Die Mängelliste des BVB: Der Identitätsverlust ist das größte Problem

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Es gibt viele Gründe dafür, dass der BVB an sich selbst scheitert. Ob Team und Trainer Favre die Probleme in dieser Konstellation lösen können, erscheint unwahrscheinlich. Die Mängelliste.

Dortmund

, 24.11.2019, 08:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Ein Trainer, dessen Zeit überholt scheint. Eine Mannschaft, die keine ist. Stars und zukünftige Stars, die den zweiten Schritt vor dem ersten machen und dabei stolpern. Borussia Dortmund steckt im Herbst 2019 in einem riesengroßen Schlamassel. Rein sportlich gibt es viele Gründe für die Misere.

Wer sich die Mängelliste vor Augen führt, muss fast staunen, dass der BVB zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verloren hat als ein paar Punkte und (Selbst-)Achtung. Für einige der Probleme trägt Lucien Favre die Verantwortung mit. Doch das Sammelsurium an Schwierigkeiten lässt sich beileibe nicht nur an Defiziten des Schweizer Trainers festmachen:


  • Borussia Dortmund spielt systematisch unflexibel!

Auswärts bei den Bayern oder zuhause gegen Paderborn: Favre ist geradezu vernarrt in sein 4-2-3-1-System. An die Forderung nach Flexibilität in der Herangehensweise hat sich der Trainer selbst nicht gehalten. Dortmund ist inzwischen systematisch so leicht auszurechnen wie die nächsten 20 Schaltjahre. Die Gegner können sich wunderbar auf die Stärken der Borussen (Tempo, Technik, individuelle Klasse) vorbereiten - und ihre Schwächen (Anfälligkeit bei Kontern, fehlendes Umschaltspiel, Standards) ausnutzen.

In Hälfte zwei gegen Paderborn stellte Dortmund auf ein 4-1-4-1 um. Wozu auch gegen einen im Wesentlichen auf Absicherung bedachten Außenseiter zwei defensive Mittelfeldspieler aufstellen? „Ganz elementar war natürlich, dass wir auf ein 4-1-4-1 umgestellt haben. Mit dem Ball und gegen den Ball hat uns das sehr geholfen“, erklärte Mats Hummels die dramatisch bessere Spielanlage im zweiten Durchgang. „Sagen wir so, wir tun uns im 4-1-4-1 leichter“, merkte der Routinier an. In die Pfanne hauen wollte er Mitspieler und Trainer nicht, er biss sich auf die Zunge: „Ich belasse es dabei.“



  • Borussia Dortmund spielt taktisch konfus!

Eine unverzeihlich hohe Anzahl an Ballverlusten bringt den BVB immer wieder in die Bredouille. Es fehlt schlichtweg an Ernsthaftigkeit und Fokussierung. Wer dann noch so nachlässig ins Pressing geht, dass selbst eine Zweitliga-Mannschaft wie der SC Paderborn bequem den Ball aus der Abwehr kombinieren kann, handelt fahrlässig. So lässt Dortmund immer wieder Konter zu, und die Absicherung gegen schnelle Gegenangriffe gelingt weder im sorglosen vorderen noch im langsamen hinteren Drittel, und im zaghaften Zwischenraum auch nicht.

Die Mängelliste des BVB: Der Identitätsverlust ist das größte Problem

Führungsspieler im Formtief: Marco Reus (r.) und Axel Witsel. © dpa

20 Minuten waren am Freitagabend gespielt, da stritten Marco Reus und Axel Witsel, zwei aus der Form geratene Korsettstangen, über die richtige Taktik. Hoch pressen oder in der Balance verharren? Die Spieler hatten unterschiedliche Meinungen. Ob wegen eines Vakuums an Vorgaben oder falsch verstandenem Matchplan spielt dabei keine Rolle. Die Konfusion spielt jedem Gegner in die Karten und, noch schlimmer, sie dividiert die Mannschaftsteile auseinander, wenn die Defensivspieler die Offensivspieler kritisieren und umgekehrt.



  • Favre zeigt kein Gespür mehr für die richtige Spielerauswahl!

Formschwache Spieler immer wieder aufzustellen und irgendwie auf Besserung zu hoffen, das hat sich bei den Schwarzgelben unter Favre zu einem ungeschriebenen Gesetz entwickelt. Wahnsinn bei einem Kader, der so viele Optionen anbietet. Ein Nico Schulz hatte nach den Leistungen der vergangenen Wochen gar nichts in der Startaufstellung gegen Paderborn zu suchen. Und patzte prompt vor dem 0:1.

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Auch Favres gepflegte Nibelungentreue zu Manuel Akanji oder Axel Witsel lässt sich schwer nachvollziehen. Ginge es streng nach Leistung, hätte auch Kapitän Reus längst eine Denkpause verdient. Spielern aus der zweiten Reihe gibt Favre hingegen kaum Gelegenheiten. Dadurch fehlt intern der Druck auf die etablierten Teamkollegen und die Stimmung im Team verschlechtert sich immer mehr.



  • Die Klaviatur des Trainers ist viel zu begrenzt!

Eine saubere und sorgfältige Analyse des eigenen Tuns und der Gegner ist elementar. Bundesliga-Fußball ist Spitzensport, das taktische Niveau hoch. In diesem Beritt besitzt Favre offenkundig große Qualitäten. Diese Untersuchung allerdings zum alles entscheidenden Kriterium der Arbeit zu erheben, führt entgegen seiner Ansicht nicht zum Ziel. Analyse ist eine Basis, aber längst nicht alles. Die Anforderungen an einen Cheftrainer im Profifußball, der einen Stab von rund 20 Leuten führen muss, haben sich wesentlich verändert.

Die Mängelliste des BVB: Der Identitätsverlust ist das größte Problem

Lucien Favre steht nach dem 3:3 gegen Paderborn mit dem Rücken zur Wand. © dpa

Der Coach muss nach innen und nach außen kommunizieren, die Spieler verbessern, mit dem medizinischen Stab zusammenarbeiten. Er muss Stimmen hören und Stimmungen ausgleichen. Er muss für das nötige Adrenalin sorgen und zur Not auch mal Spieler stramm stehen lassen. Als ob 20-jährige Jungs, die sich als Superhelden der nahen Zukunft sehen, ihr Verhalten überdenken, wenn ein Favre vor ihnen seziert, dass sie ihre Position im Spielaufbau um 1,25 Meter zu weit nach rechts verlassen haben.



  • Favre hat keinen Zugriff auf die Spieler!

Damit wäre das nächste Fass aufgemacht: Die emotionale Schnittmenge zwischen dem Fußballdozenten aus dem kleinen Saint-Barthelemy in der Romandie und seinem Luxuskader in Dortmund tendiert gegen Null. Favre droht aus der Zeit zu fallen mit seiner Doktrin vom makellosen Fußball, wenn seine Spieler vor allem ein makelloses Instagram-Profil interessiert.

Hinterwelt trifft auf Social-Media-Zeitalter, ein introvertierter 62-Jähriger auf die Könige der Neuzeit. Favre arbeitet wie ein Besessener für Borussia Dortmund, seine ausführenden Organe kommen in schamloser Arroganz zu spät zum Training oder schlampen bei den empfohlenen Extra-Einheiten. Diese gegensätzlichen Pole bringt wohl niemand mehr zusammen.



  • Zu vielen Spielern fehlt es an der benötigten Arbeitseinstellung!

Mit Sokrates braucht man den Borussen wohl nicht zu kommen. Der hatte allerdings schon vor vielen Jahrhunderten festgestellt: „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“ Eine Ansammlung von begnadeten Kickern macht noch lange keine Mannschaft aus, die „große Qualität“, die potenziell im Kader steckt, ist keinen Pfifferling wert, wenn Spieler sie nicht einbringen. Fleiß und Disziplin gehören nicht zu den Attributen, die man diesem BVB zuschreiben würde. Wenn den die Basis erledigt wird, gelingen glänzende Sequenzen wie gegen Inter Mailand. Wenn nicht, ist selbst das kleine Paderborn eine Nummer zu groß.

Die Mängelliste des BVB: Der Identitätsverlust ist das größte Problem

Seit Sommer 2018 in neuer Funktion beim BVB tätig: Sebastian Kehl. © dpa

Mats Hummels forderte das am Freitagabend ein: „Konzentration und Fokus auf die relevanten Dinge im Fußball sind bei allem Talent, das wir haben, ganz wichtig.“ Aber ob ihm jemand zuhört, das wird er selbst nur schwer beantworten können. Dasselbe trifft auf Sebastian Kehl zu. Als Kümmerer sollte der Leiter der Lizenzspielerabteilung eben Konsequenz, Leistungsbereitschaft und Zielstrebigkeit einfordern. Auch nach 18 Monaten im Amt fehlen überzeugende Nachweise für die Richtigkeit seiner Installation.



  • Borussia Dortmund hat zu wenig Führungsspieler!

Marco Reus sollte der unumstrittene Chef der Dortmunder Fußball-Unternehmung sein. Seine bisherige Spielzeit gerät derweil noch schwächer als die des Kollektivs. Axel Witsel hätte die Erfahrung, ist aber zu still und außerdem ebenfalls nur ein Schatten der Vorsaison. Mats Hummels ist gerade erst nach Dortmund zurückgekehrt und muss sich erst Gehör verschaffen.

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Lukasz Piszczek oder Marcel Schmelzer identifizieren sich mehr mit dem BVB als ein Dutzend anderer Profis zusammengenommen, ihr Einfluss auf die Mannschaft ist jedoch begrenzt. Roman Bürki, der in der Hierarchie geklettert ist, nimmt als Torhüter immer eine Sonderrolle ein. Ein Mario Götze kassiert, schmollt und tut ansonsten wenig für den Klub.



  • Ein Trainerwechsel allein wird die Probleme nicht lösen!

Es ehrt Spieler wie Marco Reus oder Mats Hummels, dass sie am Freitagabend ihren Trainer in Schutz nahmen. „Wir auf dem Platz sind es definitiv, die diese Fehler machen. Da sage ich ganz deutlich, dass das nichts mit der Trainerposition zu tun hat, wenn wir einfach ohne Druck die Bälle herschenken“, erklärte Hummels. Und Reus lobte Favre dafür, dass er die Mannschaft top einstelle - nur die Umsetzung sei dann katastrophal.

Selbstverständlich wird Favre nicht nur danach beurteilt, ob er gute Impulse setzt, sondern auch danach, ob diese dann Wirkung zeigen. Die zugrundeliegenden Knackpunkte im Kreis der Spieler muss allerdings der Klub identifizieren und ausmerzen.

Am Umstand, dass Borussia Dortmund seine Identität wie Wasser zwischen den Fingern davonfließt, sind schon Favres Vorgänger gescheitert. Die Metamorphose von einem ambitionierten Außenseiter zum erklärten Anwärter auf Titel bleibt ein Selbstfindungsprozess. Wer große Töne spuckt und sich hohe Ziele setzt, muss alles danach ausrichten. Bei dieser Neujustierung braucht es Einigkeit und einen klaren Kompass. Das schleichende Durcheinander ist in Dortmund das größte der Probleme.

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