Ex-BVB-Torwart Teddy de Beer im Exklusiv-Interview: „Ich schaue die Spiele als Fan“

dzBorussia Dortmund

Beim BVB ist er eine Institution. Insgesamt 32 Jahre lang war Wolfgang „Teddy“ de Beer (54) für den Klub tätig. Im Sommer hat er Schluss gemacht - und freut sich auf eine neue Aufgabe.

Dortmund

, 14.11.2018, 17:28 Uhr / Lesedauer: 7 min

Wolfgang de Beer, den alle nur „Teddy“ rufen, hat reichlich Zeit mitgebracht für ein ausführliches Gespräch über seine Karriere, Wegbegleiter und die Veränderungen im Torwartspiel.

Bei unzähligen denkwürdigen Spielen saßen Sie direkt am Spielfeldrand, am Samstag beim Spiel gegen die Bayern weit oben auf der Tribüne. Wie ungewohnt war das?

Es ist anders. Das gilt auch, wenn ich ein Spiel vor dem Fernseher sehe. Du sitzt dann da, und eigentlich arbeitest du vom Kopf her noch genau so wie früher. Nur kannst du nicht mehr eingreifen. Daher leide ich heute manchmal vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Weil ich die Spiele jetzt ja quasi als Fan sehe.

Springen Sie dann auch mal auf?

Bei den Toren natürlich, aber eigentlich bin ich ein ruhiger Vertreter, das war ich auch auf der Bank.

Sie sind jetzt seit knapp sechs Monaten raus aus dem Job. Wie geht es Ihnen?

Sehr gut! Ich war mit meiner Frau gerade in Australien, das war eine Reise, die wir schon sehr lange mal machen wollten. Im Mai und Juni waren wir mit dem Motorrad in Europa unterwegs, 6000 Kilometer haben wir da abgerissen. Ich habe es genossen, Abstand zu gewinnen und mich nach all den Jahren mal treiben zu lassen.

„Rente“, das fühlt sich ja am Anfang oft wie Urlaub an. Sagen zumindest Rentner, die ich kenne. Jetzt dauert der Urlaub schon länger. Sind Sie mit Ihrer Entscheidung im Reinen?

Auf jeden Fall. Es war außerdem ja nur eine Auszeit, dazu kann ich gleich noch was sagen. Wir haben uns schon vor mehreren Jahren zusammengesetzt und beschlossen, dass wir immer von Jahr zu Jahr entscheiden zu reden. Das war auch diesmal so.

Und diesmal hat der Verstand gesagt, es reicht?

Die Erfahrung wird größer mit den Jahren, aber der Körper will nicht mehr so (lacht). Ich habe gemerkt, dass es jetzt richtig ist, dass ich gerne auch noch etwas anderes machen will. Und ich wollte nicht so lange bleiben, bis die Leute vielleicht sagen, gut, dass er endlich geht! Jetzt waren einige doch überrascht.

Das Ende einer langen Zeit. Sie standen ja quasi 32 Jahre lang immer auf dem Platz, bei Wind und Wetter…

Richtig, Und immer mit Vollgas in der Geschichte drin. Es war dann jetzt auch gut für mich. Nicht nur vom Kopf, auch vom Körper her. Es sieht zwar schon jetzt lustig aus, wenn ich mit meinen krummen Beinen daher laufe, aber ich komme morgens noch ganz gut aus dem Bett. Das soll auch so bleiben. Von daher passte der Zeitpunkt.

Den Gedanken reifen zu lassen, ist das eine. Wird einem die Endgültigkeit der Entscheidung erst am letzten Arbeitstag klar?

Ja, aber trotzdem war die Entscheidung richtig. Das habe ich aber auch damals als aktiver Torhüter schon konsequent gemacht. Ich war 37 und hätte vielleicht noch ein Jahr dranhängen können. Aber auch damals habe ich der Entscheidung nicht nachgeweint. Und Anfang Juli saß ich zu Hause und dachte, ja, eigentlich wärst du jetzt schon wieder auf dem Weg nach Dortmund. Da fand ich das richtig gut, dass ich das nicht musste (lacht). Der Kontakt zur Mannschaft und zu den Trainern wird ja auch nicht ganz abreißen.

Sie sprechen nicht vom Ende, sondern von einer Auszeit. Das heißt, es warten bald andere Aufgaben?

Wir haben darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte. Es war klar, dass ich gerne eine gewisse Pause haben wollte, und die hat mir auch gut getan. Aber jetzt freue ich mich, dass es am 1. Dezember weiter geht. Ich werde im Fan-Bereich was machen, will zunächst die Fan-Abteilung richtig kennenlernen und dann da mitarbeiten. Ich bin ja ein kommunikativer Mensch, hab mich ja gern neben meiner Funktion als Torwarttrainer auch um die jungen Spieler bei uns gekümmert, wenn sie eine Frage hatten. Das wird also was für mich sein.

Ousmane Dembélé haben Sie aber leider nicht hinbekommen…

Mit dem konnte ich ja am Ende nicht mehr reden, der kam ja einfach nicht mehr (lacht).

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer

14.11.2018
/
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture alliance/dpa
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture alliance/dpa
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture alliance / dpa
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture alliance / dpa
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture alliance / Friso Gentsch
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© picture-alliance/ dpa
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago sportfotodienst
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago sportfotodienst
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago sportfotodienst
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago sportfotodienst
Bilder aus der Karriere von Wolfgang "Teddy" de Beer.© imago/Laci Perenyi

Sie haben 15 Jahre als Spieler, 17 Jahre als Trainer beim BVB verbracht. Was bleibt hängen aus dieser Zeit?

Viele schöne Erinnerungen, viel Freude und auch Dankbarkeit, dass ich an diesem „Fußballzirkus“ teilhaben durfte. Es waren so viele tolle Momente dabei, wir haben sehr viele Titel gewonnen. Besonders war der Pokalsieg 1989, weil er eine 23 Jahre dauernde Durststrecke beendete.

Und Bremen der klare Favorit war…

Genau, das war ja deren Blütezeit. Für uns war der Sieg wie eine Befreiung, wir haben ja damals fast immer um den Klassenerhalt gespielt. Wie wir empfangen wurden, als wir zurück nach Dortmund kamen, das werde ich nie vergessen.

In 32 Jahren gibt es sicher nicht nur schöne Momente…

Die schwierigen Phasen gehören natürlich auch dazu. 2005, als es dem Verein nicht gut ging. Oder die Phase, als ich mir als Spieler Schien- und Wadenbein gebrochen hatte und gar nicht wusste, ob ich je wieder würde spielen können. Da war ich 29 und eigentlich im besten Fußballer-Alter.

Sie hatten zuvor Ihren Stammplatz verloren…

Stefan Klos hatte sich die Chance verdient, rückblickend sehe ich auch, dass ich zu der Zeit nicht ganz auf meinem Niveau war. Aber damals habe ich schon einige Zeit gebraucht, um das zu akzeptieren. Und da hatte ich dann auch mal Stress mit Hitzfeld. Dann kam die Verletzung, und nachher war ich wieder voll auf der Höhe. Aber Ottmar sah keinen Grund zu einem Rückwechsel, weil Stefan es gut gemacht hat. Ich habe das dann akzeptiert und gedacht, okay, dann ist das jetzt deine neue Rolle als Nummer zwei. Es ging mir in all den Jahren immer darum, wie ich mich einbringen kann, damit der Verein den größtmöglichen Erfolg hat. Das war auch später als Torwarttrainer so.

Sie sind als Torwarttrainer zwei Mal Meister und auch Pokalsieger geworden. Ist die Bedeutung von Titeln eine andere, wenn man sie als aktiver Spieler oder als Trainer holt?

Eigentlich nicht. Man hat genau so viel investiert. Und es ist auch schön zu sehen, welche Erfolge die Arbeit als Trainer bringt, wie man Spieler weiterentwickelt hat, wie man sie gefördert hat.

16 Ihrer 17 Jahre als Torwarttrainer haben sie mit Roman Weidenfeller gearbeitet. Sie sind ja quasi wie ein altes Ehepaar…

(lacht) Ja, es war eine Zeit mit Höhen und Tiefen, wie das so ist, wenn man so lange zusammenarbeitet. Wir hatten natürlich auch mal Stress miteinander. Er war ein Heißsporn zu Anfang, es war mein Vorteil, dass ich jede Situation, die er durchmachte, als Profi auch erlebt habe. Er hat immer gesagt, er wundere sich, wie ich immer so ruhig bleiben könne (lacht).

War es schwierig, sich mit ihm zusammenzuraufen?

Er hat immer Vollgas gegeben. Ich habe es immer lieber gehabt, einen Spieler mal bremsen zu müssen, als wenn ich ihn immer hätte anschieben müssen. Ich wurde schon gefragt, ob er es nicht hätte einfacher haben können. Ich glaube, Roman hätte diese Karriere nicht gehabt, wenn er ein anderer Charakter gewesen wäre. Klar musste man ihn mal zwischendurch einfangen.

Er hat vor allem spät in seiner Karriere noch richtig große Leistungssprünge gehabt…

Da ist er vor allem als Mensch gereift. Aber Roman hat immer zum richtigen Zeitpunkt den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Daher war es nie ein Thema, sich eine andere Nummer eins zu holen, auch wenn er ja auch einige schwierige Phasen hatte.

Weidenfeller kam spät zu Länderspiel-Ehren. War das ein Thema im täglichen Miteinander?

Man hat darüber natürlich mal gesprochen. Aber wir konnten es ja nicht beeinflussen. Oder eben nur durch konstant gute Leistungen. Und darauf haben wir uns konzentriert.

32 Jahre als Torhüter, da hat sich auch das Torwartspiel dramatisch verändert. Ist es vor allem der Punkt, dass Torhüter heute bessere Fußballer sein müssen?

Als ich angefangen habe, hat Lothar Huber mich trainiert. Der war Co-Trainer. In Duisburg, wo meine Karriere begann, habe ich mich quasi selbst trainiert, vor Holzwänden gestanden und die Bälle dagegen geschossen. Spezielles Torwarttraining gab es nicht. In Dortmund kam dann ab meinem zweiten Jahr ein Torwarttrainer hinzu. Das Spiel hat sich vor allem durch die Rückpass-Regel verändert. Es haben dann alle geschrien, Torhüter müssten gute Fußballer sein. Mir war das zu viel. Dann müsste man einen Mittelfeldspieler ins Tor stellen, aber der hält wahrscheinlich keine Bälle. Und am Ende zählt doch genau das.

Es kann allerdings nicht schaden, dass ein Roman Bürki den sicheren Pass über 20 Meter durchaus beherrscht…

Aber Bürki ist ein gutes Beispiel. Er sollte unter Peter Bosz der erste Aufbauspieler sein, weit vor seinem Tor stehen. Es lief dann aber leider nicht gut für uns, und als Peter Stöger kam, hat er ihm erklärt, es wäre wichtig, dass wir erst einmal wieder einen guten Torhüter hinten im Tor haben. Bürki hat das gut getan. Dennoch ist es natürlich von Vorteil, wenn ein Torhüter auch am Ball stark ist.

Es gibt aktuell eine Diskussion um das Fehlen von „Bolzplatz-Kickern“. Fehlen auch gute Nachwuchs-Torleute?

Wir haben gute Nachwuchs-Torhüter. Auffällig ist auf jeden Fall, dass viele ausländische Torwarte in der Bundesliga spielen. Vielleicht geht es der jungen Generation hier zu gut? Ich weiß es nicht. Wir wachsen ja deutlich behüteter auf, die Notwendigkeit, sich richtig zu quälen, um nach oben zu kommen, sehen manche da vielleicht nicht.

Roman Bürki hat über den Sommer einen enormen Sprung gemacht. Sind Sie überrascht?

Nein. Er hat sich in den drei Jahren weiterentwickelt. Er hat aus Fehlern gelernt. Wir sind mit Roman Bürki drei Mal in die Champions League gekommen, wir haben den Pokal geholt. Als wir letztes Jahr im Verein zusammengesessen haben, war daher klar, dass wir keine neue Nummer eins, sondern einen Torhüter holen, der „nur“ ein Herausforderer sein kann. In Marwin Hitz hat er jetzt einen echten Konkurrenten im Kader. Auch das treibt einen an.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert?

Man passt sich natürlich an, nutzt natürlich moderne Technik wie Videoschulungen. Das Spiel ist schneller geworden, Torhüter werfen oder spielen Bälle viel schneller nach vorne. Mir sind die grundsätzlichen Torwart-Techniken aber immer wichtig gewesen. Die richtige Fausttechnik, oder wie ich schwierige Bälle vernünftig zur Seite abwehre. Basics müssen auch trainiert werden, aber das scheint mir ein wenig in den Hintergrund geraten zu sein.

Wie sind Sie überhaupt Torhüter geworden? Leidenschaft von klein auf?

Ich sag es mal so. Mit Fußball spielen hätte ich kein Geld verdienen können (lacht). Das fing wohl bei der EM 1968 an. Die habe ich als kleiner Junge zu Hause im Fernsehen gesehen, noch auf dem Schwarzweiß-Fernseher. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich beim Zuschauen gesagt hätte, dass ich da auch mal spielen will. Und dann bin ich wohl immer auf den Küchentisch geklettert, bin runtergesprungen und habe mich abgerollt. Mit Acht war ich dann im Verein, uns fehlte ein Torwart. Da ging es los. Ich war gierig und wollte keinen Ball reinbekommen.

Wissen Sie, wie oft Sie zu Null gespielt haben?

(lacht) Bestimmt nicht so oft, oder?

48 Mal bei 181 Spielen für den BVB…

Oh, gar nicht so schlecht (lacht).

Und wie viele Beinschüsse haben sie bekommen?

(lacht) Ne Menge. Ich erinnere mich allerdings nur an einen. Pokalspiel in Uerdingen, ich will einen Ball aufnehmen und habe ihn gedanklich schon wieder abgeworfen. Er ist mir dann durch die Beine gekullert. Ein Stürmer von Uerdingen ist hinterher und musste ihn nur noch ins Tor schießen. Am Ende haben wir noch 3:3 gespielt, es gab ein Wiederholungsspiel.

Woher kommt Ihre Leidenschaft für Pferde?
Eigentlich war es die Leidenschaft meiner Frau und Kinder. Meine Frau hat dann meine Töchter auf Turniere begleitet, ab und zu war ich auch dabei. Ich bin dann auch einmal selber geritten, weil ich immer gesagt habe, das Pferd macht das doch alles von allein. Im Österreich-Urlaub hab ich dann einen Kurs gemacht und gemerkt, wie anstrengend das ist, damit das Pferd auch das macht, was man will. Danach habe ich nie wieder einen Ton gesagt (lacht).

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Borussia Dortmund

Der „Ist-Zustand“ des BVB: Das sind die Baustellen bei Borussia Dortmund

Meistgelesen