„Immer wieder herrlich“: Der BVB ist weit davon entfernt, eine Top-Mannschaft zu sein

dzBorussia Dortmund

Der BVB muss sich nach dem 0:4 in München Häme und Spott gefallen lassen. Der blutleere Auftritt zeigt: Borussia Dortmund ist weit davon entfernt, eine Top-Mannschaft zu sein.

München/Dortmund

, 11.11.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Trainer war aschfahl im Gesicht, der Sportdirektor wütend und ratlos - und die meisten Spieler hatten es nach einer weiteren Demütigung besonders eilig, zum wartenden Bus zu gelangen. Mit viel Hoffnung war Borussia Dortmund nach München gereist, am Ende aber war in der Allianz Arena alles wie immer in den vergangenen Jahren: Mit dem 0:4 (0:1) war der BVB noch gut bedient, das vermeintliche Treffen der beiden besten deutschen Mannschaften war eine einseitige Angelegenheit. Weil nur eine auf dem Feld bereit war, ihren Beitrag zu einem Top-Spiel zu leisten. Die andere enttäuschte maßlos.

Der BVB als legitimer Nachfolger des Hamburger SV

Häme und Spott ergossen sich anschließend über Borussia Dortmund. Wie das heute so ist, wenn eine Mannschaft von ihrem Potenzial und ihren eigenen Ansprüchen so weit entfernt Fußball spielt, wie es der BVB in München mal wieder getan hatte. Der BVB sei der legitime HSV-Nachfolger als dankbarer Sparringspartner für die Bayern, war zu lesen, was das Torverhältnis von nun 3:26 Toren aus den vergangenen sechs Bundesliga-Gastspielen in München durchaus untermauert.

Mats Hummels, Innenverteidiger der zu einer „F-Jugend“ degradierten Mannschaft und als Warner vorab aufgetreten, war trotz seines Eigentors einer der wenigen mit Mumm und Gegenwehr. Der 30-Jährige wertete das Ergebnis und den Verlauf als „klares Zeichen, dass wir selber keine Top-Truppe sind. Wir können an guten Tagen eine sein, aber eine Top-Mannschaft ist das eben oft auch an schlechten Tagen. Das schaffen wir vor allem auswärts noch nicht.“

Dortmund lässt alle fußballerischen Grundtugenden vermissen

Hummels reduzierte die Analyse für das Totalversagen der Borussia auf den wohl entscheidenden Punkt: „Es geht ums Dagegenhalten. Wir haben zu oft am Boden gelegen und wollten einen Freistoß haben, die Bayern hingegen waren immer voll da. Damit kann man auch Zeichen setzen.“

„Ich kann mit Niederlagen umgehen, aber heute waren viele Spieler nicht da. Es war eine große Enttäuschung.“
Lucien Favre

Es war jedoch nicht nur die mangelhafte Gegenwehr. Das eklatante Fehlen aller fußballerischen Grundtugenden ließ Trainer Lucien Favre fassungslos zurück. Den Mut und die Entschlossenheit der zweiten Hälfte gegen Inter Mailand hätte es auch in München gebraucht. Stattdessen agierte der BVB wieder einmal wie das Kaninchen vor der Schlange. Und die meisten Spieler mit einer bedenklichen Körpersprache, die die Zweifel darüber, wie widerstandsfähig diese Elf ist, erneut aufflammen lassen.

Ihren Trainer hatte die Mannschaft wie einen begossenen Pudel im Regen stehen lassen. Favre war regelrecht entsetzt. „Tempo, Ballannahme, Technik, Pässe, Bewegung - da waren wir nicht gut“, zählte er auf. „Ich kann mit Niederlagen umgehen, aber heute waren viele Spieler nicht da. Es war eine große Enttäuschung.“

BVB-Sportdirektor Zorc fliegt Forderung um die Ohren

Michael Zorc wurde nicht minder von den Spielern enttäuscht. Seine Forderung, „Männerfußball“ zu spielen und „wie echte Kerle“ aufzutreten, flog ihm in der Allianz Arena um die Ohren. Auf die Dringlichkeit einer körperbetonten Spielweise mit markigen Worten hinzuweisen und so zu den Spielern vorzudringen, war eine vergebliche Hoffnung des Dortmunder Sportdirektors.

Sie verpuffte nicht nur bei Jadon Sancho. Dessen aufreizende Überheblichkeit und fehlende Gegenwehr stand sinnbildlich für den gesamten BVB-Auftritt: Kaum einer im schwarzgelben Trikot war bereit für dieses Spiel. „Das heute war kein Männerfußball, das war gar kein Fußball“, meinte Zorc reichlich angefressen. „Noch schlimmer fand ich aber, wie wir im eigenen Ballbesitz agiert haben. Das war gar nichts. Wir haben dem Druck nicht Stand gehalten.“ Der BVB habe „eine Nicht-Leistung“ geboten.

Gellendes Pfeifkonzert der eigenen Fans

Als sich die Mannschaft nach dem Abpfiff in die Gäste-Kurve begab, stoppte sie auf den Weg das gellende Pfeifkonzert der eigenen Fans. Die extremen Leistungsausschläge nach unten und Rückfälle in alte Muster machen auch die treuen Fans ratlos und wütend. Auch Julian Brandt, auf der Zehn einmal mehr eine große Enttäuschung, meinte: „Ich hatte gehofft, dass wir durch die drei Siege zuletzt Rückenwind haben und weiter sind.“

Video
Die RN-Analyse zum 0:4 des BVB in München

Stattdessen werden nun die Diskussionen über Mentalität und Qualität wieder hochkommen. Den Trainer aber nahm Michael Zorc wohlweislich sofort aus der Schusslinie. „Ich kann Ihnen diese Leistung nicht erklären“, meinte er. „Aber den Trainer würde ich komplett rausnehmen, um das ganz klar zu sagen.“ Zorc hatte die Schuldigen am Debakel woanders ausgemacht und gab allen Journalisten einen Rat: „Fragen Sie die Spieler!“

Lewandowski spielte Katz und Maus mit dem BVB

Die hatten in 90 Minuten nur zwei (halbe) Torschüsse zustande gebracht, nur 40 Prozent Ballbesitz gehabt und ganz schwache 39 Prozent ihrer Zweikämpfe gewonnen. Nicht nur Doppel-Torschütze Robert Lewandowski spielte Katz und Maus mit der Borussia, die dem scheidenden Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß noch „ein perfektes letztes Spiel“ bescherte. Und auf die große Demütigung setzte Thomas Müller noch einen drauf, als er genüsslich formulierte: „Es ist immer wieder herrlich, wenn die Dortmunder nach München kommen.“

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