BVB-Star Erling Haaland ist bekannt für kurze Antworten. Nicht so im großen Exklusiv-Interview mit den Ruhr Nachrichten. Hier kommt die XXL-Version.

Dortmund

, 23.09.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 7 min

Endlich wieder Bundesliga, endlich wieder Fans – endlich wieder Tore schießen: BVB-Stürmer Erling Haaland spricht über seine ganz eigene Obsession. Nach seinem ersten halben Jahr in Dortmund, das mit einem Hattrick beim Debüt in Augsburg begann und mit dem Doppelpack gegen Gladbach jetzt seine Fortsetzung fand, findet sich der 20-Jährige immer besser zurecht, wie er sagt. Und der stürmische Norweger verrät im XXL-Interview noch viel mehr:

Sind Sie bereit für Ihr erstes Interview auf Deutsch?

Der Gedanke gefällt mir. Aber das funktioniert leider noch nicht. Die Antworten wären ziemlich kurz.

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Sie sind bereits bekannt und berüchtigt für Ihre knappen Antworten.

Nun, wenn man mich fragt, wie das Wetter ist, antworte ich: ,Gut‘. So einfach ist das. Es kommt also auf die Fragen an – egal, in welcher Sprache.


Dann bitten wir um eine ausführliche Antwort: Ihr norwegischer Teamkollege Martin Ödegaard erklärte, dass Sie sich an jedes einzelne Tor erinnern, das Sie erzielt haben. Stimmt das?

Ja, das ist wahr. Wir können gerne viel über meine Tore sprechen. Sie wissen bereits, dass ich Tore liebe, dass ich gerne Tore schieße. Ich bin regelrecht besessen davon, Tore zu schießen.

BVB-Stürmer Erling Haaland im Exklusiv-Interview: „Ich bin regelrecht besessen davon, Tore zu schießen.“

BVB-Stürmer Erling Haaland im Exklusiv-Interview: „Ich bin regelrecht besessen davon, Tore zu schießen.“ © picture alliance/dpa


Dann müssen wir Ihr Gedächtnis überprüfen: Ihr erster Auftritt bei Borussia Dortmund, ein 5:3-Sieg in Augsburg: Wer hat die Assists für Ihre Tore geliefert?

(unmittelbar) Die Assists kamen von Jadon Sancho, Thorgan Hazard und Marco Reus.


Und wie viele Tore haben Sie bisher für Borussia Dortmund geschossen?

Es sind jetzt 15 in der Bundesliga, zwei in der Champions League und eins im Pokal.


Okay, Sie haben uns überzeugt. Wie oft sehen Sie sich Ihre Tore an?

Ich schaue sie mir ziemlich oft an. Ich versuche, immer tiefer in die Materie des Toreschießens einzusteigen. Nicht nur bei meinen eigenen Toren, sondern auch bei denen von anderen Spielern. Wie und wohin schießen sie, wo ist ihre Position, bevor der Ball kommt? Wie bewegen sie sich? Alle diese kleinen Details, die mir helfen könnten, noch mehr Tore zu schießen, analysiere ich. Also habe ich alle meine 44 Tore der letzten Saison sehr oft angeschaut.


Sind Sie zufrieden?

(zögert) Sie wollen hören, dass ich „Ja“ sage. Aber tatsächlich denke ich darüber nach, wie viele Chancen ich verpasst habe. Deshalb muss ich „Nein“ sagen.


Was ist das Ergebnis Ihrer Analyse?

Ich hätte locker-leicht mehr als 50 Tore schießen können. Das soll nicht überheblich klingen, das ist vielmehr einfach gut so, denn das zeigt mir, dass das Potenzial dazu vorhanden ist. Ich werde versuchen, an verschiedenen Dingen zu arbeiten und immer besser zu werden.


Gibt es eine Zahl, die Sie anstreben? Was kommt nach 44?

Ich habe keine Zahl, auf die ich fixiert bin. Ich bin Stürmer bei Borussia Dortmund, wir wollen und müssen die allermeisten Spiele gewinnen. Dazu müssen wir weniger Tore kassieren und mehr schießen, und Letzteres ist meine Aufgabe. Ich versuche einfach, so viele Tore wie möglich zu schießen und aufzulegen.


Haben Sie ein Lieblingstor?

Im BVB-Trikot? Ich habe viele gute Momente in Erinnerung, zum Beispiel von meinem Debüt in Augsburg oder dem ersten Spiel zu Hause im eigenen Stadion. Aber ich glaube, ich muss sagen, mein Liebling ist das zweite Tor im Champions-League-Spiel gegen PSG.


Der Weitschuss.

Ja, den mag ich sehr gerne.


Sie haben dieses Tor in einer Buddha-Position gefeiert, als meditierten sie. Neymar und die Pariser Mannschaft haben reagiert. Macht es das noch spezieller?

Ich mag meine Jubelpose sehr. Dass Neymar dann auf gleiche Weise feiert, ist … einfach schön. Darüber beklage ich mich nicht. Als ich jetzt für Norwegen einen Treffer erzielt habe, habe ich das Tor wie der Spanier Michu gefeiert. So machen das die Fußballer.

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BVB-Stürmer Haaland im Exklusiv-Interview

Der beste Torschütze der Bundesliga bekommt eine Kanone als Trophäe. Passt das Ihrer Meinung nach?

Die Torschützenliste ist nichts, worauf ich mich konzentriere. Aber als Stürmer für Borussia Dortmund muss ich Tore schießen. Und zwar so oft wie möglich. Und dieser Robert Lewandowski aus München ist auch ziemlich gut, wissen Sie (lächelt).


Wenn Sie viele Tore schießen, was ist dann in dieser Saison für Borussia Dortmund möglich? Wenn man sich den Kader anschaut und die Erfahrungen, die Sie bisher gemacht haben.

Der letzte Teil der vergangenen Saison war für alle ziemlich seltsam, wegen des Coronavirus. Aber wir haben das, was uns stark gemacht hat, immer weiter trainiert und ausgebaut. Zum Beispiel das Heimspiel gegen Paris: Das war ein unglaublich starkes Spiel von uns. Für mich und für uns alle geht es jetzt darum, den nächsten Schritt zu machen. Wir müssen mehr von den engen Spielen gewinnen, um die Punkte zu bekommen, die wir brauchen. Der BVB ist ein großer Verein, der überall hohe Erwartungen weckt. Ich werde versuchen, alles zu tun, was ich kann, um uns auf die nächste Stufe zu heben.


Wie wichtig ist es für Sie, einige Fans im Stadion zu haben? Generell und für Sie als Typ?

Das ist großartig, ich drücke die Daumen, dass in dieser Testphase alles funktioniert. Hoffentlich sind alle sicher. Und vielleicht können wir die Kapazität stückweise erweitern und am Ende wieder das ganze Stadion füllen.


Sind Sie ein Spieler, der das Publikum braucht?

Vor 80.000 Zuschauern in Dortmund zu spielen, war für mich die nächste Stufe in meiner Entwicklung. Das macht mir sehr viel Spaß. Ich mag es, wenn die Leute mich anschreien und anfeuern. Ich habe die Fans sehr vermisst.


Vor zwei Jahren haben Sie in Molde nur vor einigen Tausend Zuschauern gespielt. Was ändert sich für Sie auf dieser größeren Bühne?

Wie Sie sagen, ist es ein riesiger Unterschied. Selbst als wir mit Salzburg Champions League gespielt haben, waren es nur 25.000 Fans im Stadion. Das ist allein die „Südtribüne“, die gelbe Wand.

BVB-Stürmer Erling Haaland liebt die Südtribüne, die Südtribüne liebt ihn. (Hinweis: Das Foto wurde vor der Coronavirus-Pandemie aufgenommen)

BVB-Stürmer Erling Haaland liebt die Südtribüne, die Südtribüne liebt ihn. (Hinweis: Das Foto wurde vor der Coronavirus-Pandemie aufgenommen) © imago images/Moritz Müller


Wie steht es um Ihre eigene Entwicklung? Welche Note würden Sie sich für die vergangene Saison geben?

Das ist eine gute Frage. Die Saison hatte für mich viele Höhen und auch einige Tiefen. Im Herbst war ich krank, danach hatte ich, als ich nach Dortmund kam, einige Probleme mit meinem Körper. Aber im Allgemeinen war dieses Jahr sehr gut. Ich habe definitiv viel gelernt und werde diese Dinge für diese Saison mitnehmen. Eine exakte Note möchte ich mir nicht selbst geben.


Anders gefragt: Wachsen Sie als Fußballer, wenn Ihre Gegner stärker werden? Welche Fähigkeiten müssen Sie noch verbessern?

Ich muss noch ein viel besserer Fußballer werden. Das treibt mich täglich an. Wie ich schon sagte, muss mein Abschluss noch besser werden, klinischer, kompromissloser. Auch im Kombinationsspiel mit den Teamkollegen muss ich noch zulegen. Ich weiß das.


Was ist mit Ihrem Kopfball? Trainieren Sie immer noch mit Mats Hummels?

Ja, auch das ist wichtig. Wir arbeiten daran (lacht).

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Wie weit sind Sie mit Ihrer Anpassung an den BVB-Fußball vorangekommen?

Für die erste Halbserie war das in Ordnung, aber es kann noch besser werden. Die Laufwege, die Spielzüge: Wir harmonieren immer besser, und ich fühle mich gut mit dem System. Trainer Lucien Favre und ich reden viel über kleine Dinge und Details. Wir machen Fortschritte.


Haben Sie ein langfristiges Ziel für Ihre Karriere?

Titel zu gewinnen!


Leichter gesagt als getan.

Es ist eine einfache Antwort, aber schwierig umzusetzen, das stimmt.

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Wir haben gehört, dass Ihnen das deutsche Wort „Malocher“ gefällt. Können Sie erklären, warum?

Ja! Es ist der Slang und dieser raue Klang. Ich mag diese Art von Wörtern. „Malocher“ hat mich von der ersten Sekunde an fasziniert. Ich mag diese ungewöhnlichen Wörter auch im Norwegischen. Die gibt es oft auch auf den Bauernhöfen in meiner norwegischen Heimat. Vielleicht ist das der Grund dafür.


Wir haben Sie im Sommer auf einem Traktor fahren sehen. Echte „Maloche“, oder haben Sie nur für ein Foto posiert?

Ich habe auf dem Bauernhof meiner Familie hart gearbeitet, ganz ehrlich. Das war wieder einmal eine schöne Erfahrung.


Sie sind also ein echter „Malocher“?

Sie können über mich sagen, was immer Sie wollen. Auf dem Spielfeld, glaube ich, ja.


Wir haben gehört, dass Sie viele kleine Dinge praktizieren, um Ihre Leistung zu verbessern. Zum Beispiel nächtliche Eisbäder oder spezielle Brillengläser, die das blaue Licht von elektrischen Geräten filtern.

Ja, ich benutze Eisbäder sehr oft, aber nicht mitten in der Nacht. Ich sehe das als einen Schlüssel, um ein paar Prozent mehr an Leistung herauszukitzeln. Und diese spezielle Brille nutze ich abends. Sie hilft mir, einen tieferen und besseren Schlaf zu bekommen. Für mich dreht sich alles um kleine Details und Prozentpunkte, um jeden Tag besser zu werden.

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Was machen Sie sonst noch?

Ich arbeite mit einem Fitnesstrainer aus dem Libanon, in diesen Zeiten digital via Facetime. Das hat mir sehr geholfen mit meinem Körper. Und mein Vater Alfie war selbst Profifußballer, er kann mir viel beibringen. Ich habe gute Leute um mich herum, ich bin glücklich und dankbar dafür.


Wie sieht es mit der Ernährung aus? Mentale Vorbereitung?

Jeder Mensch ist anders, jeder muss seinen eigenen Weg finden, um sich zu entwickeln, als Mensch und als Fußballer. Für mich geht es darum, mich auf Spiele vorzubereiten und danach so gut und so schnell wie möglich wieder zu regenerieren. Eine gute Erholung ist der Schlüssel. Und alles, was mir dabei hilft, ist gut für mich.


Nach der vergangenen Saison kennt Sie jeder Fußballfan. Gefällt es Ihnen, berühmt zu sein?

Ehrlich gesagt, als ich jung war, wollte ich genau das: berühmt sein. Ich genieße diese Aufmerksamkeit. Natürlich hat sich mein Leben sehr verändert, es gibt auch einige Dinge, die nicht mehr möglich sind, vor allem in der Öffentlichkeit. Aber ich beschwere mich nicht, denn das ist es, was ich wollte.

Die Werte von BVB-Stürmer Erling Haaland in der Bundesliga-Saison 2019/20 sind beeindruckend.

Die Werte von BVB-Stürmer Erling Haaland in der Bundesliga-Saison 2019/20 sind beeindruckend. © Screenshot/Deltatre


Sie haben Ihren eigenen Torjubel choreografiert, laden zu „Fragen und Antworten“ auf Twitter ein, streamen live auf Instagram. Arbeiten Sie an Ihrer eigenen Markenbildung?

Ich habe mir immer gesagt, dass ich mich als Person nie verändern will, nur weil ich jetzt für Borussia Dortmund spiele. Ich möchte derselbe Erling Haaland bleiben, der ich vor ein paar Jahren war. Für mich ist das wichtig. Meine Freunde und meine Familie kennen mich gut und erden mich.


Gibt Ihnen dieser enorme Druck durch die große öffentliche Wahrnehmung zusätzliche Energie, oder lenkt er Sie ab?

Ich mag diesen Druck sehr, sehr gerne. Ich genieße das in jedem Spiel, in jeder Minute.

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Je größer die Bühne, desto besser der Haaland?

Hört sich für mich gut an (lacht). Hoffentlich stimmt es auch.


Wie gehen Sie mit dem Druck um und bleiben gleichzeitig konzentriert?

Die Leute, die mich gut kennen, können bestätigen, dass ich schon immer ein lockerer und gelassener Mensch war. Das war nie ein Problem. Aber wenn ich ein Tor schieße, inhaliere ich diese Situation ganz tief - und will sofort wieder ein Tor schießen. So einfach ist das. Zum Beispiel bei meinem Debüt in Augsburg: Nach dem ersten Tor habe ich mich gefreut und wollte mehr davon. Und bei meinem ersten Tor vor der Südtribüne genauso.


Wie viel Adrenalin ist in Ihrem Blut?

Eine Menge, nehme ich an (lacht).


Manchmal sieht es so aus, als ob junge Spieler zu früh zufrieden sind. Sind Sie anders?

Ich kann nicht über andere reden. Aber ich bin nie zufrieden. Jeder Tag bietet die Chance, besser zu werden. Letztendlich ist es also eine Frage der Mentalität. Ich hoffe, dass ich einen klaren Verstand behalte, und ich hoffe, der beste Erling Haaland kommt noch.


Können Sie sich auch den Klang von Nobby Dickel, dem Ansager im Stadion, vorstellen, wenn er „Erling“ ruft und das Publikum „Haaland“ antwortet?

Ich habe mir das schon ein paar Mal auf Youtube angehört. Das habe ich bis zum vergangenen Wochenende sehr vermisst. Zum Glück habe ich gegen Gladbach zweimal getroffen. Zwei weitere Tore sind eingetütet. Ich liebe es.


Sind Sie spätestens seit Ihrem Sprint am Samstag gegen Gladbach traurig, dass Sie erst nach Usain Bolts Probetraining beim BVB zu Borussia Dortmund gewechselt sind?

Direkt nach dem Spiel kam einer zu mir und sagte, ich hätte den Weltrekord über 100 Meter gebrochen. Im ersten Moment habe ich das beinahe geglaubt. Ich hatte schon im Sprint das Gefühl, ziemlich schnell unterwegs zu sein (lacht). Als Kind habe ich Leichtathletik gemacht – an der Stelle hatte es sich nun ausgezahlt.


Dann zum Abschluss noch eine Wetter-Frage: Muss sich die Bundesliga vor Erling Haalands erster kompletten Bundesliga-Saison warm anziehen wie im norwegischen Winter?

Wow, Ihre Bilder sind echt schräg! Aber ich mag das (lacht).

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