BVB-Trainer Favre im Exklusiv-Interview: Du brauchst auch Titel - die zählen für die Ewigkeit

dzBorussia Dortmund

Lucien Favre geht mit ambitionierten Zielen in sein zweites BVB-Jahr. Im Exklusiv-Interview mit Jürgen Koers spricht der 61-Jährige über die Sucht Fußball, seinen Luxus-Kader und Titelhunger.

Bad Ragaz

, 02.08.2019, 16:15 Uhr / Lesedauer: 7 min

Der Fußball sei wie ein Virus, sagt Lucien Favre, der Ball bedeute ihm alles. Ein Gespräch mit einem Fußballromantiker und Fachmann, der seine Leidenschaft für diesen Sport ohne Unterlass auslebt.

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Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.

Ein Ball!


Woher stammt Ihre Faszination für den Fußball?

Bis ich sieben, acht Jahre alt war, gehörte Fußball überhaupt nicht zu meinen Favoriten. Erst peu à peu hat mich der Fußball-Virus dann erfasst.


Wie kam es dazu?

Mein Bruder war ein sehr guter Fußballer, er spielte bereits im Verein. Dann haben wir irgendwann zusammen in unserem kleinen Dorf Saint-Barthélemy überall gespielt, in den Feldern und Wiesen, auf der Straße. Zu jeder Jahreszeit, ohne Ende. Ich habe auch viel alleine trainiert, den Ball jongliert oder ihn aufs Dach geschossen, und als er runterfiel, wieder unter Kontrolle gebracht. Es war wirklich wie ein Virus. Die Familie ist die Nummer eins, aber direkt danach ist der Ball mein Leben.

BVB-Trainer Favre im Exklusiv-Interview: Du brauchst auch Titel - die zählen für die Ewigkeit

Lucien Favre sagt: „Wenn ich einen Ball herumliegen sehe, kann ich mich nicht zurückhalten. Es ist wie eine Sucht, im positiven Sinn.“ © Guido Kirchner

Das klingt nach großer Leidenschaft!

Die Familie und die Gesundheit sind natürlich immer wichtiger. Das steht an erster Stelle, ohne Frage. Aber als Hobby und als Beruf bedeutet mir der Ball alles. Wenn ich einen Ball herumliegen sehe, kann ich mich nicht zurückhalten. Es ist wie eine Sucht, im positiven Sinn.


Sehen Sie Fußball heute noch genauso wie damals als Kind?

Ja! Ein Beispiel: Ich habe immer noch eine DVD vom WM-Finale 1970. Brasilien gegen Italien, vier zu eins. Pele war dabei, Jairzinho, Tostao, Rivelino. Ich kann die ganze brasilianische Mannschaft aufzählen, ich habe für sie geschwärmt. Da war ich 12 oder 13 Jahre alt. Brasilien zuzuschauen, das hat mich noch weiter mit dem Fußballvirus angesteckt. Sie spielten schon, wie ich es bis heute will: 4-2-3-1, sehr flexibel, mit vielen Positionswechseln. Das hat mich geprägt. Danach kam die große Zeit von Ajax, mit Johan Cruyff. Ich habe mit dem FC Lausanne sogar einmal gegen Amsterdam gespielt im Europapokal.


Wie ist es ausgegangen?

Auswärts haben wir nur 0:1 verloren. Das war respektabel. Aber zuhause ging es 0:4 aus (1978/19, Anm. d. Red.). Bei Ajax etablierte sich eine neue Generation und eine andere Spielweise: Sie hatten lange Haare, sie pressten auf dem Platz weit in der gegnerischen Hälfte. Beeindruckend! Das waren super Fußballer. Später hat mich der FC Barcelona fasziniert, als Cruyff dort Trainer war. Sein 3-4-3-System, manchmal sogar ganz offensiv ein 3-6-1, das hat mich inspiriert. Ich habe als junger Trainer viele Reisen gemacht, mich bei den großen Klubs fortgebildet, auch in Barcelona war ich mal zwei Wochen.


Haben Sie beim BVB jetzt eine Mannschaft beisammen, mit der Sie spielen können wie damals der FC Barcelona?

Nein, ich vergleiche keine Mannschaften. Was mich damals begeistert hat, war die großartige Technik gepaart mit der Bewegung. Da war immer Bewegung im Spiel, der Ball lief wie am Schnürchen. Diese schnellen flachen Pässe in die Räume zwischen den Linien, da steckt eine Philosophie hinter: den Gegner zu destabilisieren. Das versuchen wir auch. Manchmal gelingt es uns.


Macht Ihnen das Lust auf die Arbeit?

Ja. Du siehst schon in den ersten Trainingseinheiten, dass diese Spieler wie Hummels, Brandt oder Hazard eine Top-Qualität haben und sehr viel Spielintelligenz besitzen. Sie machen automatisch die richtigen Bewegungen.

BVB-Trainer Favre im Exklusiv-Interview: Du brauchst auch Titel - die zählen für die Ewigkeit

Lucien Favre will für seinen neuen Kader „das ideale System finden und nach und nach perfektionieren“. © Guido Kirchner

Ist dieser Luxus-Kader auch eine Last, weil jeder erwartet, dass Sie viel erreichen?

Dieser Druck ist da. Wir haben ja eine sehr gute Saison gespielt und sind jetzt vielleicht noch besser aufgestellt. Wenn wir nicht so viele unnötige individuelle Fehler gemacht hätten, wären wir vielleicht Deutscher Meister geworden. 76 Punkte hätten oft für Platz eins gereicht. Aber das ist Vergangenheit. Jetzt geht es wieder darum, das Maximum zu erreichen. Wir bleiben bei unserer Philosophie und wollen von Anfang an zeigen, was wir können. Wir haben eine gute Mannschaft.


Was fehlt zu einer sehr guten?

Wir müssen noch die richtige Mischung finden und die bestmögliche Aufstellung. Manche Spieler kommen in dieser Formation besser zurecht, andere in einem anderen System. Der eine mag dies, der andere das. Es gibt keinen automatischen Erfolg, nur weil viele gute Spieler im Kader stehen. Das ist wie mit einem Kuchen.


Wie meinen Sie das?

Für einen Kuchen braucht man viele Zutaten. Machst du einen Fehler, nimmst du aus Versehen eine Prise Salz statt Zucker, dann ist der ganze Kuchen hinüber. Ungenießbar.


Finden Sie noch Schwachstellen im Kader?

Nein, wir können nicht von Schwächen reden bei diesen Profis. Aber ich sage, dass viele meiner Spieler noch Fortschritte machen müssen. Einige sind sehr jung, da ist das selbstverständlich. Und selbst wenn sie bereits 25 sind, müssen sie noch an sich arbeiten, sich auch individuell Ziele setzen. Sie sollen sich Ziele vornehmen, die sie in den nächsten sechs Monaten, in einem Jahr erreichen wollen.


Sind das die Details, die Sie immer predigen?

Ja, da kann es zum Beispiel darum gehen, den schwächeren Fuß zu verbessern, oder mit beiden Füßen Diagonalpässe spielen zu können. Manche Jungs sollen mehr mit dem Ball am Fuß wagen. In der Defensive geht es darum, clever zu intervenieren, keine dummen Fouls zu begehen. Es gibt immer viele Details zu optimieren. Als wir gerade in Seattle waren, hing dort ein Schild am Trainingsgelände, auf dem stand sinngemäß: Du musst an jedem Tag versuchen, dich zu verbessern. Das ist das Leitmotiv für die allerbesten Sportler. Wie bei den Tennisspielern Roger Federer oder Rafael Nadal.


Was ist deren Leitmotiv?

Nadal sagt nach jedem Spiel, dass er sich auf das nächste Training freut - und zwar egal, ob er gewonnen oder verloren hat. Weil er das Training nutzen will, um sich noch weiter zu verbessern. Für mich sind das sehr wichtige Gedanken.

Video
So bewertet Lucien Favre das BVB-Trainingslager

Auch für Ihre Spieler?

Sie müssen diese Mentalität auch haben. Sie sind jung oder ziemlich jung und haben das Potenzial, viel zu erreichen in ihrer Karriere. Individuell und im Kollektiv. Ein Spieler, der denkt, er kann alles und der aufhört, sich zu entwickeln, der geht auf diesem Niveau unter.


Sind Ihre Spieler alle hungrig?

Ja. Wir sprechen viel über solche persönlichen Ziele. Zusammen mit meinen Co-Trainern ist es unser Job, mit den Spielern an Korrekturen zu arbeiten. Ich erachte es als meine Aufgabe, dass sich die Spieler verbessern. Das hilft ihnen auf ihrem Weg.


Können Sie alle Ihre taktischen Gedankenspiele umsetzen mit dem BVB?

Das geht ja ganz grundsätzlich nie, weil nicht alle Spieler in jedem Spielsystem gleich gut funktionieren. Das bedeutet, dass sehr gute Spieler auch mal auf der Bank sitzen müssen. Darüber sind sie natürlich nicht begeistert.


Fällt es Ihnen schwer, Spieler zu enttäuschen?

Das gehört zu meinem Job dazu. Es gibt doch in jedem Beruf, in jeder Branche Konkurrenz. Das ist heutzutage überall so. Das wissen auch die Spieler. Ich bin ehrlich, darauf lege ich viel Wert. Die Wahrheit ist manchmal hart zu ertragen, da muss man diplomatisch sein, aber die Wahrheit bleibt die Wahrheit.


Wünschen Sie sich noch einen anderen Typ Mittelstürmer für Ihre Mannschaft?

Wenn ich auf unsere Spieler schaue, dann können Mario Götze und Paco Alcacer vorne spielen. Thorgan Hazard und Jacob Bruun Larsen können das auch. Einer läuft mehr, einer ist torgefährlicher. Hazard ist schnell und kann sehr gut in die Tiefe laufen, er kommt auch gut entgegen und spielt mit. Jacob ist auch schnell, er hat viel Power. Er ist erst 20, das wird mir zu schnell vergessen. Wir müssen lange, lange an die Weiterentwicklung dieser Spieler glauben und ihnen die Zeit dafür geben. Kaum ein heutiger Weltklasse-Spieler war mit 20 Jahren schon Weltklasse. Es braucht Geduld. Vor 23, 24 Jahren kann man keine endgültige Aussage treffen, wie gut ein Fußballer noch werden kann. Und grundsätzlich sollten wir einen Kader heutzutage ohnehin erst dann bewerten, wenn das Transferfenster geschlossen ist. Es ist ja noch vier Wochen geöffnet, und es kann auf allen Positionen und in alle Richtungen noch so viel passieren.

BVB-Trainer Favre im Exklusiv-Interview: Du brauchst auch Titel - die zählen für die Ewigkeit

Jadon Sancho ist einer von Favres Lieblingsschülern. © imago

Sie sind dafür bekannt, junge Spieler zu entwickeln. Was zeichnet einen potenziellen Spitzenfußballer aus?

Spielintelligenz. Aber das alleine reicht nicht. Wenn die technischen Fähigkeiten fehlen, oder die Physis, dann reicht es nicht. Junge Fußballer müssen lernen zu leiden, manchmal tut es weh am Anfang bei den Senioren. Die Gegner sind stark, sie üben viel Druck aus. Da musst du ruhig bleiben, an dich selbst glauben und dir sagen, dass die gute Zeit kommt.


System, Taktik oder individuelle Klasse - was entscheidet?

Auf dem höchsten Niveau geht es nicht ohne die besten Spieler, das steht über allem. Für diesen Kader musst du das ideale System finden und nach und nach perfektionieren. Wir haben bei Borussia Dortmund eine Mannschaft, die sehr, sehr offensiv ausgerichtet ist. Es gehört zu meiner Philosophie, viel Ballbesitz zu haben. Nicht als Selbstzweck, sondern um den Gegner zu destabilisieren. Aber um Titel zu holen, brauchen wir auch eine gute Balance.


Die vielen Gegentore in der vergangenen Rückrunde haben die Meisterschaft gekostet.

Eine Spitzenmannschaft zeichnet aus, dass sie sehr gut verteidigen kann. Man muss zu Null spielen können, damit auch mal ein 1:0 reicht. Sonst wird es schwer, Titel zu holen. Alle Mannschaften haben Respekt vor uns. Die Gegner wissen, dass wir das Spiel machen können. Sie wissen, dass wir sehr gut kontern können. Aber wir müssen auch gut verteidigen können. Nein, wir müssen sogar sehr gut verteidigen können, auf Top-Niveau. Wir müssen diese vielen einfachen Fehler abstellen, cleverer agieren in den Zweikämpfen. Da gibt es noch viel zu tun.


Bekommen Sie die Schwäche bei Standardsituationen in den Griff?

Das müssen wir, wir arbeiten auch intensiv daran. Als ich in Gladbach war, haben wir fast anderthalb Jahre lang kaum ein Gegentor nach Standards bekommen. Das muss das Ziel sein.


Ihre Spieler und die Klubführung sagen, Sie wollen um die Deutsche Meisterschaft mitspielen. D’accord?

Ja, das wollen wir versuchen. Und so drücken es ja auch alle Verantwortlichen aus. Aber Ziele sind für mich in der Vorbereitung noch weit weg. Jetzt müssen wir eine gute Vorbereitung absolvieren, sonst begehen wir schon entscheidende Fehler, die uns später entscheidende Punkte kosten könnten.

BVB-Trainer Favre im Exklusiv-Interview: Du brauchst auch Titel - die zählen für die Ewigkeit

BVB-Reporter Jürgen Koers (l.) im Gespräch mit BVB-Trainer Lucien Favre. © Guido Kirchner

Ändert diese Zielvorgabe etwas an Ihrer Grundeinstellung, von Spiel zu Spiel zu denken?

Nein, es geht doch auch gar nicht anders. Meine Mannschaft muss sich voll und ganz auf die nächste Aufgabe konzentrieren, und auf nichts anderes. Wir gewinnen kein Spiel im Vorbeigehen. Für uns im Trainerteam gilt das eingeschränkt: Wir müssen auch überlegen, wer am Mittwoch in der Champions League aufläuft und wer dann am Samstag in der Bundesliga spielen könnte. Das müssen wir vorausschauend planen.


Sie haben Ihren Vertrag mit dem BVB um ein weiteres Jahr verlängert, bis 2021. Was bedeutet Ihnen dieser Vertrauensvorschuss?

Sehr viel. Ich freue mich, weiter für Borussia Dortmund arbeiten zu dürfen. Das ist ein großer Verein, der um Titel mitspielen kann. Du brauchst auch Titel, denn die zählen für die Ewigkeit. Eine super Saison ohne Titel wird irgendwann vergessen. Eine Meisterschaft oder ein Pokalsieg wird niemals vergessen. Titel sind Titel, das kann nichts ersetzen.


Können Sie bei all Ihrer Leidenschaft auch mal nicht an Fußball denken, richtig abschalten?

Ja, man muss abschalten können. Aber das braucht Zeit. Während der Saison ist das kaum möglich. Du spielst ab September alle drei Tage bis Weihnachten.


Es gibt Studien, die besagen, dass die Schweizer zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören. Zählen Sie auch dazu?

Aah, die Schweiz! Es ist so schön hier. Es gibt die Berge, die Seen, alles da. Klasse! In meinem kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin, wohnten damals 180 Leute. Eine glückliche Zeit. Heute leben dort fast 1000 Menschen, viel hat sich verändert. Ich mag auch Dortmund. Bevor ich herkam, haben mir viele Leute gesagt, es sei nicht schön in Dortmund. Aber mir gefällt es wirklich, es gibt so viele schöne, grüne Ecken. Nur die Berge fehlen.

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