Stefan Effenberg erwartet ein spannendes Spiel zwischen dem BVB und Gladbach, kann den Frust der Gladbach-Fans aber nur teilweise verstehen. © dpa
Exklusiv-Interview

Effenberg vor Gladbach gegen BVB: „Fußball ist nichts für Romantiker“

Das Duell zwischen dem BVB und Gladbach im DFB-Pokal ist angesichts des Rose-Transfers besonders brisant, sagt Stefan Effenberg im Exklusiv-Interview. Für die Fans hat er einen Rat.

Marco Rose trifft am Dienstagabend im Viertelfinale des DFB-Pokal mit seinem aktuellen Klub Borussia Mönchengladbach auf seinen zukünftigen Verein Borussia Dortmund. Geschenke wird der neue BVB-Coach nicht mitbringen. Vielmehr will er wohl selbst als Pokalsieger im Sommer seine Arbeit in Dortmund aufnehmen.

Als Borussia Mönchengladbach 1995 zuletzt den DFB-Pokal gewinnen konnte, trug Stefan Effenberg noch das Trikot der Fohlen. Vor dem Duell beider Borussias (Dienstag, 20.45 Uhr, live in der ARD) sprach Sport1-Experte Stefan Effenberg im Exklusiv-Interview mit den Ruhr Nachrichten über die besondere Brisanz der Begegnung.

Herr Effenberg, es hat sich schon angedeutet, dass Marco Rose zum BVB wechseln würde. Hat Sie aber der Zeitpunkt der Verkündung überrascht?

Ja, über den Zeitpunkt war ich überrascht. Vor allem angesichts der entscheidenden Spiele, die Gladbach vor der Brust hat. Die Verantwortlichen werden sich wahrscheinlich gedacht haben, dass der Druck so hoch war, dass Rose es aussprechen muss. Ob ihm das nun bis zum Ende der Saison guttut, wird sich in den nächsten drei, vier Wochen zeigen.

Hätte man aus Ihrer Sicht das Pokalspiel gegen den BVB noch abwarten sollen?

Es macht das Pokalspiel gegen Dortmund in jedem Fall besonders brisant und interessant. Der Druck in der Öffentlichkeit war ja wirklich extrem. Die Personalie wurde hoch und runter diskutiert. Borussia Mönchengladbach hat sich dazu entschieden, es jetzt zu machen. Damit muss Rose jetzt leben und umgehen. Er wird sich wahrscheinlich auch gedacht haben, dass es gut ist, um endgültig Ruhe reinzubringen.

Glauben Sie denn, das hat für Ruhe in der Gladbacher Mannschaft gesorgt? Klar, sie hat jetzt auch Gewissheit, aber es wurde geschrieben, dass die Entscheidung Roses in der Kabine nicht gerade mit Freude aufgenommen worden sei. Was glauben Sie, wie nehmen die Spieler das auf?

Ich weiß, dass das, was geschrieben wurde, nicht der Wahrheit entspricht. Die Entscheidung ist gar nicht so wichtig für die Spieler. Natürlich möchten sie wissen, wer in der nächsten Saison der Trainer ist. Aber in erster Linie müssen sie ihren Job machen und der ist, gut und hart zu trainieren und bei den Spielen ihre Leistung abzurufen. Das darf und wird sie nicht beeinflussen und belasten. Das kenne ich aus meiner Karriere zumindest nicht.

Beim Pokalspiel können sie das also einfach ausblenden?

Sie sind in einer schwierigen Phase, das gilt für beide Mannschaften. Auch für Borussia Dortmund, obwohl Sie sich in der Champions League gegen Sevilla sehr gut verkauft haben. Beide Teams stehen unter Druck. Beide wollen die Champions League Plätze erreichen beziehungsweise den internationalen Wettbewerb. Für Dortmund ist das extrem wichtig, für die Gladbacher aber auch. Das Pokalspiel wird sehr interessant werden.

Was glauben Sie, wie es ausgeht?

Da drücke ich natürlich meiner Borussia die Daumen. Ich habe immer noch eine enge Verbindung. Allerdings sehe ich weder Gladbach noch Dortmund als Favoriten. Ich glaube, dass es ganz, ganz eng wird. Das ist ein Spiel, das so oder so enden kann. Beide haben in den vergangenen Wochen nicht abgerufen, was sie können, und stehen unter Druck. Es ist das interessanteste Spiel in dieser Runde.

Ein anderer Ex-Verein von Ihnen, Bayern München, ist schon raus. Spielt es für die verbliebenen Teams gedanklich eine Rolle, dass sich die Chance auf den Titelgewinn damit erhöht hat?

Ein weiterer Ex-Verein von mir ist ebenfalls noch drin. Der VfL Wolfsburg spielt eine hervorragende Saison. Ihn sollte man nicht vergessen. Aber auch Leipzig nimmt den Titel in Angriff. Wenn man weiß, Bayern München ist nicht mehr im Wettbewerb, ist die Tür natürlich offen. Die Top Vier, die noch drin sind – Leipzig, Gladbach, Wolfsburg und Dortmund – haben sehr wohl den Anspruch, diesen Titel zu gewinnen. 26 Jahre ist es her, dass ich den Pokal mit Gladbach gewonnen habe. Für die Fohlen ist die Chance in diesem Jahr gut, es wieder zu schaffen – für die anderen aber natürlich auch.

Stefan Effenberg hat 1995 mit Borussia Mönchengladbach den DFB-Pokal gewonnen. © imago images/Uwe Kraft © imago images/Uwe Kraft

Wären bei dem Aufeinandertreffen beider Borussias Fans im Stadion, wäre sicherlich noch mal zusätzlich Feuer drin gewesen. Können Sie den Frust vieler Gladbach-Fans über den frühen Rose-Abgang verstehen?

Einen gewissen Frust kann ich schon verstehen. Er hat aber nichts Unrechtes getan. Er hatte diese Klausel im Vertrag. Die hat Borussia Mönchengladbach akzeptiert. Dass er diese Option zieht, muss man ihm zugestehen. Ich hätte ihn in seiner Entwicklung natürlich gerne weiter bei den Fohlen gesehen, aber da sieht man mal wieder, wie das Geschäft ist. Träumen sollte man im Fußball nicht.

Viele Gladbach-Fans sind auch sauer auf den BVB, weil es dort in der Vergangenheit ein paar Wechsel gab.

Das würde ich nicht zu hoch hängen. Das ist das Geschäft und das gehört dazu, egal ob es Spieler sind oder auch mal Trainer. Sauer, traurig oder enttäuscht, ja mei, dafür werden Verträge geschrieben. Tut mir leid für die Romantiker. Die Finanzstarken werden sich über kurz oder lang einfach durchsetzen. Wenn sich Spieler gut entwickeln und ihre Leistung bringen, ist es nun mal eine Frage der Zeit, bis die Großen kommen. Der FC Bayern ist der einzige Verein, der in solchen Situationen die Tür zumachen kann. Die anderen Klubs haben hintenraus nicht die finanziellen Mittel. Wenn ein Vertrag ausläuft, muss sich ein Verein schließlich überlegen, ob er einen Spieler ein Jahr früher abgibt, um noch eine Ablöse zu bekommen. Jetzt kommt noch die Pandemie hinzu, die die Vereine weiter schwächt. Fußball ist wirklich nichts für Romantiker.

Wie sehen Sie das denn? War es die richtige Entscheidung von Rose?

Das will ich gar nicht beurteilen. Er hat anscheinend eine klare Karriereplanung. Ob das gut geht, wird die Zeit zeigen. Es waren ja auch schon hervorragende Trainer bei Borussia Dortmund oder auch bei Bayern München und es hat nicht funktioniert. Ich denke da etwa an den ehemaligen Bayern-Coach Carlo Ancelotti, einen der erfolgreichsten Trainer der Welt. Die Gewissheit hat man nicht, aber mit Sicherheit ist Rose ein hochinteressanter Trainer. Es gibt nicht viele in Deutschland, die so interessant sind.

Dass Rose kommt bedeutet für Edin Terzic, dass er in die zweite Reihe zurückkehren muss. Sicherlich keine leichte Situation für ihn, oder?

Nein, aber seine Karriere wird weitergehen. Bisher hat er die Möglichkeit ordentlich genutzt. Ich weiß auch, dass er gut bei den Spielern ankommt und sie eine sehr gute und enge Beziehung haben. Es war ein wunderbarer Einstieg für ihn. Dass er jetzt zurück in die zweite Reihe geht, ist eine Entscheidung der Vereinsverantwortlichen, die er zu akzeptieren hat. Aber vielleicht sehen wir ihn ja auch noch mal bei einem großen Verein auf der Bank, wer weiß.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland
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