In Rekordzeit unverzichtbar! Witsel ist der ruhende Pol im BVB-Mittelfeld

dzBorussia Dortmund

Axel Witsel spielt erst wenige Monate für den BVB. Doch der 29-Jährige hat es geschafft, in Rekordzeit unverzichtbar zu werden. Witsel ist der Boss im Mittelfeld - ohne laut zu werden.

Dortmund

, 25.10.2018, 20:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es gibt eine Geschichte über Axel Witsel, die schon etwas länger zurückliegt. 2012, vor gut sechs Jahren, da wäre der Mann mit der auffälligen Frisur um ein Haar zu Real Madrid gewechselt. Witsel hatte gerade seine erste Saison fernab der belgischen Heimat gespielt. In Portugal. Für Benfica Lissabon. Der heute 29 Jahre alte Mittelfeldspieler kickte damals so überzeugend, dass die Kaderplaner aus Madrid durchaus die Fantasie besaßen, Witsel könnte den Galaktischen bei dem Griff nach den Sternen behilflich sein.

Ende Oktober noch ohne Niederlage

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Es gab Gespräche, Witsel musste sich, wenn man so will, im Assessment-Center Real Madrids gegen andere Kandidaten behaupten. Am Ende bekam er den Job nicht. Real entschied sich gegen Witsel und für die prominente, die schillernde, die große Lösung. Ein gewisser Luka Modric wechselte für zur damaligen Zeit ziemlich beeindruckende 30 Millionen Euro von Tottenham Hotspur in Spaniens Hauptstadt.

Im Sommer 2018 hat Witsel selbst für eine beeindruckende Ablösesumme den Verein gewechselt. 20 Millionen Euro zahlte Borussia Dortmund an den chinesischen Klub Tianjin Quanjian. Das ist zweifellos sehr viel Geld, aber trotzdem beeindruckend wenig, wenn man ihn im BVB-Trikot beobachtet. Zwölfmal stand der belgische Nationalspieler, der im Sommer in Russland mit den Roten Teufeln bis ins WM-Halbfinale marschierte und schließlich Dritter wurde, in dieser Saison für den BVB auf dem Platz. 939 Minuten lang. Und seit Witsel da ist, hat Borussia Dortmund noch kein einziges Spiel verloren.

Die Geschichte beginnt in Fürth

Gleich in seiner ersten Partie, als der BVB in der ersten Runde des Pokals in Fürth am dichtesten vor einer Niederlage stand, rettete Witsel seinen neuen Klub vor der drohenden Pleite. Nach 74 Minuten betrat er den Platz, 20 Minuten später jubelte er nach seinem Treffer zum 1:1 mit den neuen Kollegen erleichtert an der Eckfahne.

In Rekordzeit unverzichtbar! Witsel ist der ruhende Pol im BVB-Mittelfeld

König der Lüfte! Axel Witsel bejubelt seinen Treffer gegen Atletico. © dpa

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Der BVB zog über den Umweg Verlängerung in die nächste Runde ein - und startete eine Woche später seine Erfolgsserie in der Bundesliga. 4:1 gegen RB Leipzig, Witsel traf gleich noch einmal und spielte die kompletten 90 Minuten durch. Eigentlich konnte man da schon zu der Einschätzung gelangen, dass dieser Witsel unverzichtbar werden würde für Borussia Dortmund. Aber wer hat schon Lust auf steile Thesen nach nur zwei Einsätzen und 135 Minuten Fußball?

„Der ruhende Pol im Mittelfeld“

Am Mittwochabend, gut zwei Monate nach seinen ersten beiden Toren für den BVB, hat Witsel sein drittes Tor für seinen neuen Klub erzielt. Dieses Mal in der Champions League. Beim 4:0 gegen Atletico Madrid traf der Spieler mit der Rückennummer 28 zum 1:0 in Minute 38. Die steile These aus dem August, Witsel sei für den BVB unverzichtbar, ist im Oktober flacher als die Niederlande. Es besteht keinerlei Zweifel: Witsel ist ein riesiger Glücksfall für Borussia Dortmund.

Michael Zorc sagt: „Axel ist der ruhende Pol im Mittelfeld.“ Das ist eigentlich untertrieben. Denn Axel Witsel ist fast alles im Dortmunder Mittelfeld. Taktgeber, Chef, Dirigent, Anspielstation Nummer eins, Passmaschine. Gegen Atletico kam Witsel auf 92 Ballaktionen, 93 Prozent Passquote, 71 Prozent gewonnene Zweikämpfe bei nur einem Foulspiel. Witsel war von vielen guten bis sehr guten Fußballern der beste auf dem Platz.

„Wir sind wirklich stolz“

Witsel selbst würde das so nie sagen. Er sagt lieber: „Es ist eine großartige Nacht für uns alle.“ Oder: „Wir sind wirklich stolz. Wir mussten ein cleveres Spiel spielen - und das haben wir mit den jungen Spielern geschafft.“ Oder: „Wir sind eine starke Mannschaft, vor allem offensiv. Wir haben Spieler, die den Unterschied ausmachen können.“

Der Belgier, der in seiner Heimat in einem Atemzug mit den Superstars Kevin de Bruyne und Eden Hazard genannt wird, wenn es um die Frage geht, wer der beste Fußballer im Land sei, sieht zwar auffällig aus, ist aber eigentlich ein Mann der leisen Töne. Er sagt seine Meinung, aber wird dabei nie laut oder aufbrausend. „Mir kommt es nicht so vor, als wäre ich der Boss“, erklärte Witsel jüngst in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe. Vielleicht liege seine Abgeklärtheit ja an seinen karibischen Wurzeln. Witsels Papa stammt aus Martinique, dort „lässt man sich nicht stressen“, meint Witsel. „Ich bleibe auch in Druck- und Stresssituationen ruhig. Ich schreie niemanden an.“

Glückliche Umstände

Dass Witsel seit diesem Sommer im Dortmunder Mittelfeld die Anweisungen gibt, ist eine Mischung aus guter Transferpolitik und glücklicher Fügung. Auf der einen Seite handelte der BVB blitzschnell, als sich die Möglichkeit ergab, Witsel nach Dortmund zu locken. Auf der anderen Seite gibt es eine Menge glückliche Umstände, die dazu führten, dass der Witsel-Transfer für den BVB überhaupt realisierbar war.

2012 platzte sein Wechsel zu Real Madrid. 2016 platzte Witsels bereits ausgehandelter Wechsel zu Juventus Turin. Sein damaliger Klub Zenit St. Petersburg schob dem Deal auf den letzten Drücker einen Riegel vor. Im Januar 2017 dann folgte Witsel dem Ruf des Geldes nach China und verließ die große europäische Fußballbühne. „Das Angebot, das ich aus China bekam, hätte ich aus finanzieller Sicht aus Europa nicht bekommen. Es war schwer abzulehnen“ sagt Witsel ganz offen. 18 Millionen Euro Jahresgehalt sollen es wohl gewesen sein.

Schnelle Rückkehr nach Europa

Das Geld stimmte, aber wirklich warm wurde der Familienmensch Witsel nicht mit dem Alltag in Fernost. „Gewöhnungsbedürftig“, nennt er das Leben im Reich der Mitte. Ein gewisses Heimweh streitet Witsel nicht ab, eine Ausstiegsklausel in Höhe von 20 Millionen Euro ermöglicht ihm eine schnelle Rückkehr nach Europa.

In Rekordzeit unverzichtbar! Witsel ist der ruhende Pol im BVB-Mittelfeld

Witsel (M.) im Gespräch mit Präsident Dr. Reinhard Rauball (vorne) und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. © dpa

Borussia Dortmund erfährt von der Ausstiegsklausel und kontaktiert den Spieler nach der WM in Russland. Auch Paris St. Germain hat Interesse, doch Michael Zorc ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort und überzeugt Witsel von einem Wechsel zum BVB. Witsel sagt: „Ich hatte den Eindruck, dass jeder in diesem Klub wollte, dass ich für den BVB spiele.“ Und er sagt auch: „Das hier ist die beste Klubmannschaft, in der ich jemals gespielt habe. Wir sind auf Top-Niveau. Ich bin sehr glücklich. Ich habe nicht erwartet, dass wir so schnell so erfolgreich spielen würden.“

„Der weltweit beste Transfer“

Die rasante Entwicklung des BVB hängt untrennbar mit dem Namen Witsel zusammen. Sein Trainer in der belgischen Nationalmannschaft, Roberto Martinez, hat kürzlich erklärt, Witsel sei „der weltweit beste Transfer des gesamten Transfersommers“. Viele haben das nicht wirklich ernst genommen. Axel Witsel hat in seiner Antrittsrede beim BVB im Sommer erklärt, Borussia Dortmund sei für ihn einer „der besten Klubs in Europa“. Auch das haben viele nicht ernst genommen. Bis Mittwochabend.

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