als Sie 2018 von Hertha BSC zum FC Augsburg gewechselt sind, da haben Sie gesagt, es hätte auch Thailand werden können. Warum ausgerechnet Thailand statt Bundesliga?

Während meiner Zeit in Berlin hatte ich zwei schwierige Jahre mit schweren Verletzungen. Und da habe ich mir schon die Frage gestellt, was ich jetzt machen soll. Probiere ich es nochmal in der Bundesliga, lässt mein Körper das nochmal zu? Meine Verletztenakte war nicht unbedingt Werbung für mich in eigener Sache. Thailand stand deswegen tatsächlich im Raum. Ein guter Freund von mir ist Deutsch-Thailänder und spielt dort. Ich habe mir im Urlaub auch mal angeschaut, wie die Gegebenheiten vor Ort so sind, wie dort trainiert wird, wie professionell das Ganze dort ist. Das war immer ein Hintergedanke, falls in Deutschland alle Türen verschlossen geblieben wären und ich irgendwo in unterklassigen Ligen rumgekickt hätte. Aber dann kam glücklicherweise der FC Augsburg auf mich zu und wir sind uns sehr schnell einig geworden. Darüber bin ich sehr froh.

Julian Schieber sieht Entwicklung im Fußball kritisch: Es geht viel um Selbstinszenierung

57 Pflichtspiele (6 Tore) absolvierte Julian Schieber in zwei Jahren für den BVB. Von Duellen mit Real Madrid ist der 30-Jährige heute weit entfernt. © imago

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Behalten Sie den Plan im Hinterkopf?

In meiner jetzigen Situation mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich habe noch zwei Jahre Vertrag in Augsburg und will mich nochmal in der Bundesliga beweisen. Wenn meine Zeit in Augsburg irgendwann zu Ende geht, werde ich mir überlegen, wie es weitergehen soll. Nach der Karriere könnte Thailand wieder ein Thema werden, vielleicht ja auch nur für ein paar Monate. Im Moment bin ich aber hier in Augsburg genau am richtigen Ort.



Wird man demütiger, wenn einen das Verletzungspech so oft heimsucht? Nimmt man Bundesliga-Fußball dann anders wahr und mit?

Kurzzeitig auf jeden Fall. In den Phasen, in denen man nicht fit ist, denkt man viel nach. Aber sobald der Körper signalisiert, dass es wieder geht, blendet man das schnell wieder aus. Man ist wieder in festen Abläufen drin, man will spielen, man will Tore schießen. Aber man genießt es sicherlich anders, das schon.



Gab’s zwischendurch auch mal den Gedanken, die Fußballschuhe komplett an den Nagel zu hängen und sich nicht noch eine Reha anzutun?

Nein, das nicht. Aber graue, triste Tage und Wochen gab es definitiv. Wenn’s nicht vorangeht, kommen die Zweifel, das ist so. Aber am Ende war der Wille zum Glück stark genug, auf den Platz zurückzukehren. Fußball ist meine Berufung. Ich war 27, 28, 29 Jahre alt. Und irgendwie konnte es das ja auch noch nicht gewesen sein. So wollte ich nicht aufhören. Da kämpft man sich lieber noch einmal zurück und glaubt daran, dass man es schaffen kann. Das Ziel war größer als die Zweifel, die in meinem Kopf umhergegeistert sind.

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Dabei hat sich der Fußball rasant verändert in den vergangenen Jahren. „Der Fußball ist nicht mehr der, in den ich mich mal verliebt habe.“ Dieses Zitat von Ihnen ist noch gar nicht so alt. Was stört Sie am heutigen Fußball?

In meinem Alter sieht man die Dinge anders als man sie als ganz junger Profi gesehen hat. Der Fokus bei den jungen Spielern ist einfach ein anderer heute, was wahrscheinlich völlig normal ist. Ich will das auch gar nicht verurteilen. Aber es geht viel um Selbstinszenierung, um Social Media, darum, ein Stück weit selbst eine Marke zu werden. Es gehört dazu, aber es sorgt schon irgendwie für eine Reizüberflutung, finde ich. Ich kümmere mich darum nicht mehr. Ich bin Papa von drei Kindern, ich habe genug zu tun. Ich muss sehr viel investieren, damit mein Körper Bundesliga-Fußball zulässt. Da brauch ich nicht auch noch Social Media, wo vieles auch in Richtung Scheinwelt geht. Daran will ich nicht teilnehmen.



Strahlt das auf den Fußball aus? Ist das auch alles ein bisschen mehr Scheinwelt als früher?

Am Ende geht’s um Punkte auf dem Platz, das ist das Gute. Da gibt’s keine Scheinwelt. Darum spiele ich noch so gerne Fußball. 20 bis 30 Prozent in unserem Beruf sind vielleicht unangenehm, vielleicht sogar unnötig, aber es gehört eben dazu und es wird auch immer mehr. Viele Termine haben ja mit Fußball eigentlich nichts zu tun. Man macht’s als Spieler natürlich gerne mit, weil es dem Verein hilft. Aber dann muss ich mich nicht auch noch selbst vermarkten. Damit fahre ich persönlich gut. Ich will einfach noch ein paar schöne Jahre als Fußballer haben. Der Rest ist für mich nicht mehr wichtig.

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