BVB-Trainer Edin Terzic vertraut im Saison-Endspurt einem Stamm an Spielern. © imago / Sportfoto Rudel
Borussia Dortmund

Endspurt einer schwierigen Saison: Die BVB-Vielspieler müssen es richten

Die letzten Saison-Wochen entscheiden darüber, wie die Bewertung einer schwierigen BVB-Spielzeit ausfällt. Edin Terzic hat vor der heißen Phase Zeichen gesetzt – und vertraut einem engen Stamm.

Der Problematik, ließ Terzic am Samstag vor dem Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart durchblicken, sei er sich sehr wohl bewusst. Erst das wichtige Heimspiel gegen Frankfurt, drei Tage später die Partie in Manchester, das Rückspiel nur acht Tage später mit einer überraschend guten Chance für den BVB aufs Halbfinale in der Champions League. Dazwischen aber noch ein Spiel im Schwabenland, in dem ein Ausrutschen verboten war, wenn die Resthoffnung auf eine erneute Qualifikation für die Königsklasse weiterleben sollte.

Auf die hohe Belastung kann BVB-Trainer Terzic keine Rücksicht nehmen

Doch für die Partie beim starken Aufsteiger Stuttgart galt, was generell gilt für die nun angebrochenen entscheidenden Saisonwochen: Auf die hohe Belastung für die Mannschaft kann Dortmunds Coach immer weniger Rücksicht nehmen. „Sie sehen ja die Aufstellung“, sagte Terzic in die Mikrofone bei Sky. Schonung für das Spiel gegen Manchester konnte er sich nicht erlauben, Rotation findet nur noch auf wenigen Positionen statt.

Wer das Vertrauen bekommt, muss sich durchbeißen, auch wenn die Beine müde sind. Wer das Vertrauen enttäuscht hat, muss schmerzhafte Lektionen auf der harten Ersatzbank schlucken. So wie Thorgan Hazard und Julian Brandt, die in Manchester 90 Minuten in der Zuschauerrolle blieben und in Stuttgart erst in der Schlussphase wenige Minuten bekamen. Oder Thomas Meunier, der in Manchester nur kurz und in Stuttgart gar nicht spielte. Diesem Trio hat Terzic oft vertraut und viele Chancen gegeben. Zu selten kam etwas zurück, weshalb nun andere zum Zug kommen.

Die sechs Wochen bis Saisonende haben es für den BVB in sich

Der Saison-Endspurt hat es in sich für den BVB, in knapp sechs Wochen wird alles vorbei sein. In dieser Zeitspanne will Borussia Dortmund noch sieben Zähler Rückstand auf Platz vier aufholen, möglichst am 13. Mai das Pokalfinale in Berlin spielen, wofür zuvor noch der Zweitligist Holstein Kiel ausgeschaltet werden muss. Und wenn die Borussia am Mittwochabend im Signal Iduna Park die nach dem Hinspiel in Manchester deutlich verbesserte Ausgangslage in der Champions League mit dem Einzug ins Halbfinale veredeln kann, kämen mindestens zwei weitere Englische Wochen noch obendrauf. Acht, wahrscheinlich neun, vielleicht ja sogar elf Spiele innerhalb von nur 39 Tagen.

Terzic ist seit nun knapp vier Monaten im Amt. Er hat viel probiert in dieser Phase, zum Teil gezwungenermaßen durch eine anhaltend hohe Quote an verletzten Spielern. Schon seit Ende Januar aber, als nach einer kaum existenten Winterpause an einem Freitag in Mönchengladbach die Rückrunde offiziell begann, vertraut Terzic zunehmend einem Kern aus Spielern, die er fast immer auf den Rasen schickt. Sechs, sieben Spieler umfasst dieser Kreis, das macht deutlich: Die Zeit der Experimente ist abgelaufen, die Zeit, in der der 38-Jährige Spielern, die ihn immer wieder enttäuschten, immer neue Chancen gab, auch.

Ein Kern an Spielern bildet das Gerüst der BVB-Mannschaft unter Terzic

Den Leistungsgedanken hat Terzic immer verfolgt, in den vergangenen Tagen aber explizit in den Vordergrund gerückt. Er hat sich nicht gescheut, wie in Manchester einen 19-jährigen und international gänzlich unerfahrenen Spieler wie Ansgar Knauff in die Startelf zu packen, wodurch gleichzeitig für etablierte Nationalspieler wie Hazard und Brandt nur noch ein Bankplatz übrigblieb.

Insgesamt hat Terzic einen kleineren Kern an Feldspielern herausgearbeitet, die das Gerüst der Mannschaft bilden. Dazu gehören Erling Haaland, Mats Hummels, Emre Can, Marco Reus, Mahmoud Dahoud und Jude Bellingham, wenn er gesund war, auch Raphael Guerreiro. Haaland ist spätestens seit der Verletzung von Youssoufa Moukoko ohne Alternative im Kader, er hat alle 16 Pflichtspiele der Rückrunde auf dem Feld gestanden und ist mit 1350 Minuten der Spieler mit den meisten Einsatzminuten in dieser Zeitspanne. Dazu kommen drei kräftezehrende Länderspiele im März, was auch für Can gilt, der wie Hummels (1268 Minuten) und Reus (1178) ein Pflichtspiel weniger absolvierte und 15 Mal auf dem Platz stand.

Can sollte geschont werden – wurde aber doch wieder gebraucht

Mit 1335 Minuten landet Can nur knapp hinter Haaland auf Platz zwei. Den Plan, ihm vor dem City-Rückspiel in Stuttgart etwas Erholung zu verschaffen, musste Terzic nach 45 Minuten beerdigen, als sich Hummels mit Magenproblemen abmeldete. Can biss sich durch und wird auch am Mittwoch erste Wahl sein. Dahoud (929 Minuten) und Bellingham (1009) folgen mit lediglich zwei verpassten Spielen seit Rückrundenbeginn.

Vor fast acht Jahren hat der BVB letztmals in einem Halbfinale der Champions League gestanden. Auch wenn dieses Ziel besonders verlockend ist und auch eine Rückkehr ins Pokalfinale nach Berlin auf der Wunschliste vieler Spieler ganz weit oben rangiert, steht doch ein versöhnlicher Abschluss in der Bundesliga an erster Stelle – aus sportlichen wie wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Richten müssen es vor allem die Vielspieler der vergangenen Wochen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe
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