Der Anschlag auf den BVB: Neue Details aus dem Bus und von Klubchef Hans-Joachim Watzke

Borussia Dortmund

Neue Details zum Anschlag auf die BVB-Mannschaft vor dem Champions-League-Spiel gegen Monaco im April 2017: Das sagen Busfahrer Christian Schulz und Klubchef Hans-Joachim Watzke heute.

Dortmund

, 14.10.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der Anschlag auf den BVB: Neue Details aus dem Bus und von Klubchef Hans-Joachim Watzke

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt: „„Da hat man wirklich gespürt, dass da echte Ängste waren. Das war schon sehr ernsthaft, das war existenziell.“ © imago

Um Punkt 19.15 Uhr startete Borussia Dortmunds Busfahrer Christian Schulz am 11. April 2017 sein Gefährt. Abfahrt zum Hinspiel im Viertelfinale der Champions League gegen AS Monaco. Eine Minute später ist beim BVB nichts mehr so, wie es vorher war.

Schulz: „Mein Gott, was war das denn?“

18 Spieler, vier Trainer, zwei Physiotherapeuten, ein Videoanalyst und der Teammanager sitzen im Bus, als Schulz, liebevoll „Schulle“ genannt, vom Mannschaftshotel l’Arrivée auf den Schirrmannweg abbiegt. Als er nach der engen Ausfahrt gerade beschleunigen will, zündet Attentäter Sergej W. per Funk die Bomben.

„Ich war in dem Moment überfordert.“
Christian Schulz

„Ein Knall, wie ich ihn noch nie gehört habe“, sagt Schulz. Es sei „megalaut“ gewesen, als die drei Splitterbomben mit Wasserstoffperoxid und 90 zigarettengroßen Metallbolzen explodieren. „Die Wucht der Explosion war so stark, dass der ganze Bus gewackelt hat, richtig gewackelt, während des Fahrens“, berichtet der Chauffeur. Schulz bremst und denkt sich: „Mein Gott, was war das denn?“

Im Bus herrscht Panik, Angst, Durcheinander. Nuri Sahin schreit nach vorne: „Bitte, bitte, bitte: Nicht anhalten! Weiterfahren. Wir müssen weiterfahren.“ 15 Sekunden lang sei er wie betäubt gewesen, paralysiert. Er gesteht in Hans-Joachim Watzkes Buch: „Echte Liebe: Ein Leben mit dem BVB“: „Ich war in dem Moment überfordert.“

Als er wieder zu sich kommt, steuert Schulz den Bus um die Ecke, nach 150 Metern hält er an der Wittbräucker Straße an. Videoanalyst Benjamin Weber geht mit ihm auf den Polizeibeamten zu, der vor dem Bus steht. Doch der reagiert erst nach mehrmaliger Ansprache. Wie sich später herausstellt, hatteder Polizist ein Knalltrauma erlitten.

Watzke: „Niemand wusste, was da noch kommen kann“

Dass es keine Toten gegeben habe, sei ein Glücksfall gewesen, meint Schulz. Hätten nicht Autos auf dem Parkplatz gestanden zwischen der Straße und der Hecke, in der die Bomben versteckt waren, wäre die Wirkung der Detonation auf den Bus massiver gewesen. „Wir wussten schon in dem Moment, dass wir unheimlich viel Glück gehabt hatten.“

Schulz ruft dann seine frühere Frau an, die beim BVB in der Abteilung Organisation und Sicherheit arbeitet. „Corinna, es hat einen Bombenanschlag auf den Bus gegeben.“ Ihre Antwort: „Christian, der 1. April ist zehn Tage vorbei.“

Fritz Lünschermann, der Teammanager, ruft Sportdirektor Michael Zorc an. „Michael, jemand hat uns angegriffen“, sagt er. Im Stadion wird der Krisenstab im „Situationsraum“ zusammengerufen. Es habe „totale Panik“ geherrscht, schreibt Watzke. „Niemand wusste, was da noch kommen kann.“

Sicherheitsexperten halten weitere Anschläge für wahrscheinlich

Es werden viele Telefonate geführt, unter anderem mit dem damaligen Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Die Sicherheitsexperten halten weitere Anschläge an dem Abend für wahrscheinlich, so sei es auch in Paris eineinhalb Jahre zuvor gewesen.

Polizei und Feuerwehr übernehmen das Kommando, verhindern eine denkbare Panik im Stadion und sichern den Abreiseverkehr. Dann macht der europäische Fußballverband UEFA Druck. Das Spiel zwischen dem BVB und AS Monaco, das Viertelfinale in der Champions League, muss abgesagt werden. Aber laut Statuten innerhalb von zwei Stunden nach der Absage über eine Verlegung entschieden werden. Guter Rat ist teuer.

Marc Bartra ist schwer verletzt

Dortmunder und Monegassen finden keinen Ausweichtermin, beide Mannschaften haben einen vollen Spielkalender. Dann besteht die UEFA darauf, am nächsten Tag zu spielen. Keiner beim BVB widerspricht.

Der Anschlag auf den BVB: Neue Details aus dem Bus und von Klubchef Hans-Joachim Watzke

Marc Bartra wurde beim Anschlag am 11. April 2017 schwer am Arm verletzt. © dpa

Sich aus dem Wettbewerb zurückzuziehen sei eine Option gewesen, berichtet Watzke. Doch bei der Borussia wollte niemand einknicken, man wollte ein „Signal an die Welt“ senden. „Wir hatten das Gefühl, dass es ein Terroranschlag war“, erklärt Watzke. Diverse Politiker hätten dazu geraten, „für unsere demokratische Freiheit“ zu spielen. Die schwere Verletzung von Bartra drang erst spät durch zu den Borussen im Stadion.

BVB-Spieler stehen unter Schock

Am nächsten Morgen um 11 Uhr werden die Spieler zu einer Mannschaftssitzung gebeten. Die Verantwortlichen, darunter auch Trainer Thomas Tuchel, gehen mit der einheitlichen Linie in die Kabine, dass sie es befürworten, die Partie am Abend nachzuholen. Unter der Voraussetzung, dass die Mannschaft das auch möchte.

„Da hat man wirklich gespürt, dass da echte Ängste waren. Das war schon sehr ernsthaft, das war existenziell.“
Hans-Joachim Watzke

Die Spieler stehen noch völlig unter den Eindrücken des Vorabends und der schlechten Nacht. Watzke schreibt, er habe das Gefühl gehabt, dass einige Spieler ihren Auftrag als Zumutung empfunden hätten. „Da hat man wirklich gespürt, dass da echte Ängste waren. Das war schon sehr ernsthaft, das war existenziell.“

Unter anderem sollen Marco Reus und Gonzalo Castro sich gegen die Austragung ausgesprochen haben. Viele Spieler schweigen, sie sind noch geschockt und nicht entscheidungsfähig. Am Abend, nach der Partie, die mit 2:3 verloren geht, kommen Sokratis im Gespräch die Tränen. „Ich fühle mich wie ein Tier und nicht wie ein Mensch. Wir werden behandelt wie Tiere.“ Kapitän Marcel Schmelzer sagt: „Wir hätten uns sehr, sehr darüber gefreut, wenn das Spiel an einem anderen Tag hätte stattfinden können.“

BVB-Boss Watzke steht am Pranger

Die Mannschaft zerfällt. Trainer Tuchel, der intern nach Angaben von Borussia Dortmund die Entscheidung mitgetragen hatte, stellt in der Öffentlichkeit sich und seine Spieler als Opfer dar, nicht nur des Anschlags, sondern auch eines erbarmungslosen Fußballbusinesses. Daraufhin bekommen UEFA und Klubverantwortliche den Zorn vieler Fans zu spüren. Sie hätten die Geldmaschine weiter laufen lassen wollen, anstatt Menschlichkeit zu zeigen.

Auch Watzke steht am Pranger. Die Kritik muss er aushalten. Dass aber Tuchel, mit dem er längst über Kreuz liegt und der dem Vernehmen nach voller Ehrgeiz darauf gedrängt hat, die ausgefallene Partie unbedingt nachzuholen, die Ansetzung des Spiels vor laufenden Kameras scharf kritisiert und dafür viel Anerkennung einheimst, lässt die Wut bei Watzke ins Maßlose steigen. Das Tischtuch ist endgültig zerschnitten. Tuchel muss den BVB, trotz des späteren DFB-Pokalsiegs, verlassen.

Bender: „Wir hätten nicht spielen sollen“

Monate später, bei der Gerichtsverhandlung gegen Sergej W., sagt Sven Bender, was alle denken: „Im Nachhinein war es ein Fehler zu spielen. Wir hätten nicht spielen sollen.“ Matthias Ginter meinte sogar, sich zu erinnern, „dass niemand aus der Mannschaft spielen wollte“.

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