Emre Aydinel sorgt in der BVB-U19 für Aufsehen. Im exklusiven Interview spricht der Nachwuchsstürmer über Erwartungen und Druck beim BVB, die erste eigene Wohnung und seine Geheimwaffe.

Dortmund

, 18.10.2018, 16:10 Uhr / Lesedauer: 6 min

Emre Aydinel erscheint überpünktlich zum Interview in einem Café im Dortmunder Kreuzviertel. Der 18-jährige Top-Torjäger von Borussia Dortmunds U19 ist als Stürmer treffsicher und als junger Mann früh selbstständig geworden, wie das Interview zeigt.

Sie sind gerade vom Jugendhaus des BVB ins Kreuzviertel umgezogen. Werden Sie im Internat als „Hausvater“ vermisst?

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Ob ich vermisst werde, weiß ich nicht (lacht). Ich sehe die Jungs ja beim Training. Im Internat hatte ich sozusagen den Hut auf, als einer von zwei gleichaltrigen Ansprechpartnern für die anderen Jungs. Das war eine gute Erfahrung. Am Anfang hat sich das noch nach viel Verantwortung angefühlt, aber nach einiger Zeit war das kein Problem mehr. Das habe ich gerne übernommen.

Jetzt folgt der nächste Schritt in die Eigenständigkeit.

Es geht immer weiter. Ich bin in meinem ersten Jahr beim BVB noch von Bielefeld aus gependelt, dann bin ich mit 15 ohne Familie nach Dortmund gezogen und habe vier Jahre im Jugendhaus gewohnt. Da habe ich schon viele Dinge selbstständig erledigen müssen, die andere sonst mit ihren Eltern machen. Mir hat das geholfen. Ich habe viel Selbstvertrauen bekommen dadurch, und es hat mich als Menschen auch reifen lassen. Und jetzt in der ersten eigenen Wohnung – das ist schon cool!

Außerdem können Sie mit Fußball den Lebensunterhalt finanzieren, und reisen durch die Weltgeschichte. Normale Teenager erleben das so nicht. Was bedeutet Ihnen das?

Wir erleben sehr viel für unser Alter. Das ist ein echtes Privileg, das weiß ich auch. Im Sommer waren wir mit dem BVB in Los Angeles. Das war ein großartiges Erlebnis, ich war vorher noch nie in den USA. Wir sind viel unterwegs – ich mag das.

Emre Aydinel ordnet dem Fußball alles unter: „Mit 15 ohne Familie nach Dortmund gezogen“

In 87 Spielen für die U17 und U19 des BVB kommt Aydinel wettbewerbsüberrgreifend auf 48 Tore und 16 Vorlagen. © imago

Mit 18 Jahren bauen andere Jugendliche gerade das Abitur. Und Sie?

Ich habe meinen Realschul-Abschluss gemacht und danach noch mit dem Fachabitur begonnen. Das habe ich parallel zum Fußball aber nicht mehr geschafft. Jetzt kann und will ich mich auf Fußball konzentrieren. Das hilft mir.

Der BVB stellt den Anspruch, dass die U17 und die U19 um die Deutsche Meisterschaft mitspielen. Ist das nicht auch ein großer Druck?

Ja, das stimmt. Aber dafür spiele ich doch Fußball. Wir wollen alle erfolgreich sein. Ein bisschen Druck zu spüren, ihn sich auch selber zu machen, das gehört dazu. Es gibt ja immer auch mal Phasen, in denen es auf dem Platz für einen Spieler nicht so leicht und so rund läuft wie jetzt gerade bei uns. Da muss man auch dran wachsen, an sich glauben und weiter arbeiten. Beim BVB habe ich mich da immer gut aufgehoben gefühlt.

Wie groß ist denn der Unterschied zwischen dem Emre Aydinel vor fünf Jahren und heute?

In Bielefeld war ich noch Sechser (lacht). Dann bin ich immer weiter nach vorne gerutscht, war mal Zehner, und seitdem Benjamin Hoffmann mein Trainer ist, bin ich als Mittelstürmer gesetzt.

Was hat sich für Sie persönlich entwickelt?

Als ich zum BVB gewechselt bin von Arminia Bielefeld, hat sich das wie ein Traum angefühlt. Als Borussia Dortmund anklopfte, musste ich nicht überlegen. Alle aus meinem Umfeld haben sich für mich gefreut und waren stolz. Mein Vater ist richtig fußballbegeistert, der hatte Tränen in den Augen, als wir den Vertrag unterschrieben haben.

Ihre Statistik lässt keine Zweifel, dass das eine richtige Entscheidung war. Seit der U17 sind für Sie in 87 Spielen 48 Tore und 16 Vorlagen notiert. Vorige Saison waren Sie Borussias Top-Torjäger mit 17 Liga-Treffern. Aktuell sind es in sieben Partien sieben Tore und sechs Vorlagen. Hört sich nicht so schlecht an.

Ich weiß, wo das Tor steht. So selbstbewusst bin ich. Das heißt aber nicht, dass immer alles von selbst lief für mich. Als Altjahrgang in der U17 hatte ich es zum Beispiel schwer.

Vielleicht auch, weil Sie vorher im Finale um die Deutsche Meisterschaft eine große Chance vergeben haben – und dann hat Bayer Leverkusen den Titel geholt …

Im Finale zu stehen, das war super. Ich hatte die große Chance zum 1:0 und habe sie vergeben. Ich werde leider noch öfter darauf angesprochen. Die Szene habe ich als Video auf dem Handy und schaue mir das manchmal an. Da kam lange Zeit Herzschmerz hoch in mir. Das war bitter für mich und für uns alle. Ich will jetzt unbedingt wieder ins Finale – und dann treffen. Das hat mich noch hungriger gemacht. Aus den negativen Momenten lernt man noch mehr.

Inwiefern?

In dieser Saison bin ich in den ersten beiden Spielen noch leer ausgegangen. Da war ich selber unzufrieden. Als dann der Knoten geplatzt ist mit dem ersten Tor gegen Preußen Münster, ist mir im Derby auf Schalke eine Woche später gleich ein Hattrick gelungen. Auf Schalke zu gewinnen, das hatte acht Jahre lang keine U19 mehr geschafft. Unser 4:1-Sieg dort ist eine echte Hausnummer. Das hat mir gezeigt, dass ich an mich glauben muss.

Die U19 des BVB ist als einziges Bundesliga-Team verlustpunktfrei. Was sind die Gründe für den guten Saisonstart?

Wir haben ein sehr gutes Team, vor allem spielerisch sind wir stark. Seit eineinhalb Jahren arbeiten wir intensiver mit einem Athletiktrainer. Das bringt uns weiter. Viele Mannschaften machen in der Schlussphase schlapp. Wenn wir dann noch Körner haben und zulegen können, macht das einen großen Unterschied. Deswegen glauben wir daran, dass für uns viel möglich ist. Mit sieben Siegen in sieben Spielen zum Saisonstart haben wir uns ordentlich Respekt erarbeitet auch bei den Gegnern.

Wer fünf Jahre lang beim BVB zum Stammpersonal gehört in der Jugend, der träumt davon, Profi zu sein. Ihr letztes Juniorenjahr läuft. Wie sieht‘s aus?

Für diesen Traum lebe ich. Den zu erfüllen, das steht für mich an erster Stelle. Wer weiß denn, ob es eine zweite Chance gibt? Deswegen setze ich jetzt alles daran, es zu schaffen. Viele andere würden gerne mit mir tauschen, vermute ich. Ich habe hier diese Möglichkeit, und die will ich nutzen. Ich konzentriere mich voll auf Fußball. Nach dieser Saison stehe ich noch ein Jahr für die U23 unter Vertrag, bis 2020. Wer weiß, was bis dahin passiert?

Wer in der Junioren-Bundesliga regelmäßig trifft, der wird gesehen. Intern wie extern.

Klar, das wissen wir ja auch. Bei unseren Spielen stehen immer Scouts von anderen Klubs am Rand. Aber darum kümmere ich mich nicht. Das würde doch nichts bringen, ich muss mich voll aufs Spiel konzentrieren.

Was gibt es zu sehen, wenn Emre Aydinel gut spielt?

Ich bin Stürmer, ich werde auch an Toren gemessen. In dieser Saison will ich noch mehr ins Spiel eingebunden sein. Ich will mitspielen – und Tore machen. Es zählt der Erfolg der Mannschaft, und wenn ich mit Toren helfen kann, ist alles gut. Wenn der Stürmer trifft, hilft das der Mannschaft.

Es gibt viel Lob für Ihre Schusstechnik. Haben Sie früher die Hauswände in Bielefeld sturmreif geschossen?

Nein, das gar nicht mal. Irgendwann habe ich intensiver Abschlüsse trainiert und bemerkt, dass ich einen ganz guten Schuss habe. Dann habe ich weiter an der Präzision gearbeitet. Inzwischen ist das eine Waffe von mir geworden. Und es spornt mich an, wenn die gegnerischen Trainer ihren Verteidigern zurufen „Nicht schießen lassen!“

Alle Kinder wollen Stürmer sein und Tore schießen, in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft fehlen deutsche Torjäger. Warum?

Am Anfang wollen alle vorne spielen, und viele Offensivspieler werden dann zum Beispiel Außenverteidiger. Aber in Deutschland laufen viele Talente rum. Aus meinem Jahrgang zum Beispiel Fiete Arp vom Hamburger SV oder Jonathan Burkardt von Mainz 05, die beide schon in der Bundesliga gespielt haben.

Emre Aydinel ordnet dem Fußball alles unter: „Mit 15 ohne Familie nach Dortmund gezogen“

Ein Bild aus der Saison 2015/2016: Emre Aydinel (r.) jubelt mit Hüseyin Bulut über seinen Treffer im Hinspiel des Halbfinales um die Deutscher Meisterschaft gegen den VfB Stuttgart. Im Finale musste sich die BVB-U17 Bayer Leverkusen geschlagen geben. © imago

Beim BVB gibt es auch immer wieder Chancen für junge Talente.

Der BVB steht für sehr gute Jugendarbeit. In den letzten Jahren sind zum Beispiel Christian Pulisic, Felix Passlack oder jetzt Jacob Bruun Larsen groß rausgekommen.

Die sind kaum älter als Sie.

Mit Jacob habe ich zusammengewohnt. Und mit Jadon habe ich letztens noch in der Youth League gespielt, jetzt ist er einer der wichtigsten Männer bei den Profis und wird Nationalspieler in England. Das ist überragend!

Sind das Vorbilder?

Man guckt sich schon einiges von denen ab. Wenn man sich das Niveau da oben vor Augen hält, da liegt die Messlatte hoch. Ich bin so oft im Stadion, wie es geht. Das ist einfach geil. Wenn ich die Jungs da zocken sehe, dann denke ich mir, ich will auch dahin. Was für ein Traum, vor 80.000 Zuschauern zu spielen!

Aktuell sind 60 Spieler aus der Schmiede des BVB in den ersten drei Ligen im Einsatz. Einige Ihrer Vorgänger haben es direkt nach oben geschafft, andere über Umwege. Janni Serra zum Beispiel spielt mit Holstein Kiel inzwischen in der 2. Bundesliga, Marvin Ducksch ist mit Fortuna Düsseldorf inzwischen in der Bundesliga angekommen. Macht das Mut?

Bei denen sieht man, dass es richtig sein kann, einen Schritt zurück zu machen, um zwei nach vorne zu kommen. Es gibt nicht immer nur den geraden Weg nach oben. Als junger Spieler braucht man Spielpraxis um zu zeigen, was man kann. Und das am besten auf dem höchsten Niveau.

Höchstes Niveau wird international gefordert. Sie haben im Frühjahr das Debüt für die U18 der Türkei gefeiert. Wie kam es dazu?

Ich bin eingeladen worden, in zwei Tests gegen Belgien aufgelaufen und habe auch getroffen. Das war eine gute Erfahrung. Internationale Spiele helfen bei der Entwicklung.

Sprechen Sie denn Türkisch?

Nicht so richtig. Ich verstehe viel, aber das Sprechen fällt mir schwer. Meine Eltern sind schon in Deutschland geboren, ich bin hier aufgewachsen. Ich bin sicher mehr Deutscher als Türke.

In der U17 haben Sie noch für Deutschland gespielt.

Ja, da habe ich bei einem internationalen Turnier ein paar Spielminuten gesammelt. Aber dann habe ich nichts mehr vom DFB gehört. Als dann die Anfrage aus der Türkei kam, habe ich lange drüber nachgedacht und dann zugesagt. Für diese Länderspiele jetzt im Oktober habe ich aber abgesagt. Da wäre die Belastung sonst zu groß gewesen, wir haben fast nur Englische Wochen vor uns.

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