BVB-U23-Coach Enrico Maaßen im Interview: Vom Spieler zum Cheftrainer

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Enrico Maaßen ist der neue Trainer der U23 des BVB. Im ersten Teil des Exklusiv-Interviews spricht er über die Gründe für seinen Wechsel – und seinen sportlichen Werdegang.

Dortmund

, 08.08.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

BVB-U23-Coach Enrico Maaßen wirkt selbstsicher und entspannt, als er zum Interviewtermin mit den Ruhr Nachrichten erscheint. Mehr als eine Stunde nimmt sich der 36-Jährige Zeit, spricht über seine Arbeitsweise, seine vorherigen Stationen und seine neue Aufgabe bei Borussia Dortmunds U23. Der Nachfolger von Mike Tullberg hat klare Vorstellungen. Im ersten Teil des Exklusiv-Interviews sprechen wir mit ihm über seinen sportlichen Werdegang, seine Entwicklung als Trainer und die Gründe für einen Wechsel zum BVB.

Herr Maaßen, zum ersten Mal arbeiten Sie als Trainer bei einem größeren Profiverein. Wie sind die ersten Eindrücke?

Bislang kann ich nur absolut Positives berichten (lächelt). Die Strukturen sind sehr professionell, wir haben ein tolles Umfeld. Und die Mannschaft macht einen sehr lernwilligen Eindruck.

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Borussia Dortmund war nicht der einzige Interessent. Was waren die schlagkräftigsten Argumente für einen Wechsel zu Schwarzgelb?

Borussia Dortmund hat natürlich eine riesengroße Strahlkraft. Außerdem waren die Gespräche mit Ingo Preuß (U23-Manager, d. Red.) und Lars Ricken (Nachwuchskoordinator, d. Red.) sehr gut. Schon nach dem ersten Telefonat hatte ich das Gefühl, dass es menschlich wie sportlich einfach passt.


Drei der letzten fünf BVB-U23-Cheftrainer sind nach England gewechselt und früher oder später in der Premier League gelandet.

Das habe ich natürlich auch mitbekommen (lacht). Dennoch entspricht es nicht meiner Art, jetzt schon über mögliche nächste Schritte nachzudenken. Ich bin immer gut damit gefahren, mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen kann. Ich bin sehr glücklich, dass ich hier bin - und hoffentlich meinen Teil dazu beitragen kann, dass wir unsere Ziele erreichen.

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Ihre Trainerlaufbahn begann 2014 bei Drochtersen/Assel. Kurz zuvor waren Sie noch selbst aktiv. Wie war der Spieler Enrico Maaßen?

Sehr variabel, denke ich. In der gesamten Jugend habe ich als offensiver Mittelfeldspieler gespielt, war danach Stürmer, Außenstürmer, Außenverteidiger oder Sechser. Technisch war ich zwar nicht der allerfeinste, aber sehr schnell und taktisch klug (lacht).


Ihr Körper hat allerdings nicht immer mitgemacht, sie waren häufiger verletzt.

Das stimmt leider. Als ich in Drochtersen als Spieler begann, habe ich mit dem dortigen Klubpräsidenten vereinbart, dass ich meine Trainerscheine angehen möchte, wenn es mit dem Fußballspielen mal nicht mehr klappen sollte. Als es in meinem letzten Jahr als Aktiver dann verletzungsbedingt tatsächlich nicht mehr ging, hat er mich gefragt – und ich habe zwei, drei Tage später mein Okay gegeben. Vorher hatte ich mich noch mit dem einen oder anderen älteren Spieler unterhalten. Die fanden die Idee gut, von mir trainiert zu werden. Sonst hätte ich es wohl nicht gemacht (lacht).


Was hat Sie am Trainerjob gereizt?

Schon zu meiner Spielerzeit beim SC Verl habe ich eine Jugendmannschaft trainiert. Dort habe ich meine ersten Erfahrungen gesammelt – und das hat mir sehr gut gefallen. Dass ich dann so schnell als Cheftrainer tätig wurde, hätte ich selbst nicht für möglich gehalten. Ich hatte Glück, dass in Drochtersen nach einer internen Lösung gesucht wurde. Dann musste ich diese Chance nutzen. Im ersten Jahr sind wir in die Regionalliga aufgestiegen, anschließend haben wir den 4. Platz in der Liga belegt. Außerdem haben wir den Verbandspokal gewonnen und sind erstmals in den DFB-Pokal eingezogen. Das war eine unvergessliche Zeit.


Sie haben damals zeitgleich im örtlichen Fitnessclub KörperZeit gearbeitet.

Das ist richtig, ich war dort leitender Angestellter.

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Sind bestimmte Erfahrungswerte, die Sie als Chef des Fitnessclubs sammelten, übertragbar auf den Posten an der Seitenlinie?

Auf jeden Fall. Es geht mir darum, eine gute Atmosphäre im Team zu schaffen. Ich denke, jeder Mitarbeiter oder Spieler bringt die beste Leistung, wenn er sich wohlfühlt und sich voll einbringen darf. Wenn du neue Leute in dein Team holst, solltest du wissen, wo deren Stärken liegen und versuchen, sie dementsprechend einzusetzen beziehungsweise partizipieren zu lassen. Das ist nicht nur im Fußball so.


Sind Führungskräfte immer auch ein Stück weit als Psychologen gefordert?

Absolut, wobei der Fußball sehr speziell ist. Wenn ein Stürmer drei Mal nicht das Tor trifft, kann man ihn zwar auch mal zusammenstauchen. Ob das allerdings zielführend für die kommenden Aufgaben ist, bezweifle ich stark. Generell braucht man neben der fachlichen Expertise ganz viel Fingerspitzengefühl auf der zwischenmenschlichen Ebene. Davon bin ich überzeugt.


Gehört es für Sie so gar nicht zum Trainerjob, auch mal offenkundig sauer zu sein?

Doch, durchaus. Es kann auf dem Platz oder auch in der Kabine richtig laut werden. Ich denke, dass gehört zum Fußball dazu. Dennoch versuche ich gerne, Lösungen aufzuzeigen – und nicht lauthals herumzubrüllen.


In Drochtersen und beim SV Rödinghausen waren Sie bislang bei dörflichen, kleinen Vereinen angestellt.

Der Vorteil bei beiden Klubs war, dass ich mich als Trainer völlig frei entfalten konnte und viele für mich sehr wichtige Erkenntnisse sammeln durfte. Beispielsweise haben wir in der Oberliga bei Drochtersen/Assel tollen offensiven Fußball gespielt und sehr viele Tore geschossen. Im zweiten Jahr wollten wir diesen Euphorie-Fußball auch in der Regionalliga zeigen – und haben die ersten vier Spiele verloren. Daraufhin haben wir unser Spiel dann etwas defensiver gestaltet, da wir im Trainerteam gemerkt hatten, dass es anders nicht funktionieren kann. Letztendlich sah unser Spiel dann von außen betrachtet vielleicht nicht mehr so schön aus, war aber erfolgreicher.

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Dann kam der nächste Schritt.

Nach knapp vier erfolgreichen Jahren wollte ich dann gerne Trainer in Vollzeit werden, um mich auch persönlich weiterzuentwickeln und bekam das Angebot aus Rödinghausen. Dort haben wir dann in der ersten Phase der Zusammenarbeit die Defensive verstärkt – das war noch mein Steckenpferd aus der Zeit in Drochtersen. Basierend auf einer stabilen Defensive haben wir im Anschluss die Mannschaft im Spiel mit dem Ball peu à peu entwickelt. Zum Schluss haben wir dann mit solch einer großer Variabilität gespielt, dass sich die Gegner kaum auf uns einstellen konnten.


Rödinghausen hat als souveräner Tabellenführer keine Lizenz für die Dritte Liga beantragt.

Wenn du so eine erfolgreiche Saison spielst, ist das natürlich sehr enttäuschend. Und dennoch: Wenn man das ganze Konzept Rödinghausen sieht, geht es um Nachhaltigkeit. Die Entscheidung des Vereins hat uns allen wehgetan, war aber aus Vereinssicht nachvollziehbar. Das Stadion in Rödinghausen ist sehr modern, es genügt aber aufgrund der Zuschauerkapazität nicht den Drittliga-Anforderungen.


War Ihnen nach diesem Tiefschlag zügig klar, anderswo die nächste Aufgabe angehen zu wollen?

Nein, wir alle haben ein wenig Zeit gebraucht, um zu überlegen, wie es jetzt weitergehen kann. Wir sind erst Dritter geworden und waren dann bis zum Abbruch der aktuellen Saison Tabellenführer. Zudem waren wir in den Pokalwettbewerben in beiden Jahren sehr erfolgreich. Ich denke, es war an der Zeit, eine neue herausfordernde Aufgabe zu suchen.


Lesen Sie am Sonntag, 9. August 2020, im zweiten Teil des Interviews mit BVB-U23-Coach Enrico Maaßen: Seine Ziele mit dem BVB, was Maaßen an Cheftrainer Favre beeindruckend findet und wie er sich selbst als Trainer sieht.

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