Jadon Sancho ist erstmals für die englische A-Nationalmannschaft berufen worden. Die Presse auf der Insel überschlägt sich vor Lobgesängen und Gerüchten. Sancho selbst gibt sich gelassen.

Dortmund

, 10.10.2018, 07:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Noch nicht einmal ein Jahr ist jetzt her, da betritt Jadon Sancho zum ersten Mal die große Bühne. Am 21. Oktober 2017 ist das. Borussia Dortmund spielt bei Eintracht Frankfurt, hat soeben eine 2:0-Führung aus der Hand gegeben - und der damalige BVB-Trainer Peter Bosz zieht seine letzte Wechseloption. 84. Minute: Maximilian Philipp raus, Jadon Sancho rein - 17 Jahre, sechs Monate und 26 Tage alt. Ein Millenial, Baujahr 2000, feiert sein Debüt in der Bundesliga.

Erster Spieler aus den 2000ern in Englands Nationalteam

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Heute, keine vollen zwölf Monate später, steht Sancho, der junge Mann aus England mit Eltern aus Trinidad und Tobago, der das Kicken in der Jugend vom FC Watford und von Manchester City lernte, vor seinem nächsten Debüt. Am 12. Oktober spielt die englische Nationalmannschaft gegen Kroatien, am 15. Oktober gegen Spanien. Sancho ist erstmals für die englische A-Nationalmannschaft nominiert, als erster Spieler, der in den 2000ern geboren ist.

Wirklich überraschend kommt das nicht. Denn Sancho, im August 2017 mit einigen Störgeräuschen für rund acht Millionen Euro aus Manchester nach Dortmund gewechselt, sammelt seit einem Jahr sportliche Meilensteine wie andere Teenager Pokémon - er hört einfach nicht auf.

Jadon Sancho versetzt Fußball-England in Aufruhr - viele Gerüchte um BVB-Talent

14 Tore gelingen Jadon Sancho in 18 Spielen für Englands U17. Bei der WM 2017 reist er nach der Gruppenphase am 14. Oktober ab, um wenig später sein Bundesliga-Debüt zu feiern. © imago

Mit der englischen U17 wird er im Oktober 2017 Weltmeister in Indien, muss dabei allerdings vorzeitig abreisen, weil der BVB ihn in der Liga benötigt. Es folgt das Debüt in Frankfurt. Sein erstes Bundesliga-Tor erzielt Sancho am 21. April beim 4:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen. In der vergangenen Rückrunde spielt er unter Peter Stöger insgesamt sieben Mal von Beginn an - und unter Lucien Favre mausert er sich seit dem Sommer endgültig zu einem der spannendsten Spieler in der Bundesliga. Zehn Pflichtspiele, zehn Torbeteiligungen - es ist in diesen Tagen nicht einfach, Sancho vor Superlativen zu bewahren.

Alle Klubs wollen Sancho

Die englische Presse versucht es deshalb gar nicht erst. Der 18-Jährige sei die „aufregendste Verheißung“ des europäischen Fußballs, meint die „Daily Mail“. Und der Guardian schreibt: „Jadon Sancho, ein Straßenfußballer mit dem Potenzial, Englands Neymar zu sein.“ Und die „Sun“ ist sich sicher: „Er ist bereit, ein Three-Lions-Star zu sein.“

Und fast alle wollen ihn kaufen, auch wenn Borussia Dortmund Sanchos Vertrag erst in der vergangenen Woche ohne Ausstiegsklausel bis 2022 verlängert hat. Wie der Mirror berichtet, sollen Chelsea, Tottenham, Manchester United, Liverpool und Arsenal an einer Verpflichtung des 18-Jährigen interessiert sein, von über 100 Millionen Pfund Ablöse ist die Rede.

Sancho zögert und bleibt gelassen

Sancho selbst sagt dazu: „Woah.“ Puh. „Das ist verrückt“, sagt er. Und dann sagt er noch: „Das ist“, zögern, „das ist“, wieder zögern, „ich weiß nicht“, Pause, „ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

Die Aussagen sind ganz frisch. Sancho hat sie erst am Dienstag getätigt, in einer Medienrunde des englischen Fußballverbands. Auf ihnen lag eine Sperrfrist, der Verband wollte es so, erst jetzt, am Mittwochmorgen, dürfen sie veröffentlicht werden - und dieser Redaktion liegen sie vor. Sancho muss in England viele Fragen beantworten, weil viele Leute vieles von einem wissen wollen, wenn man als der nächste Neymar gilt.

Was hat Sancho für Vorbilder und welcher Spielertyp ist er?

Ob Sancho irgendwann wieder in England spiele? „Ich weiß es nicht. Das ist die Zukunft. Man weiß nie, was passiert. Warten wir es einfach ab.“

Was ihn inspiriere? „Ich habe mir immer Ronaldinho-Videos auf Youtube angeschaut. Das war eine große Sache für mich.“

Was er für ein Spielertyp sei? „Ich würde sagen, ich bin ein bisschen verrückt, direkt und selbstbewusst. Ich glaube an mich in Eins-gegen-Eins-Situationen. Und das ist es, würde ich sagen.“

Wie es ihm in Deutschland so ergehe? „Alle haben mich sehr nett aufgenommen. Gute Stimmung dort, aber die Sprache ist schwierig. Ich kann bislang nur die Basics. Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“

Debüt in der Nationalmannschaft? „Es wäre ein Traum, der wahr würde. Ich könnte mir nichts Besseres vorstellen.“

Signal-Iduna-Park? „Es ist sehr laut. Es ist nicht normal, als Spieler vor 80.000 Zuschauern zu spielen. Ich bin dafür sehr dankbar. Am Anfang war ich sehr nervös, aber jetzt gewöhne ich mich langsam daran.“

Tabellenführer mit Borussia Dortmund? „Das ist super. Ich bin froh, ein Teil des BVB zu sein. Offensichtlich muss ich mich beim Trainer bedanken, dass er mich spielen lässt, mir vertraut und an mich glaubt.“

Manchester City? „Möchte ich nicht drüber reden.“

Jadon Sancho versetzt Fußball-England in Aufruhr - viele Gerüchte um BVB-Talent

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate holte Jadon Sancho ins Team der Three Lions. © imago

Deutlich lieber als über Manchester City möchte Sancho über seine Nominierung in der Nationalmannschaft reden. Er sei überrascht gewesen, weil er noch so jung sei und so viel zu lernen habe. Aber sei vor allem einfach „happy“. Der Sprung nach Deutschland sei damals hart gewesen. „Ich habe meine Mutter und meine Schwester verlassen. Ich vermisse sie sehr. Aber ich habe das getan, was am besten für mich war - und das war der Schritt nach Dortmund.“

Viel Lob von Southgate und Sanchos ehemaligen U-16-Trainer

In England wird Sanchos Entwicklung mit einer Mischung aus Verwunderung und Bewunderung beäugt. „Jadons Story ist ungewöhnlich“, erklärt Nationaltrainer Gareth Southgate, „er war mutig genug, ins Ausland zu gehen, stand in zwei Champions-League-Spielen für Dortmund in der Startelf und hat auch in der Liga als Einwechselspieler beeindruckt.“

Auf jeden Fall trauen sie ihm viel zu, vielleicht ja sogar zu viel. Sein ehemaliger U16-Trainer Dan Micciche sagt über Sancho: „Er ist grell, und es ist sehr unterhaltsam, ihm zuzuschauen.“ Und dann sagt er: „Er ist ungeheuer effektiv, bei dem, was er anstellt. Er kreiert etwas auf dem Platz - und das ist bei ihm kein bloßer Schönheitswettbewerb. Es ist wie bei Neymar.“

Der BVB blickt stolz, aber auch sorgenvoll nach England

Wie bei Neymar. Da ist er schon wieder, dieser Vergleich, dem so schwer gerecht zu werden ist. Die Messlatte liegt verdammt hoch für Sancho, dabei hat er noch gar kein richtiges Spiel für England gespielt. In Dortmund blicken sie daher zwar mit Stolz, aber sicherlich auch ein bisschen voller Sorge auf die Insel. „Er ist noch sehr, sehr jung“, sagt BVB-Trainer Lucien Favre. In Zukunft sei Sancho sicher ein Kandidat für die englische Nationalmannschaft, meint der Schweizer, um gleich danach zu beschwichtigen. „Aber nicht zu früh.“

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