BVB und Daniel Lörcher kämpfen gegen Diskriminierung: „Leute haben ein gehöriges Problem“

Das Interview

Daniel Lörcher engagiert sich im Namen von Borussia Dortmund gegen Antisemitismus. Im Interview berichtet er unter anderem über seine Erfahrungen beim World Holocaust Forum in Israel.

Dortmund

, 27.01.2020, 17:01 Uhr / Lesedauer: 4 min
BVB und Daniel Lörcher kämpfen gegen Diskriminierung: „Leute haben ein gehöriges Problem“

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke (l.) und Daniel Lörcher (Abteilungsleiter Corporate Responsibility) gedenken der Opfer des Holocaust in Monowitz. © BVB

Welche Eindrücke haben Sie beim World Holocaust Forum in Israel und speziell in der Gedenkstätte Yad Vashem gewonnen?

Mit Abstand am meisten beeindruckt haben mich die vielen Überlebenden des Holocaust, die vor Ort an der Veranstaltung mitgewirkt haben und die ich auch treffen durfte. Mehr noch als die wirklich bemerkenswerte Gedenkfeier oder die vielen Staatspräsidenten, die ich mal aus der Nähe sehen konnte. Mit Überlebenden oder deren Angehörigen ins Gespräch zu kommen, ganz persönliche Geschichten zu hören und sich über die Arbeit als Freunde von Yad Vashem auszutauschen, das sind unvergleichliche und unvergessliche Momente. Dafür bin ich ehrlich dankbar. Borussia Dortmund hat es als eine große Ehre empfunden, vier der insgesamt nur 780 Plätze bei der Gedenkfeier in Yad Vashem zugeteilt zu bekommen.


Der Festakt wirkte sehr feierlich und nachdenklich.

Es gab sehr viele spannende Aspekte in den Reden der ganz Großen aus der aktuellen Weltpolitik. Das ist sicher außergewöhnlich, welche Staatsoberhäupter da zusammengekommen sind. Die Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fand ich extrem stark. Was für alle gilt: Den Worten müssen auch weiter Taten folgen.


Wie wird es aufgefasst, dass in Borussia Dortmund ein Sportverein dort präsent ist?

Wir waren der einzige eingeladene Sportverein und sind sogar gesondert begrüßt worden. Bei den Kontakten vor Ort kam natürlich oft die Frage auf, wie ein Fußballklub dazu kommt, sich gegen Antisemitismus einzusetzen. Wir haben dann zum Beispiel von unseren Bildungsfahrten erzählt, die wir für Fans und Mitarbeiter organisieren, und wie wir aus dem gesellschaftlichen Problem, das wir erkannt haben, eine Haltung entwickelt haben. Jetzt möchten wir als Borussia Dortmund möglichst viele Leute erreichen, sie in ihrem Engagement bestärken oder dazu beitragen, dass sie eine klare Position entwickeln. Aus der anfänglichen Verwunderung, was ein Sportverein dort zu suchen hat, sind in Israel viele sehr gute Gespräche und Kontakte entstanden.


Wie lautet denn Ihre Antwort? Warum positioniert sich Borussia Dortmund so stark und nachhaltig gegen Antisemitismus und andere Formen von Diskriminierung?

Aktuell zeigen der Populismus und der Vormarsch rechter Ideologien, dass gerade wir in Deutschland immer wieder aufs Neue aus unserer Geschichte lernen müssen. Da gibt es auch kein Enddatum, an dem Geschichte nur noch Geschichte wäre. Für dieses Bewusstsein machen wir uns stark.

Warum ist ein Sportverein dazu geeignet?

Durch die gestiegene Bedeutung, die der Fußball in der Gesellschaft allgemein und speziell der BVB in der Stadt und der näheren Umgebung hat, kommt ihm eine besondere Rolle zu und damit die Aufgabe, sich gesellschaftlich zu engagieren und klare Positionen einzunehmen. Dazu gehört nicht nur die Anti-Diskriminierungsarbeit, sondern dazu zählt auch das vielfältige Engagement unserer Stiftung „leuchte auf“. Borussia Dortmund ist ein sozialer Verein.


Ein sozialer Sportverein mit hohem Wirkungsgrad?

Ja. Der Sport und vor allem Fußball gehören zu den wenigen Institutionen, die unabhängig von Generationen, von Bildung oder Religion oder sonstigen Auffassungen, viele Menschen unter einer Klammer zusammenbringen und für Austausch sorgen. Es gibt in unserer Zeit nicht nur besondere Herausforderungen, sondern auch besondere Möglichkeiten, die zum Beispiel der Fußball innehat. Den Herausforderungen stellen wir uns, die Möglichkeiten wollen wir nutzen.

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Es gibt unterschiedlichste BVB-Fans. Was gehört zu den Grundvoraussetzungen, um ein Teil der BVB-Familie zu sein?

Borussia Dortmund hat ein klares Werteverständnis, das sich in der Vereinssatzung wiederfindet. Gebündelt taucht es in dem Slogan „Borussia verbindet“ immer wieder auf. Der Fußball verbindet Menschen unterschiedlicher Meinungen, da müssen auch Debatten möglich sein. Wenn es aber um Antisemitismus, Rassismus oder Homophobie geht, gibt es eine klare Grenze. Diese Haltungen sind nicht akzeptabel und auch nicht verhandelbar.


Unter aktiven Fans galt lange: In unserem Block hat Politik nichts zu suchen.

Dieser alte Konsens, den auch rechte Strukturen beeinflusst haben, ist zum Glück längst aufgehoben. Eine klare Haltung gegen Rassismus oder Diskriminierung ist keine Frage von Parteipolitik.

Sie haben die Bildungsfahrten zu den KZ-Gedenkstätten mit initiiert, die Borussia Dortmund seit Jahren anbietet. Wie kam es dazu?

Die erste Initiative zu einer politisch-historischen Bildungsarbeit kam 2008 von den Fanbeauftragten Jens Volke und Sebastian Walleit, die im Rahmen eines Auswärtsspiels in München eine Tagesbildungsreise zur Gedenkstätte in Dachau angeboten haben. Ich habe als Teil der Fanszene daran teilgenommen und es entstand der Wunsch, dass wir uns auch den Komplex Auschwitz vornehmen. Aus Fördermitteln und bezuschusst vom BVB fand dann 2011 die erste Fahrt nach Auschwitz statt. Seit 2013 zählen der BVB, die Fanabteilung und das Fanprojekt zu den Kooperationspartnern und wir haben im vergangenen November die 19. mehrtägige Bildungsreise in Auschwitz durchgeführt, dazu kommen die vielen Projekte in Deutschland und der Region Lublin. Die Nachfrage ist riesengroß, viermal mehr Menschen möchten mitfahren als wir mitnehmen können, die nächsten Fahrten sind längst geplant. Mit Fans. Mit Mitarbeitern. Mit Netzwerkpartnern vor Ort. Das hat sich zu einem starken Programm entwickelt, zu einem Leuchtturm unserer Arbeit.


Der inzwischen kopiert wird.

Erfreulicherweise ja. Ich durfte schon dreimal für die Deutsche Fußballliga als Coach Fortbildungen für Fanbeauftrage von anderen Vereinen aus Deutschland und Europa in Auschwitz und Theresienstadt durchführen. Viele Klubs wenden unsere Konzepte, teilweise abgewandelt, für sich an.


Was zählt außer diesem Leuchtturm noch zur Anti-Diskriminierungsarbeit?

Die Kooperation mit der Mahnwache und Gedenkstätte Steinwache. Die Zusammenarbeit mit dem Bildungswerkt Stanislaw Hantz. Oder unsere eigenen Veranstaltungen im Borusseum oder zusammen mit der Stadt Dortmund und vieles mehr. Es geht uns nicht nur darum, einmal im Jahr nach Auschwitz zu fahren, sondern die Arbeit kontinuierlich auch vor Ort in Dortmund fortzusetzen. Nachhaltig und langfristig zu arbeiten, gehört zum Konzept. Daraus hat sich ein großes Netzwerk von engagierten BVB-Fans und Mitarbeitern entwickelt.


Dieses Engagement hat so sehr von sich reden gemacht, dass Borussia Dortmund am 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zu den geladenen Gästen zählt.

Wir stehen seit vielen Jahren in Kontakt mit der Gedenkstätte und informieren über unsere Aktionen. Aber als dann im Herbst die Einladung zur zentralen Gedenkfeier eintraf, hat uns das alle überrascht. Damit hatte keiner gerechnet. Das ist eine große Wertschätzung, über die ich mich sehr freue.


Auch von der Europäischen Fußballunion UEFA ist der BVB unter dem Stichwort #equalgame ausgezeichnet worden. Was bedeuten diese Ehrungen?

Auszeichnungen sind ja immer schön, aber ich will betonen: Wir machen unsere Arbeit in unserem Team nicht wegen der Auszeichnungen, sondern wegen der Inhalte. Wir wollen Wissen vermitteln und einen Rahmen schaffen, in dem sich Menschen politisch bilden, eine Meinung entwickeln und als Persönlichkeiten, egal ob jung oder alt, reifen können. Auszeichnungen und öffentliche Wertschätzung für unsere Arbeit können immer nur der zweite Schritt sein. Salopp gesagt: Wenn die Projekte nicht cool laufen, wäre das nichts wert.


Gibt es eigentlich ausschließlich positive Rückmeldungen auf Ihre Arbeit?

Von den Menschen, die wir mit unserer Arbeit direkt erreichen, gibt es ausschließlich positive Rückmeldungen. Es gibt auch diejenigen, die unsere Arbeit honorieren, aber selber zum Beispiel nicht nach Auschwitz reisen möchten. Das ist völlig legitim. Und dann gibt es vielleicht einige, die sich an unserer Haltung stören und uns blöde Sprüche drücken. Und bei denen freut es mich umso mehr, dass wir unsere Arbeit durchziehen, denn diese Leute haben ein gehöriges Problem.

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