Julian Brandt (r.) enttäuschte als Haaland-Ersatz, Youssoufa Moukoko muss sich noch an das Bundesliga-Tempo gewöhnen. © imago / Jan Huebner
Analyse

Das Haaland-Loch beim BVB: Kein Lückenfüller in Sicht

Falsches Spiel mit der falschen Neun: Bei Borussia Dortmund ist kein Lückenfüller in Sicht für das Loch, das der verletzte Torjäger Erling Haaland reißt. Diese Optionen bleiben dem BVB.

Vom eigenen Strafraum aus bot sich Roman Bürki eine perfekte Sicht auf das Spielfeld. Von dort sah er beim 1:1 in Frankfurt, dass es seinen Vorderleuten in Durchgang eins nur sehr, sehr selten gelang, Druck aufzubauen und torgefährlich zu werden. Nicht nur der BVB-Torhüter wünschte sich in vorderster Linie einen Angreifer, der diesem Namen gerecht würde. „Wir haben auch schon gegen Lazio so einen klassischen Mittelstürmer vermisst“, sagte Bürki. „Es ist natürlich dem ganzen Spiel anzusehen, wenn da vorne ein Stürmer drinsteht, der es gewohnt ist, auf dieser Position zu spielen.“ Lucien Favres erneutes Experiment mit einer falschen Neun, in diesem Fall in Frankfurt Julian Brandt, schlug fehl. Wie schon so oft.

Doch Haaland, der Heilsbringer, fällt mit einem Muskelfaserriss aus, vermutlich für alle anstehenden fünf Partien bis Weihnachten. „Dann wird er zurückkommen, hoffentlich schnell, denn wir brauchen ihn“, sagte Lizenzspielerchef Sebastian Kehl.

Youssoufa Moukoko genießt beim BVB noch Welpenschutz

Als einzige nominelle Spitze im Kader verbleibt nur Youssoufa Moukoko. Und der ist gerade erst 16 Jahre alt geworden, genießt noch Welpenschutz und muss sich erst an den Profifußball herantasten. „Mit Moukoko müssen wir alle ein bisschen Geduld haben. Er muss sich ein bisschen an das Tempo hier gewöhnen – aber er hat ein extremes Talent“, erklärte Emre Can und benannte das Dilemma im Kern: „Wir haben in der Mannschaft nicht viele, wenn Haaland ausfällt. Deswegen brauchen wir ihn.“

Favre hatte den Gedanken, es mit Moukoko in der Spitze von Beginn an zu versuchen, verworfen. Und diesen Fehler nach der Pause inklusiver taktischer Anpassungen korrigiert. Warum er ihn noch nicht von Anfang an gebracht hatte? „Jeder Spieler im Kader ist eine Überlegung wert für die Startelf“, betonte Kehl, das Trainerteam habe sich aus mehreren Gründen für eine Offensive mit Brandt, Jadon Sancho und Giovanni Reyna entschieden. „Wir haben im vorderen Bereich in unterschiedlichen Systemen eine Menge Möglichkeiten.“ Wichtig sei: „Wir brauchen Tiefe, wir brauchen Geschwindigkeit.“

Julian Brandt im BVB-Angriff wie ein Eskimo im Dschungel

Beides lieferte Julian Brandt auf der von ihm ungeliebten Position im Sturmzentrum nicht. Bei hohen Bällen wirkte er gegen Eintracht Frankfurts Abwehrrecken verloren und orientierungslos wie ein Eskimo im Dschungel, körperlich scheute er wegen Aussichtslosigkeit die meisten Zweikämpfe, er fremdelt schlicht mit dieser Aufgabenbeschreibung als Stürmer. Ein Gute-Laune-Spieler im Miesepeter-Modus? Kein Erfolgsprojekt. Warum Favre das nicht akzeptieren will, bleibt sein Geheimnis.

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Von einer Lücke in der Kaderplanung wollte Kehl am Samstag nichts wissen, wie seine Vorgesetzten Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke sieht er das Personalraster ausreichend bestückt. „Sonst hätten wir im Sommer noch Veränderungen im Kader vorgenommen. Wir wussten ja, dass Youssoufa ab November dazukommt. Er kann ein zweiter Stoßstürmer sein.“

BVB-Kapitän Marco Reus bekommt kein Tempo in sein Spiel

Der eingewechselte Moukoko durfte zum dritten Mal für den BVB in der Bundesliga spielen – bei seinen vorherigen zwei Einsätzen kam er insgesamt nur 28 Minuten zum Einsatz (fünf bei der Hertha, 23 gegen Köln). Bei der Eintracht spielte der 16-Jährige die komplette zweite Hälfte, gab zwei Torschüsse ab, war aber nur siebenmal am Ball. Trotzdem reichten allein Geschwindigkeit (34,3 km/h) und Laufwege, um die Frankfurter Abwehr in Unsicherheiten zu stürzen. Aber der 16-jährige Wunderknabe kann sicher noch kein vollwertiges Mitglied sein, wenn es darum geht, im Drei-Tages-Rhythmus Leistungen und vor allem auch Ergebnisse abzurufen. Da sind andere gefordert.

Nicht zuletzt ein Mannschaftsführer wie Marco Reus. Doch dem Kapitän fehlt seit seinem Comeback im Spätsommer die Antrittsschnelligkeit früherer Tage, er bekommt kein Tempo in sein Spiel und nicht in Form. Und als falsche Neun, siehe Julian Brandt, sieht er sich nicht gut aufgehoben. Für die Flügel fehlt allerdings die Geschwindigkeit.

Giovanni Reyna legt die größte BVB-Produktivität an den Tag

Im offensiven Zentrum legt der 18-jährige Reyna die messbar größere Produktivität an den Tag. Er war in Abwesenheit von Haaland der torgefährlichste BVB-Spieler, an der Hälfte aller Dortmunder Torschüsse direkt beteiligt (vier gab er selber ab, viermal legte er auf). Reyna überzeugte aber auch kämpferisch, bestritt von allen Spielern auf dem Platz mit Abstand die meisten Zweikämpfe (38 – im Schnitt also fast alle zwei Minuten ein Duell) und verdiente sich ein Lob von Kehl: „Er hat nicht nur wegen seines Tores ein sehr gutes Spiel gemacht.“

In Frankfurt entpuppte sich auch Jadon Sancho mal wieder als Lichtblick. Seine große individuelle Klasse benötigt der BVB in den kommenden zweieinhalb Wochen bis zur kurzen Weihnachtspause dringendst. Auch ein Thorgan Hazard, der in Frankfurt unverständlicherweise nicht eingewechselt wurde, hatte zuletzt eine aufsteigende Tendenz erkennen lassen – allerdings ohne die hohe Ausbeute an Scorerpunkten aus seiner Dortmunder Debütsaison.

Haaland fehlt in der BVB-Sturmspitze und an allen Ecken und Enden

Es werden knifflige Entscheidungen zu treffen sein im Dortmunder Trainerteam in den kommenden Tagen. Form, Belastbarkeit, Position – wer auch immer den Zuschlag bekommt, das große Loch, das Torjäger Erling Haaland hinterlässt, wird keiner stopfen können. Bester Torschütze hinter dem 17 Mal erfolgreichen Norweger (plus drei Vorlagen) sind mit weitem, weitem Abstand Reyna (3 Tore/6 Vorlagen), Sancho (3/5), Hazard (3/3) und Raphael Guerreiro (2/4). Bislang brachte diese Unausgewogenheit kaum Probleme mit sich, das BVB-Spiel war in erster Linie auf Haaland zugeschnitten. Doch der fehlt. In der Sturmspitze und an allen Ecken und Enden.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers
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