Der BVB ist hineingeschliddert in diese erste Krise. Das leichtfüßige Spektakel voller Wow-Effekte, es ist verflogen. Schon länger steckt Christian Pulisic im Tief. Ein Erklärungsversuch.

London/Dortmund

, 15.02.2019, 17:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Spätestens das 0:3 gegen Tottenham legte am Mittwochabend schonungslos offen, dass der BVB im neuen Jahr seine Linie verloren hat. Dass er nun sogar seine großen Ziele zu verspielen droht.

Mittendrin in der momentanen Tristesse: Christian Pulisic. Es scheint, als habe der in den USA zu Captain America hochstilisierte Flügelstürmer seine Superkräfte verloren. Pulisic ist zumindest gerade nicht der Spieler, der seiner Borussia aus dieser prekären Lage heraushelfen kann. Pulisic muss sich erst einmal selbst helfen. Es wird höchste Zeit.

Christian Pulisic kann dem BVB derzeit nicht helfen - Erwartungshaltung hinterlässt Spuren

Ein Sorgenkind des BVB: Christian Pulisic bewegt sich weiterhin meilenweit von seiner Bestform. © imago

Nur wie? Denn schon zum Ende der vergangenen Saison zeigte der fußballerisch hochbegabte 20-Jährige seine Qualitäten, die ihn schnell zum europaweit begehrten Transferobjekt gemacht hatten, nur noch selten. Mit drei schwachen Auftritten ließ er die Spielzeit unbefriedigend ausklingen. Was zu dem Zeitpunkt noch als normale Formschwankung eines jungen Profis durchging, ist längst zum größeren Problem gewachsen. Denn auch in dieser Saison kommt Pulisic nicht richtig in Fahrt.

Pulisic hat seinen Stammplatz beim BVB verloren

Seinen Stammplatz auf der Außenbahn hat er verloren, er darf meist nur noch zu Kurzauftritten aufs Feld. Ein Saisontor steht in 530 Minuten Bundesliga auf seinem Kontoauszug. Nur sieben Torschüsse wagte der US-Nationalspieler, nur 37 Prozent seiner Zweikämpfe gewann er. Erschreckende Werte für einen Topspieler, der in der Rückrunde dieser Saison endlich wieder kräftig aufdrehen wollte. Doch auch am Mittwochabend in Wembley, auf der großen europäischen Bühne in seiner künftigen Heimat London, gelang ihm fast nichts.

Pulisics Beine wirken gelähmt, sein Kopf wirkt blockiert. Die Unbekümmertheit ist futsch, die Bestform meilenweit weg. In der Bundesliga kommt er derzeit nur von der Ersatzbank.

„Er bekommt von uns zwar jegliche Unterstützung, aber auf dem Platz muss er für sich selbst dann Wege finden.“
Sebastian Kehl über Christian Pulisic

Auch die Verantwortlichen des BVB registrieren diesen alarmierenden Zustand. „Er muss sich da rausarbeiten, das ist eine Herausforderung für ihn. Er bekommt von uns zwar jegliche Unterstützung, aber auf dem Platz muss er für sich selbst dann Wege finden – und dort ist er gerade nicht an seinem Leistungslimit“, sagte Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspieler, nach dem 0:3 in Wembley.

Pulisics kometenhafte Karriere hat ihren ersten Knick

Pulisic hatte sich im Winter so viel vorgenommen. Als sein Sommerwechsel zum FC Chelsea am 2. Januar verkündet wurde, für satte 64 Millionen Euro Ablöse, da sollte diese frühe Klarheit über seine sportliche Zukunft befreiende Kraft entwickeln. „Bitte zweifelt nicht an meiner Leidenschaft und Hingabe. Wir alle fühlen, dass dieses Jahr ‚unser Jahr‘ werden könnte“, schrieb Pulisic an die BVB-Fans, als sein Abschied offiziell angekündigt worden war. Und Pulisic versprach: „Mein Kopf ist jetzt definitiv ein bisschen klarer.“

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Sechs Wochen nach diesen Aussagen ist allerdings nur eines klarer geworden: Pulisics kometenhafte Karriere hat ihren ersten derben Knick. Der Mut im Dribbling fehlt, die Dynamik auch. Und er trifft zu häufig die falsche Entscheidung, wenn es darum geht, selbst den Torabschluss zu suchen oder einem Mitspieler den finalen Ball aufzulegen. „Er ist ein sehr junger Spieler und lernt gerade, mit diesen Dingen umzugehen“, erklärte Sebastian Kehl, und: „Die letzten Wochen sind nicht so leicht an ihm vorübergegangen.“ Oder anders formuliert: Pulisic grübelt offenbar zu viel über seine persönliche Schaffenskrise, die gewachsene Erwartungshaltung hinterlässt Spuren.

Eine Erwartungshaltung, die Pulisic auch selbst befeuert hat. Denn in seinem Schreiben an die BVB-Fans im Januar hatte er betont, nicht in Dortmund zu sein, „nur um meine Zeit zu Ende zu bringen. Ich will auch Leistung bringen.“

Es klang mutig, nach einem Versprechen. Momentan wirkt es jedoch so, als habe Christian Pulisic einfach große Angst, Fehler zu machen. Es ist eine Angst, die Pulisics Spiel vergiftet – und es damit als Hilfe für die kriselnde Borussia untauglich macht.

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