Der BVB feiert seinen 110. Geburtstag: Wie 18 junge Männer den Startschuss gaben

Borussia Dortmund

Heute vor 110 Jahren wurde Borussia Dortmund aus der Taufe gehoben. Die Gründung war ein Aufbegehren gegen die Kirche. Das erste Spiel wurde gleich ein Kantersieg - in blau-weißen Trikots.

Dortmund

von Gerd Kolbe

, 19.12.2019, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der BVB feiert seinen 110. Geburtstag: Wie 18 junge Männer den Startschuss gaben

Franz Jacobi war der Hauptinitiator der BVB-Vereinsgründung. © Repro: Kolbe

Schönes Herbstwetter herrschte am 4. Adventssonntag 1909, dem 19. Dezember. Die Dortmunder „Tremonia“ berichtet von einem regen Verkehr in den Hauptstraßen Dortmunds. Echt was los war an diesem Tage auch am Borsigplatz. Es brodelte heftig, Spannung lag in der Luft.

Hatte doch der für die Jünglingssodalitäten der Dreifaltigkeitskirche in der Flurstraße zuständige Kaplan Hubert Dewald in der Morgenmesse von der Kanzel verkündet, dass es für die Mädchen und Jungen der Gemeinde von Stund an auch eine sonntägliche Pflichtandacht am Nachmittag um 14 Uhr geben würde. Die Mädchen schauten demütig, die Jungen aufsässig.

14 Uhr war eigentlich Zeit für Fußball rund um den Borsigplatz

Der Grund für den Frust der Knaben: Seit 1906 ein gewisser Reinhold Richter einen echten englischen Lederball seinem Freund Franz Jacobi aus der Wambeler Straße geschenkt hatte, spielte man jeden Sonntag genau ab 14 Uhr auf der „Weißen Wiese“ im Feld des Bauern Wübbecke Fußball.

Der BVB feiert seinen 110. Geburtstag: Wie 18 junge Männer den Startschuss gaben

Der Borsigplatz um 1909. © Repro: Kolbe

Kaplan Dewald, seit April 1906 für die Jünglingsvereine von „Dreifaltig“ zuständig, genoss zwar als Geistlicher und Autor mehrerer Glaubensbücher durchaus Ansehen, lehnte das „neumoderne“ Fußballspiel als unpädagogischen Raufsport allerdings kategorisch ab. Damit stand er nicht allein. So war Fußball an den örtlichen Schulen untersagt; die Turner nannten den „verhassten Sport“ sogar „Fußlümmelei“ und „englische Krankheit,“ weil er ja ein Import von der „Insel“ war.

Turbulente Besprechung in der Wohnküche der Jacobis

Die Situation rund um die Flurstraße eskalierte im Herbst 1909 und entlud sich an besagtem 19. Dezember nach der Dewald-Predigt und der darin verkündeten Pflichtandacht in einer turbulenten Besprechung in der Wohnküche der Jacobis in der Wambeler Straße 12. Anwesend waren die drei Jacobi-Brüder Franz, Julius und Willi, Heinrich Cleve, Johann Seibold sowie Robert und Heinrich Unger.

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Die Dreifaltigkeitskirche. © Repro: Kolbe

Natürlich ging es um die sonntägliche Nachmittagsandacht und ihre negativen Konsequenzen für das Fußballspiel. Und genau in diese Stimmung hinein platzte per Zufall „Ballspender“ Reinhold Richter.

Die Idee der Vereinsgründung kam von Reinhold Richter

Auf dem Weg von Paris nach Hause zum Weihnachtsfest hatte Richter in Dortmund Station gemacht, um seinen Freund Franz zu besuchen und einen kleinen Flirt mit Lenchen, dem Töchterchen der Familie Jacobi, zu wagen, das er in sein Herz geschlossen hatte und später heiratete.

„Hallo Jungs, gibt es eigentlich noch den Ball, den ich Euch vor drei Jahren aus England mitgebracht habe?“

Allerdings bemerkte der gute Reinhold unmittelbar nach seinen Worten, dass knisternde Spannung angesagt war und lockere Sprüche aktuell nicht gut passten. Rasch wurde er in die Geschehnisse eingeweiht, ebenso rasch unterbreitete er einen fast revolutionären Vorschlag: „Trennt Euch von der Jünglingssodalität der Dreifaltigkeitsgemeinde und gründet einen eigenen Fußballverein!“

50 junge Männer im Wildschütz, 18 gründeten den BVB

Der Vorschlag war kühn, richtete er sich doch gegen die fast allmächtige katholische Kirche. Aber unabhängig davon hatte er was. Also wurde ein Kurierdienst losgeschickt, der die Jungs der Gemeinde für 19 Uhr in den Spiegelsaal der Gaststätte „Zum Wildschütz“ einlud.

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Das Restaurant zum Wildschütz. © Repro: Kolbe

Und pünktlich um „Sieben“ waren dann auch etwa 50 junge Burschen im „Wildschütz“ versammelt. Franz Jacobi als Wortführer weihte die Anwesenden in den Plan ein. Die Begeisterung hielt sich bei einigen durchaus in Grenzen. Das könnte eine Menge Ärger geben. Mit der Kirche, aber auch zu Hause. Deshalb verließen gut 20 die Versammlung. Einer ging zu Dewald und weihte ihn ein. Der Kaplan eilte unverzüglich zum „Wildschütz“ und versuchte, die Versammlung aufzulösen.

Das endete mit einer gestochenen Rechten ans Kinn des Geistlichen, der sich kurz danach auf dem Allerwertesten sitzend auf dem Bürgersteig vor dem „Wildschütz“ wiederfand. Auch diese Aktion hatte reinigenden Charakter für die Versammlung, sodass anschließend nur noch 18 „Rebellen“ im Spiegelsaal anwesend waren.

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Kaplan Dewald. © Repro: Kolbe

Und genau diese 18 Unerschrockenen gründeten dann den „Ballspielverein Borussia 09 Dortmund“. Namenspatin wurde übrigens die Borussia-Brauerei in der Steigerstraße.

Das erste Spiel gewann der BVB mit 9:3 gegen den VfB Dortmund

Der neue Verein fand im Sommer 1910 über die Leichtathletik als „Trojanisches Pferd“ Zugang zum Westdeutschen Spielverband, bei dem für Fußballklubs eine kategorische Aufnahmesperre galt.

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Das erste BVB-Spiel am 15. Januar 1911 auf der Weißen Wiese. © Repro: Kolbe

Mit den Leichtathleten im Rücken wurde Ende 1910 auch die Fußballabteilung in den Verband aufgenommen. Das große Ziel war erreicht. Das erste Fußballspiel des BVB überhaupt - am 15. Januar 1911 - brachte einen 9:3-Sieg über den VfB Dortmund.

Blau-weiß, die Farben des Jünglingsvereins, zierten damals auch die Borussen-Trikots. Eine ergänzende rote Schärpe erinnerte an die enge Beziehung zum Arbeitersport. Im Februar 1913 änderte man die Vereinsfarben. Seitdem schlägt das Borussenherz schwarzgelb.

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