Der ewige Borusse Wolfgang Paul feiert seinen 80. Geburtstag: „Das war unbeschreiblich“

dzBorussia Dortmund

Einer der herausragendsten Spieler in der BVB-Geschichte wird heute 80 Jahre alt: Wolfgang Paul. Wir haben den Kapitän der Helden von 1966 besucht.

Dortmund

, 25.01.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das schwarzgelbe Trikot völlig verdreckt, der Matsch hängt auch in Haaren und im Gesicht. Erschöpft nach getaner Arbeit stapft er vom Platz. Dieses Foto von sich mag Wolfgang Paul besonders gern. Kein Wunder, zeigt es doch auf einen Blick, wofür er einst als Fußballer stand: Einsatz, Wille, Kampfgeist. „Damit habe ich manche Schwäche wettgemacht“, sagt Paul und schmunzelt.

Seine Augen strahlen, wenn die Erinnerungen an die große Zeit wieder lebendig werden, wenn er in Gedanken die großen Spiele, die ihn zur Legende werden ließen, noch einmal spielt. „Sauerländer Eiche“, „Turm in der Schlacht“, „der Lange“ oder „der Stopper“, so riefen ihn die Fans. Sie bewunderten, wie hart und trotzdem fair er die gegnerischen Angreifer abkochte, wie furchtlos er Grätschen ansetzte, wie er hoch in die Luft stieg und in Kopfballduellen triumphierte. Und wie klug er Borussia Dortmund zum Erfolg führte.

Der 5. Mai 1966 prägt das Leben des Wolfgang Paul

Es waren die goldenen Sechziger Jahre, in denen der BVB gewaltig an Strahlkraft gewann - auch dank Kapitän Wolfgang Paul. Die Borussen hatten 1963 die Deutsche Meisterschaft gewonnen, 1965 den DFB-Pokal. Doch die Sternstunde, die einen Mythos schuf, gelang dem BVB im Hampden Park zu Glasgow. „Der 5. Mai 1966 hat mein ganzes Leben geprägt“, sagt Wolfgang Paul in seinem gemütlichen Wohnzimmer in Bigge. Dieses Endspiel im Europapokal der Pokalsieger, dieser famose Kampf gegen den favorisierten FC Liverpool.

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Zum 80. Geburtstag: Die besten Bilder von BVB-Legende Wolfgang Paul

Wolfang Paul feiert seinen 80. Geburtstag. Wir blicken in Bildern zurück auf eine ereignisreiche Karriere des BVB-Kapitäns, der den Europapokal, die Deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal mit Borussia Dortmund gewann.
24.01.2020
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Ein aufregendes Leben mit einer prägenden BVB-Historie hat Wolfang Paul hinter sich gebracht. Der ehemalige Spieler von Borussia Dortmund feierte im schwarzgelben Dress den Europapokal-Sieg, die Deutsche Meisterschaft und den Gewinn des DFB-Pokals. © Kisker
Anlässlich seines 80. Geburtstag besuchte Ruhr-Nachrichten-Sportchef Sascha Klaverkamp Wolfang Paul in Olsberg. Der frühere Borusse präsentierte viele alte Schätze aus seiner Profi-Zeit. Hier den Spielball des Europapokalfinals 1966 mit allen Unterschriften des damaligen BVB-Teams. © Kisker
Wolfgang Paul in der Werkstatt seines Juwelier- und Uhrengeschäft in Olsberg.© picture alliance / dpa
Wolfgang Paul präsentiert einen Spielball der Fußball-Weltmeisterschaft 1966.© picture alliance / dpa
Wolfgang Paul zeigt ein altes Foto, auf dem er als Spielführer des BVB den Europapokal der Pokalsieger präsentiert. © picture alliance / dpa
Zwischen 1965 und 1968 führte Wolfgang Paul den BVB als Kapitän aufs Spielfeld.© imago
Die BVB-Ankunft als Europapokalsieger in Dortmund 1966. Wolfgang Paul reckt den Pokal in die Höhe.© imago/Horstmüller
In einem Autokorso durch ein dichtes Spalier jubelnder Menschen in Dortmund fahren Trainer Willy Multhaup, Kapitän Wolfgang Paul, der triumphierend den Pokal zeigt, und Klubpräsident Heinz Stork (v.l.).© picture-alliance/ dpa
Wolfgang Paul lief auch für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf, nahm an der Weltmeisterschaft 1966 in England teil - kam aber nicht zum Einsatz.© imago images/Kicker/Metelmann
Mit dem Ball voran: Wolfang Paul für den BVB in den 1960er-Jahren.© imago images/Kicker/Metelmann
Ein echter Arbeiter: BVB-Kapitän Wolfang Paul.© imago images/Kicker/Metelmann
50 Jahre nach dem Triumph von Glasgow: Wolfgang Paul und Otto Rehagel. © picture alliance / dpa

„Regen, Matsch, ein tiefer Platz, viele hatten Wadenkrämpfe, dann das 1:1, obwohl der Ball im Aus war. Aber wir haben nicht aufgesteckt, haben weiter alles gegeben“, erinnert sich Paul. Und sie gewannen tatsächlich dieses Finale in der Verlängerung, siegten mit 2:1. Kapitän Paul nahm überglücklich den Europapokal in Empfang. Als erster deutscher Spieler überhaupt. „Ein großartiger Moment“, gesteht er.

Hunderttausende BVB-Fans sind in der Stadt unterwegs

Einer der größten Momente der deutschen Sportgeschichte, den selbst Borussia Dortmunds Bosse zuvor nicht für möglich gehalten hatten. Denn eine Feier für die Mannschaft war nicht vorbereitet worden. Zurück im Hotel gab es eine Flasche Bier und ein Fischbrötchen, das war’s. Die Rückkehr nach Dortmund übertraf dagegen jegliche Vorstellungskraft.

Wolfgang Paul über ...
  • ... seine größte Schwäche: „Mein linker Fuß, den kannte ich zu Jugendzeiten gar nicht. Der damalige Verbandstrainer hat das erkannt und mir Sondertraining verordnet. Jeden Mittwochabend habe ich mich in die Ecke gestellt und den Ball immer nur mit links gegen die Wand geschossen. Nachher war der linke Fuß genauso stark wie der rechte. Das war gut, denn so kann man sich den Gegner im Zweikampf anders stellen.“
  • ... seinen unangenehmsten Gegenspieler: „Das war ganz klar Gerd Müller von den Bayern. Den dürfte jeder kennen. Der war so wuselig, du wusstest nie, ob er dir den Ball jetzt durch die Beine schießt oder sich um dich rumdreht.“
  • ... seinen besten Trainer: „Dettmar Cramer war für mich der Größte. Ich war immer enttäuscht, wenn die Spielersitzungen von ihm vorbei waren. Das war spannend, begeisternd, lehrreich. Da habe ich mir was abschauen können für meine eigene Laufbahn.“
  • ... die WM 1966: „Es war nach dem Europapokalsieg mit dem BVB das für mich schönste Erlebnis meiner Karriere, auch wenn ich dort kein Spiel bestritten habe. Ich hätte bestimmt meine Spiele gemacht, wenn man damals schon so wie heute hätte wechseln können. Aber das war ja noch nicht erlaubt.“

Schon viele Kilometer vor Dortmund standen die Menschen dicht an dicht Spalier und bejubelten ihre Fußballhelden, Hunderttausende Fans waren auf den Beinen in der Stadt, an der BVB-Wiege Borsigplatz und feierten. „Das war unbeschreiblich“, sagt Wolfgang Paul, und „dann musste ich auf einmal mit dem Pokal zur Sportschau. Ich, der Bursche aus dem Sauerland.“ Den spätestens jetzt jedes Kind kannte. Wenn er seine Frau Almuth bei der Arbeit im Dortmunder St.-Johannes-Hospital besuchte, versetzte das die Station in Aufruhr. Alle wollten ein Autogramm. „Auch die Nonnen“, verrät Paul.

Plötzlich ist Wolfgang Paul ein Star

Keine Frage, der junge Mann war ein Star. Plötzlich gab es sogar im Sauerland viele BVB-Fans, „vorher war hier nur Schalke angesagt“, weiß Paul und blickt aus seinem Wohnzimmersessel hinaus in den Garten. Dorthin, wo ein großer, gelb lackierter Scheinwerfer im Boden verankert ist. „Das war früher ein Flutlichtstrahler im Stadion Rote Erde“, sagt Paul, „einmal Borusse, immer Borusse. Für mich kam nie etwas anderes in Frage. Ich hatte Angebote aus Gladbach und West Ham, aber ich hänge an diesem Verein, habe viel mitgemacht.“

Max Merkel, sein erster Trainer beim BVB, „hat mich geschleift, das war Training am Limit“. Fischken Multhaup, der ihn zum Kapitän machte, sei „eine Vaterfigur“ gewesen. Paul stand zusammen mit anderen Klublegenden auf dem Rasen, mit Hoppy Kurrat, Lothar Emmerich, Aki Schmidt, Hans Tilkowski. Sein liebster Mitspieler? Willi Sturm. „Wir hatten schon in der Westfalenauswahl zusammen gespielt, waren Brüder im Geiste, gleiche Typen. Er ist leider sehr früh verstorben“, sagt Paul, „ich konnte es aber eigentlich mit jedem gut, sonst wäre ich auch nicht Spielführer geworden.“

Schuh-Posse und drei aufgemalte Streifen

Was ein Kapitän besonders gut können muss? „Schlichten, die Spieler, die aus der Reihe tanzen oder sauer sind, weil sie nicht spielen, zur Vernunft bringen. Man muss ein bisschen so ein Drahtzieher sein. Und du musst ein Vorbild sein, Einsatz und Motivation zeigen. Ich bin nie vom Platz geflogen, obwohl die anderen ja meinten, ich hätte recht hart gespielt.“

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Und er musste als Kapitän klare Kante zeigen. Stan Libuda, Borussias verrückten Dribbler, ihn musste Paul häufiger in die Schranken weisen. Oder die Posse um die Schuhe Lothar Emmerichs. Wolfgang Paul hatte mit Adidas eine Vereinbarung für die gesamte BVB-Mannschaft getroffen. „Das machte damals der Spielführer.“ Es gab Geld und Schuhe des Sportartikelherstellers für alle im Team. Emmerich aber schloss eine eigene Vereinbarung mit Adidas-Rivale Puma ab. „Also habe ich unserem Zeugwart Emmerichs Puma-Schuhe gegeben, der hat sie dann schwarz angemalt und drei Adidas-Streifen drübergemacht - und in diesen Schuhen musste Emma dann spielen“, sagt Paul.

Wolfgang Paul hat seinen festen Platz im BVB-Stadion

Noch heute fehlt Wolfgang Paul bei keinem Heimspiel seines BVB. Urlaubsreisen gibt es nur außerhalb der Saison. Er hat einen festen Platz im Stadion, hält engen Kontakt zur Klubspitze um Präsident Dr. Reinhard Rauball und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, fungiert als Vorsitzender des Ältestenrates, sagt noch immer ruhig aber klar seine Meinung. So wie in der Diskussion um Borussias aktuellen Trainer Lucien Favre: „Ich halte große Stücke auf ihn. Wir brauchen keinen Schreihals an der Linie. Ich finde, dass er einen sehr guten Job macht. Ich war später 25 Jahre lang Trainer, ich kann das nachvollziehen.“

Bleibt noch der Wunsch zum 80. Geburtstag. Wolfgang Paul muss keine Sekunde überlegen. „Gesundheit für meine Frau“, sagt er, lächelt sie an und fügt hinzu: „Und dass es so gut weitergeht mit unserer Familie, unseren Töchtern und Enkeln.“ Und seine zweite Familie, die Borussia, kann sie ihm den Meistertitel schenken? „Ob das in diesem Jahr klappt, mal abwarten. Aber wir sind ja noch jung.“

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