Ist Lucien Favre noch der richtige BVB-Trainer? Die Hoffnung fliegt zuletzt

dzBorussia Dortmund

Die BVB-Krise wirft Fragen auf. Nicht nur die nach dem Trainer. Ein Jahr ohne Titel ertragen die Fans lieber als eine Mannschaft, mit deren Fußball sie sich nicht identifizieren können. Eine kommentierende Analyse.

Dortmund

, 30.11.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Diesen Wunsch kann wohl jeder nachvollziehen. Er würde sehr gerne mal wieder „lachende Gesichter“ sehen beim Heimflug aus Berlin, sagte Michael Zorc. Borussia Dortmunds Sportdirektor hofft weiter auf eine Trendwende. Mit Trainer Lucien Favre. Wünsche, Hoffnungen und das Flehen, dass diese Mannschaft endlich wieder ihr Potenzial ausschöpft - viel mehr steht einer Implosion beim BVB nicht mehr im Weg.

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Ein Sieg mit einem überzeugenden Auftritt bei der Hertha, die mit ihrem Trainerwechsel von Ante Covic zu Jürgen Klinsmann einen Schritt vollzogen hat, den die Borussen bislang aufschieben und am liebsten vermeiden würden, brächte etwas Luft zum Atmen in den schwarzgelben Kosmos. „Wir glauben, dass wir das in dieser Konstellation hinkriegen“, sagte Zorc zur ersehnten Trendwende.

Andernfalls droht der Druck auf die Dortmunder übermächtig zu werden. Müsste der BVB zum zweiten Mal binnen zwei Jahren seinen Trainer vorzeitig vor die Tür setzen, kämen auch die bohrenden Fragen hoch, ob da nicht grundlegend falsche Einschätzungen getroffen wurden. Dann könnte einem tristen Herbst ein eiskalter Winter folgen.

BVB-Rechnung ist ein Trugschluss

Klubchef Hans-Joachim Watzke hat dieser Tage folgende Argumentationskette aufgefädelt: In der Nachfolge von Meistertrainer Jürgen Klopp habe Thomas Tuchel nach vier titellosen Jahren wieder einen Pokal geholt. Peter Stöger habe den BVB von Rang acht auf vier geführt und Lucien Favre von vier auf zwei. Alles bestens also? Wohl nicht, denn diese Rechnung ist ein Trugschluss, der als Feigenblatt nur unzureichend die Fragezeichen bei der richtigen Trainerauswahl verhüllen kann.

Ist Lucien Favre noch der richtige BVB-Trainer? Die Hoffnung fliegt zuletzt

Hoffen noch auf die Wende zum Guten mit Lucien Favre auf der Dortmunder Trainerbank: Sportdirektor Michael Zorc (l.) und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. © dpa

Nicht nur, dass der Verein seit Jahren den Klopp-Zeiten hinterhertrauert - Watzke sogar ungeniert öffentlich in Krisenzeiten - und in der Konsequenz jeder neue Trainer nur eine B-Lösung sein kann und scheitern muss. Schwerwiegender erscheint, dass fußballerisch nicht mehr oft Borussia Dortmund drinsteckt, wo Borussia Dortmund draufsteht.

Lucien Favre bekam den Vorschuss, alle seine Mannschaften besser gemacht zu haben. Das stimmte für die Vergangenheit. Doch in Dortmund war der Schweizer nicht mehr als Entwicklungshelfer gefragt, sondern als Meistermacher. Mit dem besten Kader, über den er je verfügen konnte - der aber nicht rein nach seinen Vorstellungen zusammengestellt war.

Borussia Dortmund ist im Moment zu ausrechenbar

So lagen Genie und Wahnsinn oft nahe beieinander. Den BVB führte er zu einem unabsehbaren Husarenritt an die Tabellenspitze - und warf nach einem 2:4 im Derby im April 2019 als Erster voreilig (!) die Flinte ins Korn. Zweifel an Favre gab es auch damals. Doch einen Trainer, der Vizemeister wird und 76 Punkte holt, den setzt du nicht vor die Tür.

Im Krisen-Herbst erkennt Favre die Problemstellen in seiner Mannschaft und auf dem Feld. Doch es gelingt ihm nicht, diese Mängel abzustellen. Dortmund leidet, wenn der Gegner aggressiv presst oder blitzschnell kontern will. Im eigenen Spiel ist der BVB zu ausrechenbar, wenn Balance statt Begeisterung den Takt vorgibt. Aus Geduld wird Lethargie. Es besteht der Vorwurf: Favre hält zu lange an seiner Idee fest. Bei ausbleibendem Erfolg geriete allerdings auch das Gegenteil zum Bumerang, so verfahren kommt die Situation daher.

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Über Wochen und Monate entwickelte sich ein Schrecken ohne Ende – dem jetzt ein Ende mit Schrecken folgen könnte. Mehrfach ließ die Klubführung den Zeitpunkt für eine Trennung verstreichen. Etwa nach der Bayern-Schlappe. Oder dem Paderborn-Desaster. Allein wegen fehlender Trainer-Alternativen?“

Es gibt nicht viele mögliche Nachfolger für Lucien Favre beim BVB

Die verwertbaren Gegenvorschläge zu Favre sind in der Tat rar gesät. Daniel Farke, der frühere U23-Trainer, brächte Stallgeruch, frischen Wind und eine hohe Identifikation mit Borussia Dortmund mit. Aber er steht in der Premier League bei Norwich City unter Vertrag, wird sich nicht in der laufenden Saison von seiner Aufstiegsmannschaft trennen. Und einen Topklub wie den BVB hat der 43-Jährige auch noch nicht trainiert.

Ist Lucien Favre noch der richtige BVB-Trainer? Die Hoffnung fliegt zuletzt

Ex-Borusse Daniel Farke steht aktuell bei Norwich City in der Premier League unter Vertrag. © dpa

Ein anderer Name, der kursiert, lässt beim ersten Aussprechen nicht die Herzen hüpfen, folgt jedoch einer inneren Logik. Roger Schmidt (52) steht für leidenschaftlichen und attackierenden Fußball, er hat bei RB Salzburg und Bayer Leverkusen gute Erfolge eingefahren und auf seinen Stationen, so ist zu hören, nicht nur freundliche und verständnisvolle Tonlagen gewählt. Nach seinem Aus in China im Sommer wäre Schmidt ausgeruht und willig.

Die fußballerische Handschrift muss entscheiden

Der BVB hat Harakiri-Pressing unter Bosz gewählt, den Sicherheitsdienstleister Peter Stöger und den Kontrollfreak Lucien Favre. Sollte es mit den lachenden Gesichtern auf der Rückreise aus Berlin nichts werden, muss klar sein: Bei der Auswahl eines neuen Trainers darf nicht der Name entscheiden. Sondern allein die fußballerische Handschrift und mentale Herangehensweise. Ein Jahr ohne Titel ertragen die Fans lieber als eine Mannschaft, mit deren Fußball sie sich nicht identifizieren können.

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