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Borussia Dortmund

BVB-Youngster Reyna könnte im Saison-Endspurt zum „X-Faktor“ werden

Vier Monate war er leistungsmäßig abgetaucht, gegen Werder Bremen meldete sich Gio Reyna eindrucksvoll zurück. Für Borussia Dortmund könnte der Amerikaner im Endspurt zum „X-Faktor“ werden.

Die Freude schrie er in den Dortmunder Himmel hinaus, Gio Reyna ballte auch noch die Faust, bevor ihn die Mitspieler erreichten und fast erdrückten, weil der Treffer des jungen Amerikaners nicht nur wunderschön, sondern auch eminent wichtig gewesen war für Borussia Dortmund. Ehe der 0:1-Rückstand im Heimspiel gegen Kellerkind Bremen seine Wirkung so richtig entfalten konnte, hatte Reynas Tor das Spiel wieder in die richtigen Bahnen gelenkt. Es war eine Befreiung für den BVB, ganz besonders aber für den 18-jährigen Reyna selbst. Der war in den vergangenen Wochen und fast schon Monaten durch ein richtig tiefes Tal gegangen.

Reyna spielt beim BVB die erste komplette Profi-Saison

Formschwankungen bei jungen Spielern müsse man immer einkalkulieren, hat Edin Terzic vor dem Spiel gegen Werder noch einmal explizit betont. Er bezog sich dabei auf eine Frage zu Erling Haaland, dessen kurze Torflaute so überraschend kam wie unlängst im Februar der eine Meter Neuschnee. Haaland ist 20, Reyna erst 18 Jahre alt, was für den Norweger gilt, darf der Amerikaner also erst recht für sich beanspruchen.

Auch bei Reyna kam die Formdelle (die Haaland eigentlich ja gar nicht hatte) überraschend. Er war mit viel Elan in diese Saison gestartet, seine erste komplette bei den Profis. Reyna ist selbstbewusst genug, das hat er sich auf dem weiten Weg von den asphaltierten Bolzplätzen im Großstadtdschungel über den großen Teich bis hin zu Borussia Dortmund angeeignet. Gepaart mit großer fußballerischer Intelligenz und einer Zielstrebigkeit, die sich Trainer auch von deutschen Talenten manchmal wünschen würden, ergab das einen Spielertyp, der der Borussia sofort guttat und ihrem Spiel eine wohltuende Frische verlieh.

BVB-Youngster Reyna leidet unter der Corona-Pandemie

Reynas erstes Saisondrittel war phänomenal, mit vier Treffern und sechs Assists in seinen ersten 18 Pflichtspielen avancierte er aus dem Stand zur festen Stammkraft. Der Knick kam im Winter, und er hatte wohl weniger mit müden Beinen, als mit den persönlichen Lebensumständen zu tun. Als sich die Coronakrise wieder verschärfte, litt Reyna auch darunter, im Gegensatz zum Beispiel zu einem Jude Bellingham, dessen Mutter mit ihm im Haus lebt, komplett auf sich allein gestellt zu sein.

Reyna war es zwar gewohnt, auf eigenen Füßen zu stehen. Die fehlenden Möglichkeiten, mal unter Leute zu gehen und sich mit anderen zu treffen, stattdessen lange Tage allein in den eigenen vier Wänden zu verbringen und immer den gleichen Rhythmus aus Wohnung, Fahrt zum Trainingsgelände und wieder zurück in die Wohnung zu haben, das zehrte an der mentalen Kraft und Stabilität des Teenagers. Der Kontakt zu den Eltern und dem Bruder, die mehrere tausend Kilometer entfernt leben, beschränkte sich zunehmend auf Video-Telefonate, das persönliche Treffen kann das nicht ersetzen. Das ließ Reyna auch in einer Folge der DAZN-Doku über den BVB durchblicken.

Reyna hat sehr hart im BVB-Training gearbeitet

Genau das sei Reyna noch, ein Teenager, rief Terzic nach dem 4:1 in Erinnerung. „Da sind solche Phasen normal.“ Viele Gespräche habe man mit ihm geführt, der BVB gab ihm auch die notwendige Zeit, sich zu sammeln und neu zu fokussieren. Terzic: „Wir haben ihm Vertrauen geschenkt, wir haben ihm aber auch klar aufgezeigt, was wir sehen wollen und wie der Weg dahin verlaufen kann.“

Gegen Bremen sahen das auch alle Zuschauer und Fans an den Fernsehschirmen und dürften sich wie die Mitspieler gefreut haben über den neuen Schwung, mit dem Gio Reyna auf dem Platz wirbelte, als habe es das mehrmonatige Dauertief nicht gegeben. Er habe sehr hart im Training gearbeitet, bescheinigte ihm sein Trainer. Schon beim 3:2 in Stuttgart, als ihn Terzic etwas überraschend in die Startelf beorderte, war sein Aufwärtstrend erkennbar, nicht nur wegen der Vorarbeit zu Jude Bellinghams 1:1-Ausgleichstreffer.

Gegen Bremen macht Reyna sein bestes BVB-Spiel seit Monaten

Am Sonntag gegen Bremen startete er dann voll durch. Mutig solle er sein, gab Terzic seinem Schützling mit auf den Weg, „wir wollten, dass er viele Eins-gegen-Eins-Duelle sucht und damit Lücken reißt.“ Reyna setzte die Vorgaben perfekt um. In dem Schuss zum 1:1 steckte wohl auch jede Menge Wut, er bereitete noch Haalands 3:1 vor. Und eine identische Vorarbeit für Jude Bellingham hätte beinahe einen vierten Treffer gebracht. Es war Gio Reynas bestes Spiel seit Monaten.

Für den BVB ist das eine wichtige Nachricht. Zahlenmäßig konnte Terzic in den vergangenen Wochen durchaus rotieren im offensiven Bereich, neben Reyna liefen aber auch Julian Brandt und Thorgan Hazard ihrer Form über Wochen hinterher. Reyna ist nun klar im Aufwärtstrend und könnte damit zum „x-Faktor“ werden, Brandt sendete zumindest winzig kleine Lebenszeichen. Und spätestens am Samstag in Wolfsburg dürfte auch Jadon Sancho in den Kader zurückkehren. Mehr echte Alternativen für Terzic – im Endspurt um das Ziel Champions-League-Qualifikation ein nicht zu unterschätzender Faktor.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe
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