Die BVB-Hopp-Chronik: Wie konnte diese Fehde so eskalieren?

Borussia Dortmund

Die Fehde zwischen den Fanszenen und Dietmar Hopp spitzt sich zu. Doch wie konnte das passieren? Was hat diese Auseinandersetzung so eskalieren lassen? Eine Chronologie.

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, 02.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 7 min
Ein dauerhaftes Bild bei den Spielen zwischen Borussia Dortmund und der TSG Hoffenheim: Dietmar Hopps Konterfei im Fadenkreuz.

Ein dauerhaftes Bild bei den Spielen zwischen Borussia Dortmund und der TSG Hoffenheim: Dietmar Hopps Konterfei im Fadenkreuz. © picture alliance / dpa

  • 2008 wird Dietmar Hopp von BVB-Fans angegriffen: „Hasta la Vista, Hopp!“
  • Ein schriller Pfeifton übertönt 2011 Schmähgesänge des BVB-Anhangs
  • DFB-Präsident Reinhard Grindel schafft 2017 die Kollektivstrafen ab
  • Der Konflikt spitzt sich im Februar 2020 zu, mehrere Spiele werden wegen Hopp-Beleidigungen unterbrochen, stehen kurz vor dem Abbruch

Der Weg der TSG 1899 Hofffenheim: Zu Beginn der 1990er-Jahre entschloss sich Dietmar Hopp dazu seinen Heimatverein finanziell zu unterstützen. Für die TSG Hoffenheim spielte Hopp schon in seiner Jugend. Innerhalb von zehn Jahren ging es von der Kreisliga bis in die Regionalliga, der damaligen 3. Liga, wo die TSG sich innerhalb von vier Spielzeiten etablierte.

Im Jahr 2005 erhöhte Dietmar Hopp seine Investitionen in den Verein, verpflichtete ein Jahr später Bundesliga-Trainer Ralf Rangnick. Der Aufstieg in die 2. Liga glückte 2007, der Durchmarsch in die Bundesliga eine Spielzeit danach. Mit dem schnellen Weg in die Spitzenklasse des deutschen Fußballs und den hohen Transferinvestitionen des Klubs wurde die Kritik am Verein und dem Konstrukt TSG 1899 Hoffenheim auch deutlicher. Eine Chronologie, was sich seitdem getan hat:

Ärger rund um Dietmar Hopp: Mit Christian Heidel fing alles an

September 2007: Christian Heidel, damals Manager des FSV Mainz 05, sagt über Hoffenheim: „Schade, dass so eine Mannschaft einen der 36 Plätze im Profi-Fussball weg nimmt.“ Dietmar Hopp reagiert darauf: „Wir würden uns wünschen, dass man Diskriminierung, wie sie Herr Heidel betreibt, mit Konsequenz verfolgt. Denn diese infame Diffamierung unseres Clubs, die wohl bewusst den Hass auf Hoffenheim schüren soll, ist auch geeignet, Gewalt gegen uns auszulösen.“

Dies schrieb Hopp an den FSV-Präsidenten Harald Strutz, den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, den Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), Christian Seifert, und den Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff.

Heidel reagiert verwundert: „Ich bin von der Dynamik überrascht. Ich kann nicht eine Zeile finden, mit der ich diskriminiere oder zur Gewalt aufrufe. Ich habe nur das Modell Hoffenheim kritisch hinterfragt, das muss in einer freien Gesellschaft möglich sein.“

Dietmar Hopp wird von BVB-Fans angegriffen: „Hasta la Vista, Hopp!“

21. September 2008: Borussia Dortmund trifft erstmals in der Bundesliga auf die TSG Hoffenheim. Ein Fadenkreuz-Plakat mit dem Konterfei von Dietmar Hopp und dem Titel „Hasta la Vista, Hopp!“ ist zu sehen.

Dortmund-Fans halten erstmals ein Plakat mit dem Porträt des Hoffenheim-Sponsors Dietmar Hopp und einem Fadenkreuz sowie der Aufschrift "Hasta La Vista Hopp!" in die Höhe.

Dortmund-Fans halten erstmals ein Plakat mit dem Porträt des Hoffenheim-Sponsors Dietmar Hopp und einem Fadenkreuz sowie der Aufschrift "Hasta La Vista Hopp!" in die Höhe. © picture-alliance/ dpa

Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Nach einer persönlichen Entschuldigung des 19-jährigen Beschuldigten per Brief wird das Verfahren eingestellt. Dortmund verliert mit 1:4 im Kraichgau.

BVB-Boss Watzke attackiert Dietmar Hopp aufgrund der 50+1-Regel

Februar 2009: BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt in einem Interview zur Aufrechterhaltung der 50+1-Regel: „Hier können weder ein Herr Hopp, ein Herr Abramowitsch noch irgendein Scheich kommen und sagen: Ab jetzt machen wir hier alle das, was ich will.“

Außerdem fordert Watzke, dass sehr genau geprüft werden müsse, ob das Engagement von Hopp diese Regelung „nicht doch aushöhlt“.

BVB veröffentlicht offenen Brief, Hopp soll nicht beschimpft werden

25. November 2009: Hans-Joachim Watzke teilt auf der Aktionärs-Versammlung der Borussia gegen Hoffenheim aus. „Wir können eben nicht sagen, lieber Hopp, lass‘ es Geld regnen!“ Watzke fordert eine gerechtere Verteilung der Fernseheinnahmen, kritisiert Hoffenheim für die finanziellen Ausgaben.

Am selben Tag veröffentlichtet der BVB einen offenen Brief von Watzke, indem er den schwarzgelben Anhang dazu auffordert, Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp nicht zu beschimpfen und zu diffamieren. „Herr Watzke sollte sich mal fragen, warum er im Vorfeld nicht mäßigend eingeschritten ist. Seinen Brief konnte man nicht ernst nehmen. Das war scheinheilig“, sagt Hopp zum Brief von Watzke.

Dieser reagiert: „Mein Brief war nicht scheinheilig, sondern ehrlich gemeint. Meine Kritik hat nichts mit dem Fan-Verhalten zu tun, dafür kann ich nichts.“

Dortmunder Schmähgesänge in Hoffenheim – ein schriller Pfeifton ertönt

13. August 2011: Ein schriller Pfeifton übertönt die Dortmunder Schmähgesänge im Gästeblock gegen Dietmar Hopp am 2. Spieltag der Bundesliga-Saison. Borussia Dortmund verliert mit 0:1. Der Pfeifton wurde mit einer Lautstärke von knapp 130 Dezibel gemessen, es gingen gleich elf Anzeigen von Dortmunder Anhängern bei der Heidelberger Polizei ein.

Hoffenheim distanziert sich von der Tat, es soll sich um die Machenschaft eines Hausmeisters handeln, der das Lautstärke-Instrument im Block anbrachte. Hopp sagt zu der Aktion: „Wer mich 90 Minuten lang permanent beleidigt, sollte nicht so empfindlich reagieren.“

schwatzgelb.de lädt Dietmar Hopp nach Dortmund ein

19. August 2011: Das BVB-Fanzine schwatzgelb.de richtet sich in einem offenen Brief an Dietmar Hopp und lädt den Hoffenheimer Mäzen nach Dortmund zu Gesprächen ein. 2012 soll es ein Treffen zwischen Hopp und „schwatzgelb“ gegeben haben. Laut „schwatzgelb“ soll in diesem Treffen erklärt worden sein, worin die Probleme in seinem Engagement liegen.

Hopp äußerte sich zu den Treffen am Montag auf der vereinseigenen Homepage: „Ich hatte im Jahr 2010 schon mal ein solches Gespräch, bei dem rein gar nichts herauskam, weil die Herren ihre vorgefertigte Meinung vertraten und sich nicht einen Millimeter bewegen wollten. Dann hatte ich mein letztes Gespräch mit ‚Schwatzgelb‘ aus Dortmund. Da hatte ich das Gefühl, dass die Damen und Herren uns verstanden haben. Wir waren sogar noch gemeinsam bei einem TSG-Sportfest im Dietmar-Hopp-Stadion in Hoffenheim. Aber geholfen hat das gar nicht - die Beleidigungen nahmen eher noch zu. Deshalb ist das für mich keine Option mehr. Ich sehe keinen Sinn darin, mich mit Menschen auseinanderzusetzen, denen ich noch nie etwas getan habe, die mich seit Jahren grundlos massiv beleidigen und gar keinen Konsens wollen.“

2013: Im Jahr 2013 schreibt Hopp einen offenen Brief an die BVB-Ultras. „Die Schmähungen schmerzen nicht mehr, sie enttäuschen nur noch. Ich habe solche Demütigungen zu verarbeiten gelernt. Die Rufe gegen meine Familie nehme ich aber übel.“

DFB-Präsident Grindel setzt Kollektivstrafen aus

16. August 2017: Am 16. August 2017 lässt sich der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel mit einem Wortlaut zitieren, der eine Trendwende im Dauerstreit zwischen Fanszene und Verband bedeuten sollte. Man empfehle dem Kontrollausschuss, „bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist“.

Konkret: Keine Blocksperren, Teilausschlüsse oder Geisterspiele. Grindel hatte dadurch mehr oder weniger das Ende der Kollektivstrafe in Deutschland verkündet. Zuvor waren komplette Klubs für Vergehen von Einzelnen oder kleinen Gruppen kollektiv bestraft worden.

BVB-Fans landen vor Gericht wegen Hopp-Beleidigung

September 2018: Die Polizei Heidelberg gibt bekannt, dass aufgrund von Vorkommnissen beim Spiel zwischen Hoffenheim und Dortmund im Mai 2018 gegen 30 BVB-Fans wegen Beleidigung ermittelt wird. Fünf BVB-Fans landen vor dem Amtsgericht Sinsheim.

Dietmar Hopp ist als Zeuge geladen, ist aber nicht vor Gericht erschienen. Die Behörden konnten keine Anschrift von Hopp ermitteln, auch nicht mithilfe von Hopps Anwaltskanzlei. Dort wies man Beamte darauf hin, dass die Privatanschrift keinesfalls in irgendwelchen Akten auftauchen solle.

Gegen zwei der fünf Angeklagten vor dem Amtsgericht Sinsheim wurde das Verfahren eingestellt, nachdem sie sich entschuldigt hatten. Sie bekamen Geldstrafen in Höhe von 400 bzw. 600 Euro. Die anderen drei Männer verurteilte das Gericht zu 70 Tagessätzen Geldstrafe. Drei der Fans gehen gegen das Urteil in Berufung vor dem Landgericht Heidelberg. Rund 60 Anzeigen erstattete Hopp in den vergangenen Jahren wegen Beleidigung gegen Fußball-Fans.

Unter anderem gegen Anhänger von Borussia Dortmund, dem 1. FC Köln und Hertha BSC Berlin. Alle Fans, die eine Anzeige erhalten haben, bekamen auch ein Hausverbot für Spiele in Sinsheim auferlegt.

Dietmar Hopp erneut im Fadenkreuz der BVB-Fans

22. September 2018: Fast genau zehn Jahre nach dem ersten Fadenkreuz-Plakat, gibt es ein riesiges Banner im Gästeblock der BVB-Fans. Das Motiv: Dietmar Hopp im Fadenkreuz. Darüber prangern die BVB-Fans an: „Strafverfahren & Hausverbote wegen beleidigenden Gesängen? Was soll die Scheiße, du Hurensohn?“ Im Anschluss entschuldigen sich die BVB-Funktionäre für das Verhalten der Anhänge, Hoffenheim möchte härtere Strafen.

Einen Tag nach dem Spiel veröffentlicht die TSG einen offenen Brief, der Verein schreibt dort: „Denjenigen, die gestern mit unverhohlenem Hass und Hetze bis hin zu einem Mordaufruf nicht nur die Werte des Fußballs verraten, sondern eindeutig gegen Recht und Gesetz verstoßen, müssen wir entschieden entgegentreten. Vereine, Verbände, Verantwortliche, Spieler und Fans.“

Stadionverbot auf Bewährung gegen BVB-Fans in Hoffenheim

2. November 2018: Das DFB-Sportgericht verhängt ein Stadionverbot auf Bewährung gegen BVB-Fans in Hoffenheim und eine Geldstrafe von 50.000 Euro. Sollten sich die Anfeindungen gegen Dietmar Hopp wiederholen, tritt Borussia Dortmund bis 2022 ohne Gästefans in Hoffenheim an, erklärt das Sportgericht damals im Urteil.

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Zudem gibt es strikte Auflagen, Personenkontrollen und verschärfte Sicherheitsvorschriften für die Dortmund-Fans.

Der Sportgerichtsvorsitzende Hans Lorenz forderte schon damals, dass in solchen Fällen ein Spiel abgebrochen werden soll. „Man braucht den Mut zu unpopulären Entscheiden“, sagte er.

BVB-Fans erhalten Hausverbot in Hoffenheim

20. Dezember 2019: Wenige Tage vor dem Gastspiel des BVB in Hoffenheim erhalten 14 Borussen ein Hausverbot für das Spiel. Trotz Bewährung gibt es erneut Schmähgesänge und Anti-Hopp-Plakate der BVB-Fans im Gästeblock in Sinsheim.

Der BVB verliert mit 1:2. „@Hopp: Wir scheißen auf dich“, war auf einem Transparent im Block zu lesen. Außerdem: „Du Hurensohn!!!“, „Wir wünschen allen ein frohes Fest und dir dein letztes!“

BVB zwei Jahre ohne Fans bei Auswärtsspielen in Hoffenheim

21. Februar 2020: Borussia Dortmund muss für das Fehlverhalten seiner Fans bei den Auswärtsspielen bei der TSG Hoffenheim eine Strafe von 50.000 Euro zahlen und die nächsten zwei Jahre ohne eigene Fans in Hoffenheim antreten.

So urteilt das DFB-Sportgericht. Die Bewährung wird also bis einschließlich 2022 widerrufen. Das erste Spiel der dreijährigen Bewährungszeit hat dem DFB zufolge ja bereits stattgefunden.

Fans anderer Bundesligisten solidarisieren sich mit den BVB-Ultras

22. Februar: Beim Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim präsentieren Gladbacher Fans ein Fadenkreuz-Plakat mit dem Gesicht von Dietmar Hopp darauf.

Gladbachs Manager Max Eberl kündigt drastische Konsequenzen an: „Wir haben entschieden, dass wir den Platz verlassen werden, wenn so etwas noch einmal passiert. Wir sind gegen Rassismus und Ausgrenzung und dann müssen 50 Hornochsen so ein Plakat hochhalten. Dafür schäme ich mich.“

Eberl zieht einen Vergleich mit dem rassistischen Anschlag in Hanau, bei dem wenige Tage zuvor insgesamt zehn Menschen ermordet wurden: „Wenn wir das sehen und den Vorfall in Hanau – wissen wir, dass in unserer Gesellschaft etwas nicht stimmt. Hass hat aber nichts, auch gar nichts im Stadion zu suchen.“

Der Streit eskaliert – Wut der BVB-Fans richtet sich gegen den DFB

29. Februar 2020: Borussia Dortmund empfängt den SC Freiburg. Hauptthema aber weiterhin: Dietmar Hopp. Nach fünf Minuten im zweiten Durchgang gibt es Schmähgesänge gegen Hopp, der Stadionsprecher bittet darum, damit aufzuhören. Die Reaktion fällt heftig aus. Es werden mehrere Plakate auf der Südtribüne präsentiert, vor allem mit viel Kritik am DFB.

Auf einem Plakat steht: „Wer die Toten von Hanau missbraucht, um die Fankurven mundtot zu machen, der beweist mehr Anstandslosigkeit als jedes Fadenkreuz!“ Außerdem ist ein Fadenkreuz-Plakat mit dem DFB-Logo darauf zu sehen.

In Hoffenheim präsentieren die Bayern-Ultras „Red Fanatics“ und „Schickeria“ beim Stand von 6:0 für die Münchener ein Banner: „Alles beim alten: Der DFB bricht sein Wort. Hopp bleibt ein Hurensohn!“ Schmähgesänge folgen. Trainer Hansi Flick, FCB-Spieler und Sportdirektor Hasan Salihamidzic rennen in Richtung Kurve, wollen die Fans zur Besinnung bringen. Das Spiel steht kurz vor dem Abbruch.

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Auch das Spiel zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg wird am nächsten Tag unterbrochen. Der Grund: Ein Plakat der Union-Fans mit Kritik am DFB: „2017 Kollektivstrafen abgeschafft, nun Hopp hofiert und zwei Schritte zurückgemacht! Fick dich DFB!“ Zudem gibt es ein weiteres Fadenkreuz-Hopp-Plakat und die „Hurensohn“-Beleidigung gegen den Mäzen.

Doch nicht nur Bundesliga-Partien sind von Spielunterbrechungen betroffen. Auch in der 3. Liga wird das Spiel zwischen SV Meppen und dem MSV Duisburg wegen eines Banners unterbrochen: „Hat der Dietmar genug Kohle, wird zu seinem Schutz und Wohle, von Leuten deren Wort nichts wert, mal wieder jemand ausgesperrt.“

Beleidigungen gegen Dietmar Hopp: Ermittlungen werden aufgenommen

1. März 2020: Der DFB-Kontrollausschuss hat nach den erneuten Beleidigungen gegen Dietmar Hopp angekündigt, Ermittlungen zu starten. Dabei soll es zunächst um die Fans des FC Bayern München gehen. Auch die Berliner Polizei kündigt Ermittlungen an wegen der Plakate beim Spiel zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg.

Hopp äußert sich via Sport1: „Wenn ich nur im Entferntesten wüsste, was diese Idioten von mir wollen, dann würde es mir alles leichter fallen das zu verstehen. Ich kann mir nicht erklären, warum die mich so anfeinden. Das erinnert an ganz dunkle Zeiten.“

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