Beste Laune nach dem Derbysieg: Jadon Sancho (l.) und Erling Haaland. © imago / Sven Simon
Borussia Dortmund

Der englische Patient: Darum blüht Jadon Sancho beim BVB wieder auf

Die Corona-Pandemie, private Probleme, das Scheitern an hohen Erwartungen: Jadon Sancho hat schwierige Monate beim BVB erlebt. Warum er jetzt wieder aufblüht.

Seine Heimatstadt London rief im Januar den Katastrophenfall aus bei täglich mehr als 1000 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Der Reiseverkehr zwischen England und Deutschland ist seit knapp einem Jahr zeitweise eingeschränkt oder gar ganz eingestellt. Familie und Freunde hat Jadon Sancho seit einer gefühlten Ewigkeit nicht gesehen. Wie ihm ergeht es auch anderen Borussen aus dem Ausland. Beim 20-jährigen Sancho befanden sich im Herbst Stimmungs- und Formkurve gleichzeitig im Sturzflug. Er spielte, wie er sich auch gefühlt haben mag: verloren, irgendwie allein.

Sancho nimmt beim BVB seit dem Jahreswechsel wieder Fahrt auf

Mit Ausbruch der Pandemie, seit der Ligaunterbrechung vor knapp einem Jahr, fehlte die Leichtigkeit des Seins bei der Nummer sieben der Borussia. Das seien schwierige Monate gewesen, heißt es aus dem Umfeld des Spielers, das Beste, was man über diese Zeit rückblickend sagen könne, sei, dass er als Persönlichkeit einen Reifeprozess durchlebt habe, durchleben musste. Und so bohrend, nervend und lästig die Fragen nach der fehlenden Form, nach Enttäuschungen wegen des geplatzten Wechsels im Sommer oder seiner Professionalität im Privatleben gewesen sind, so wohltuend muss nun das Gegenteil vorkommen.

Seit dem Trainer- und Jahreswechsel nimmt der begnadete Techniker wieder Fahrt auf, inzwischen sind die Antritte wieder explosiv und, regelmäßig führt er wieder die Liste mit der Anzahl der Sprints an, auch die Läufe bei der Arbeit gegen den Ball zählen dazu. „Wir waren sehr verwöhnt von den letzten Jahren, sowohl von der Quote her als auch von seinen Aktionen“, sagt Cheftrainer Edin Terzic. Weil die Fallhöhe eben besonders hoch war, Sancho sich mit Unpünktlichkeiten und einem Verstoß gegen Coronaregeln vor einem Länderspiel ungeschickt zusätzlicher Kritik aussetzte, fielen manche Urteile (vor-)schnell.

BVB-Trainer über Sancho: „Das war keine leichte Phase für ihn“

Was sein Tun auf dem Rasen betraf, legte sich vor allem Terzic ins Zeug, der seit seiner Zeit bei West Ham United fließend Fußball-Englisch spricht. Er kritisierte ihn dafür, zu oft mit dem Fuß auf dem Ball zu stehen, sprich: das Tempo aus den Aktionen zu nehmen. Außerdem sollte er seine Dribblings nicht kurz hinter der Mittellinie starten, wo die Gegenspieler viele sind und der Weg zum Tor noch weit ist. „Das war keine leichte Phase für ihn“, sagte Terzic, „wir sind da gemeinsam mit ihm durchgegangen, haben sehr viel mit ihm gesprochen, individuell mit ihm gearbeitet.“ Anders als sein Vorgänger Lucien Favre („Er ist jung. Spieler können nicht das ganze Jahr in Topform sein.“) ging Terzic das Problem lösungsorientiert an, und wird seit Januar vom englischen Nationalspieler regelmäßig für Aufmerksamkeit und Vertrauen belohnt. „Jetzt ist er wieder bei der alten Stärke – gefühlt.“

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Ein weiterer Kniff, um die überbordende Spielfreude wieder mit Anreizen zu kitzeln war die Versetzung auf die linke Seite. Terzic sagt: „Da hat er mit Raphael Guerreiro einen kongenialen Partner, mit dem er sehr gut kombinieren kann.“ Wie zuvor mit Achraf Hakimi hat Sancho einen Mitspieler im Geiste, gemeinsam sind sie schwer zu kontrollieren.

Jadon Sancho gut, Borussia Dortmund gut?

Nicht zufällig war die vergangene Woche nicht nur die beste der Borussia seit längerer Zeit, sondern auch die beste von Sancho. „Wir wollten den Fans zeigen, dass immer noch viel Kampfgeist in uns steckt“, sagte er nach dem Derbysieg. Bei seinem Treffer zum 1:0 klopfte er – nicht zum ersten Mal – mit der rechten Hand auf das BVB-Emblem des Trikots, nach dem Abpfiff brüllte er „Come on, let‘s go!“ in die nächstgelegene Kamera. Die Kapitänsbinde hatte er nach der Auswechslung von Marco Reus erneut über seinen linken Oberarm gestreift. An der Seite von Kumpel Erling Haaland erklärte er: „Das war ein großer Sieg für uns und die Fans!“ Es war wohl auch ein Sieg gegen die (Selbst-)Zweifel der vergangenen Monate.

Sancho gut, Dortmund gut? Der Tempodribbler ist fest entschlossen, mit guten Leistungen seinen Teil dazu beizutragen, den BVB in dieser Saison noch mindestens auf Platz vier in der Bundesliga zu schießen, in den Pokalwettbewerben soll auch noch nicht Schluss sein. Im Sommer dann, so planen sie am Rheinlanddamm, wird der englische Ex-Patient für viel Geld zurück auf die Insel wechseln, auch wenn das zumeist gut unterrichtete Portal „The Athletic“ jüngst berichtete, das Manchester United sein Werben derzeit nicht intensivieren will. Bei Sancho stand vor der Pandemie eine Ablöse von etwa 120 Millionen Euro im Raum, das Transfergetöse fiel happig aus. Groß werden lassen möchte das Spieler-Lager das Thema aktuell nicht. Nach der langen Zeit der Dürre möchte Sancho den „Feelgood“-Moment so gut wie möglich genießen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers
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