Ex-BVB-Spieler Guy Demel über PSG: „Das ist sehr unprofessionell und lässt tief blicken“

Interview

Starallüren, Personalsorgen und Fehlentscheidungen: Für Paris Saint-Germain ist die Partie gegen den BVB in der Champions League ein Schicksalsspiel, meint Ex-Borusse Guy Demel.

Dortmund

, 11.03.2020, 14:56 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ex-BVB-Spieler Guy Demel: Dortmunds Power behagt PSG nicht

© Guido Kirchner

Sie beobachten den französischen Fußball genau. Wie stark schätzen Sie Paris Saint-Germain ein?

Paris ist in der Liga das Maß der Dinge und in der Tabelle weit enteilt. In der Ligue 1 werden sie allerdings kaum gefordert. Trotzdem sind die Leute nicht zufrieden mit der Leistung der Mannschaft auf dem Platz und auch nicht damit, wie der Verein sich nach außen darstellt. Die allgemeine Einschätzung geht in die Richtung, dass PSG nicht bereit ist, die Champions League zu gewinnen. Mit Blick auf die vergangenen Jahre scheint die Skepsis berechtigt zu sein: Paris ist dreimal im Achtelfinale ausgeschieden.

Und ausgerechnet vor dem Rückspiel plagen PSG ein paar Personalsorgen.

Zwei wichtige Spieler sind gesperrt, Marco Verratti und Thomas Meunier. Während Rechtsverteidiger Meunier noch in etwa gleichwertig zu ersetzen ist, trifft PSG der Ausfall von Verratti hart. Er war auch schon in Dortmund der stärkste Pariser. Er behauptet die Bälle, von seiner Zweikampfstärke und seiner Robustheit im Mittelfeld hängt viel ab. Außerdem sind Kylian Mbappe und Thiago Silva angeschlagen, man weiß noch nicht, ob sie spielen können.


Paris hat im Hinspiel sehr verhalten agiert, sieben defensive Feldspieler aufgeboten. Das dürfte im Rückspiel anders aussehen, oder?

Auf jeden Fall. Vorher und nachher kann man darüber diskutieren, ob eine Fünferkette PSG hilft oder nicht. Entscheidend ist doch, wie die Spieler auf dem Platz das System mit Leben füllen. Die Fünferkette dürfte auch ein Eingeständnis gewesen sein, dass Abwehrchef Thiago Silva nicht in der bestmöglichen Verfassung ist. Tuchel lässt seine Mannschaft gerne ins Gegenpressing gehen und positioniert die Abwehrkette sehr hoch. Mit Thiago Silva ist das aber ein Problem, denn er weicht immer nach hinten aus. Er ist nicht mehr der Schnellste, und das offensive Spiel liegt ihm auch nicht. Er ist zwar Brasilianer, aber als Abwehrspieler in Italien ausgebildet. Er rückt im Zweifel nach hinten, und die Mitspieler richten sich nach ihm. In diesen Momenten ist Paris sehr anfällig für Konter.

Was könnte dem BVB zum Erfolg in Paris verhelfen?

Dortmund muss die Partie genauso angehen wie im Hinspiel: PSG ist Duelle mit einer so hohen Intensität und viel Power nicht gewohnt und mag das auch nicht. Die Offensivspieler arbeiten nur nachlässig mit nach hinten, sie laufen einfach nicht gerne zurück. Wenn der BVB mit Emre Can oder Axel Witsel die Kontrolle im Mittelfeld übernimmt und noch dazu auf den Flügeln nach vorne drängt, behagt das PSG überhaupt nicht. Aber wenn Dortmund sich am eigenen Strafraum einschnüren lässt, wird es gefährlich. Denn das ist auch nicht die Stärke des BVB. Je mehr Power, Laufbereitschaft und Tempo die Borussia in die Partie investiert, desto besser.


Bleibt der Faktor Neymar. Wie entscheidend ist der Superstar für PSG?

Neymar ist von seiner besten Form weit entfernt in den vergangenen Wochen. Vor seiner Verletzung, einer Rippenprellung Anfang Februar, hat er richtig stark gespielt. Danach, als er wieder fit war, hat ihn PSG-Trainer Thomas Tuchel oft geschont. Seitdem findet Neymar seinen Rhythmus nicht wieder. Wenn er gut drauf ist, ist er selbstverständlich mit Abstand der beste Spieler. Aber mit Kylian Mbappe oder Angel di Maria verfügt PSG über zwei weitere Ausnahmekönner.


PSG ist dreimal im Achtelfinale ausgeschieden. Gibt es wirklich dieses Trauma?

Es scheint so. Dahinter stecken aber simple Fehler, die auf diesem Niveau unverzeihlich sind. Ein Beispiel: Vor einem Jahr gegen Manchester United hat Tuchel die Mannschaft in der Nacht vor dem Rückspiel nicht im Hotel zusammengerufen, mit der Folge, dass Stammtorhüter Alphonse Areola zu spät zum Treffpunkt gekommen ist. Dann musste Gigi Buffon ins Tor, und der hat sich einen schweren Patzer erlaubt. Auf dem höchsten Niveau sind das Fehlentscheidungen, die man sich nicht erlauben darf. Und im Jahr davor nach einem 4:0 zuhause noch mit 1:6 in Barcelona auszuscheiden, da sitzt der Stachel immer noch sehr tief.

Mit diesem bärenstarken Kader muss PSG doch als Favorit ins Rückspiel gehen, trotz oder gerade wegen des 1:2 im ersten Aufeinandertreffen.

Wenn Paris sein bestes Level abruft, dann sind sie stärker einzuschätzen als Dortmund. Aber wo liegt das Limit von PSG? Keiner weiß es, weil sie in der Ligue 1 so gut wie nie gefordert werden. Die Presse ist sehr negativ, manchmal zu Unrecht. Aber die Stars machen sich auch angreifbar: Nach der Niederlage in Dortmund gab es eine große Geburtstagsfeier mit mehreren Spielern. Journalisten und Fotografen waren eingeladen, entsprechend standen die Bilder in allen Zeitungen. Das ist sehr unprofessionell und lässt tief blicken. Denn es entsteht der Eindruck, dass in dieser Mannschaft alle nur auf sich schauen und nicht in die gleiche Richtung, dass die Ziele des Vereins nicht über allem stehen.


Wie ist denn das Standing von Trainer Thomas Tuchel?

Thomas Tuchel war nicht der Wunschtrainer von Sportdirektor Leonardo. In seiner ersten Saison hat er „nur“ die Meisterschaft gewonnen. Wenn PSG in der Champions League nicht mindestens das Halbfinale erreicht, wird Tuchel nicht mehr lange Trainer sein. Maximal noch bis zum Saisonende.


Was macht er falsch?

Ich halte viel von ihm, er ist ein sehr guter Trainer, das steht außer Frage. Aber er eckt auch an, ähnlich wie in Dortmund. Er wirkt sehr elitär, sucht oft nach Ausreden. Er hat die Fans nicht für sich gewonnen, die Öffentlichkeit auch nicht. In manchen Szenen hat er nicht genug Charakter gezeigt, nicht genug Stärke. Die Spieler nutzen das aus. Neymar macht, was er will, Mbappe inzwischen auch. Wenn die Stars bestimmen wollen, wo und wie sie spielen, wird es problematisch für den Trainer.

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Ja, da hat er große Stärken. Aber er macht auch Fehler. Er hat sich einen echten Mittelstürmer wie Mauro Icardi gewünscht und ihn bekommen, Edinson Cavani ist auch noch da. Und dann spielen beim Hinspiel in Dortmund beide nicht. Und warum? Weil Mbappe sagt, dass er lieber vorne im Zentrum auflaufen möchte. Obwohl er auf der Seite viel besser zurechtkommt, wenn er mit seiner hohen Geschwindigkeit aufs Tor zulaufen kann. Neymar wiederum braucht für sein Spiel eigentlich einen Neuner, der den Ball festmachen und auch ins Pressing gehen kann für ihn. Aber seine Mittelstürmer lässt Tuchel auf der Bank, oder formstarke Leute wie Sarabia. Die Sache ist doch einfach: Champions League ist das höchste Niveau. Da müssen die aktuell besten Spieler auf ihren besten Positionen aufgestellt werden. Ich verstehe nicht, warum Tuchel da einknickt. Wir werden sehen, für welche Formation er sich am Mittwoch entscheidet.


Was glauben Sie, wie geht es aus?

Ich bin zwar Franzose, aber mein Herz schlägt für den BVB. Es werden auch mehr Tore fallen als im Hinspiel, vermute ich. Also 3:2 für PSG, und Dortmund kommt weiter.

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