Tailliert geschnittene Frauentrikots auf der einen Seite, noch immer sexistische Sprüche auf der anderen. Auch in Dortmund muss sich noch einiges tun in Richtung weiblicher Fans.

Dortmund

, 30.01.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Frauen als BVB-Fans im Stadion - noch immer eine Minderheit. Ramona Steding ist eine von ihnen, sie begleitet den BVB treu zu jedem Spiel. Steding weiß: In den letzten Jahren hat sich viel verändert. „Seit der Männer-WM 2006 und den Erfolgen der Frauennationalmannschaft ist der Anteil der weiblichen Fans in den Stadien gestiegen. Heute besagen Studien, dass im Durchschnitt 25 Prozent der Stadionbesucher weiblich sind“, erzählt Steding.

Eine Entwicklung, die auch im Signal Iduna Park in Dortmund auffalle: „Dort, wo Frauen als Fans aktiv sind, kommen immer mehr dazu. Das merkt man unter anderem in der BVB-Fanabteilung und im Fanrat sehr deutlich, aber auch bei dem Fanzine schwatzgelb.de, wo ich mich engagiere.“ Zudem wachse bei den Frauen der Wunsch nach Vernetzung. „Wir haben deshalb einfach mal einen Frauenstammtisch ins Leben gerufen und waren überrascht, wie gut die Resonanz von anderen Frauen darauf war. Viele sagten: ‚Sowas wollten wir schon immer mal machen‘ und ‚Endlich macht’s mal wer‘. Das hat uns sehr gefreut“, sagt Steding.

Mehr als nur rosa BVB-Trikots für Frauen

Ein extra BVB-Fanpaket „Borussin“ mit Kappe, Schal und Handschuhen für 24,95 Euro, eine Tasse mit der Aufschrift „Für die beste Mama“ für 9,95 Euro und ein Haar-Set für Mädchen mit Haargummi, Spangen und Haarreif für 5,95 Euro. Was Fanartikel für Frauen betrifft, hat sich der BVB einiges überlegt. „Das hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt“, sagt Silke Ebmeier aus der Pressestelle des BVB. „Mittlerweile gibt es eine extra Kollektion nur für Damen, mit Pailletten und taillierterem Schnitt.“ Vom Damentrikot über Jacke, Pulli, Schal und Socken bis hin zu Handytaschen, Geldbörsen, Shampoo, Bürsten, Ketten und Armbändern ist alles dabei.

Über die große Auswahl für weibliche Fans freut sich Ramona Steding. Insbesondere, da diese nicht mehr nur rosa und glitzernd sind: „Ich kann mich noch erinnern, dass es eine Zeit lang für Frauen extra Fanartikel in hellblau und rosa zu kaufen gab, statt in Vereinsfarben wie für die männlichen Fans. Das implizierte damals, dass Frauen gar nicht so sehr am Fußball und an ihrem Verein interessiert wären, sodass sie nicht unbedingt etwas in Vereinsfarben bräuchten.“ Diese Zeiten sind vorbei. „Es gibt zwar immer noch Glitzersachen für Frauen, aber auch ein großes Repertoire an schwarzgelber Fankleidung.“

Das sieht Meike Wenzel genauso. Wenzel reist schon seit über 20 Jahren aus ihrer 150 Kilometer entfernten Heimat Bünde nach Dortmund ins Stadion und ist auch bei Auswärtsspielen regelmäßig dabei. „Ich finde, man trägt Vereinsfarben. Mit pinken Trikots, geschmückt mit Pailletten, kann ich nichts anfangen.“

Kampf gegen sexistische Beleidigungen

Dringenden Handlungsbedarf gibt es dafür in einem ganz anderen Bereich - auch in Dortmund. Plakate mit der Aufschrift „Titten raus - Wir sind Sexisten“. Plumpe Aufforderungen von Männern an die Frauen: „Erklärt doch mal Abseits!“ Vergewaltigungsandrohungen und tatsächliche Übergriffe. „Die blöden Sprüche, sexistische Belästigungen oder Herabwürdigungen gibt es leider nach wie vor“, weiß Steding. „Es gibt kaum eine Frau, die über Jahre regelmäßig zum Fußball geht und nicht schon diskriminierendes oder übergriffiges Verhalten von Männern erlebt hat. Das ist schon erschreckend und eben auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.“

Darum ist der BVB noch nicht weiblich genug aufgestellt

Ramona Steding ist froh, dass sich die weibliche Fanszene auch in Dortmund in den letzten Jahren positiv entwickelt hat. Dennoch gibt es ihrer Meinung nach weiteren Handlungsbedarf. © Ramona Steding

Aber: Das Bewusstsein für unangemessenes Verhalten wächst: „Ich erlebe zunehmend positive Ansätze. Je nachdem, in welchem Umfeld man sich bewegt, werden Sexismus und Diskriminierung nicht mehr überall einfach akzeptiert. Es gibt auch in Fußballstadien immer mehr Männer, die sich dann einmischen und aktiv dafür eintreten, dass das nicht die Art des gemeinsamen Miteinanders unter Fans ist.“ Davon erhofft Steding sich noch mehr, denn: „Es signalisiert den Frauen im Stadion Rückendeckung. Manchmal nehmen Frauen es einfach hin, weil sie keine unangenehme oder kritische Situation für sich selbst riskieren wollen.“

Der BVB hat in den letzten Jahren viel Antidiskriminierungsarbeit geleistet. Beim Thema Sexismus gebe es aber weiterhin großen Handlungsbedarf, meint Steding und verweist auf eine Aktion von Fortuna Düsseldorf: „Fortuna Düsseldorf hat gerade mit seinen weiblichen Fans in einer Awareness AG ein gutes Konzept an den Start gebracht, um Frauen in schwierigen Situationen, in denen sie sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt beim Fußball erfahren, Hilfestellung geben zu können. Ähnliche Prozesse wünsche ich mir auch für meinen Verein.“

Männerdomäne bietet wenige Jobs für Frauen

Im Trainerteam der Profis geht der BVB - zumindest was die öffentlich einsehbaren Zahlen angeht - noch mit wenigen Frauen ins Rennen:

Athletiktrainerin Anke Steffen und Physiotherapeutin Swantje Thomßen vertreten die weibliche Seite im Profiteam. Doch: Der BVB ist hier keine Ausnahme. Duygu Erdogan ist Co-Trainerin beim Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen. Und damit eine von ganz wenigen Frauen in einem Fußballverein in den ersten vier Ligen in Deutschland. Ebenso Kathleen Krüger. Sie ist die Teammanagerin beim FC Bayern München.

Auch reine Frauen-Fanklubs sind noch die Ausnahme. So gibt es in Dortmund die „BVB-Schicksen“. Der Klub wurde am 19.09.2011 um 19.09 Uhr im „Anno 1900“ gegründet und besteht aus 30 „Schicksen“, die sich regelmäßig treffen und sich alle untereinander kennen.

BVB bemüht sich, mehr für die weiblichen Fans zu tun

Der BVB versucht, dem Anstieg an weiblichen Fans im Stadion gerecht zu werden, weiß Steding: „Es wurden zusätzliche Frauentoiletten geschaffen und auch beim Einlass hat sich viel verändert, um die gestiegene Anzahl weiblicher Besucher gut ins Stadion zu bekommen.“

Meike Wenzel hat ihren Stammplatz auf der Südtribüne und dort noch nicht bemerkt, dass die Toiletten mehr geworden wären: „Natürlich ist die Toiletten-Situation in den Stadien schlechter bei Frauen. Egal wo du bist, Frauen müssen immer anstehen. Ich kann nicht sagen, dass sich das in den letzten Jahren groß verbessert oder verschlechtert hat.“

„Ich kann nicht sagen, dass sich das in den letzten Jahren groß verbessert oder verschlechtert hat.“
Meike Wenzel

Insgesamt sind beim BVB für Ticket- und Taschenkontrollen nach Recherche von RP Online rund 230 Mitarbeiter im Einsatz, ein Viertel davon sind Frauen. Sie kontrollieren die weiblichen Fans - teilweise an gesonderten Eingängen, wie Steding weiß: „Seit dieser Saison gibt es separate Fraueneingänge an der Nordtribüne, die allerdings noch Verbesserungsbedarf haben, weil es zu wenig weibliche Ordner gibt und sich nun dort lange Warteschlangen bilden. Außerdem kann man nun nicht mehr zusammen mit seinen männlichen Freunden ins Stadion gehen, sondern muss als Frau diesen Sondereingang benutzen.“ Eine Entwicklung, der Steding nicht nur Gutes abgewinnen kann: „Das kann man durchaus hinterfragen, warum man Frauen an dieser Stelle ‚besondern‘ muss, wenn Frauen als Fans im Fußball eigentlich nichts Besonderes, sondern eine Selbstverständlichkeit und männlichen Fans gleichgestellt sind.“

Frauen und Männer in der BVB-Fanbetreuung

Eine andere Entwicklung hingegen erfreut Steding besonders: „Am besten finde ich die Entscheidung des Vereins, die Fanbetreuung sowohl mit Männern als auch Frauen zu besetzen. So haben Frauen bei Heim- und bei Auswärtsspielen immer auch eine weibliche Ansprechpartnerin. Und es schafft ganz generell ein anderes Bewusstsein für die Bedürfnisse der weiblichen Fans und lässt eine weibliche Sichtweise mit einfließen.“

Dass sich die gesamte weibliche Fan-Szene - auch beim BVB - in Zukunft noch weiter entwickeln wird, „davon bin ich überzeugt“, sagt Steding und lächelt.

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