Lucien Favre hat beim BVB vor drei Wochen das Kommando übernommen. Eine Annäherung an einen speziellen Fußball-Trainer.

Pittsburgh

, 25.07.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach dem Ballbesitz-Fetischisten Thomas Tuchel, nach Pressing-Freund Peter Bosz und Stabilitäts-Verfechter Peter Stöger nun also Lucien Favre. In der vierten Generation nach Jürgen Klopp, dessen großer Schatten immer noch über Borussia Dortmund schwebt, soll es nun der Schweizer hinbekommen: Zurück zu der Leidenschaft, mit der Klopps Mannschaften die Herzen eroberten, zurück zu der Spielkultur, die Tuchel etablierte und die für Verzückung sorgte.

Skepsis begleitet den Start

Die Erwartungen sind groß. Weil der Fußball sich weiterentwickelt hat und weder die eine (Klopps) noch die andere (Tuchels) Art für sich allein heute eine große Wahrscheinlichkeit auf Erfolg garantiert, ist es Fravres Aufgabe, einen gesunden Mix aus beiden Stilarten zu etablieren. „Umschalten und Konter gewinnen wieder an Bedeutung“, lautet Hans-Joachim Watzkes Fazit der Spiele bei der Fußball-WM in Russland. Der BVB-Geschäftsführer trifft damit bei seinem leitenden Angestellten einen Nerv: „Wir wollen den Ball haben, wir wollen stabil stehen“, sagte Favre bei seiner Vorstellung am 6. Juli. „Aber wir gewinnen keine Spiele, wenn wir nicht schnell umschalten und kontern können.“

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Favre und Sancho sprechen über das anstehende Spiel gegen Lissabon

Skepsis begleitet Favres Start. Und der Beginn sorgt nicht gerade für Aufbruchsstimmung. Favre wirkt nervös, beinahe erschlagen von der Größe des Klubs und dem Rummel, den er auslöst im Presseraum des Signal Iduna Parks. Seine Antworten: zumeist einsilbig. Er kämpft auch mit der Sprache, er blickt hilfesuchend zu Watzke und Sportdirektor Michael Zorc, die neben ihm sitzen.

Das Bild wird klarer

Knapp drei Wochen ist das her. Seither wird das Bild mit jedem Tag klarer. Favre eilt der Ruf des kauzigen Perfektionisten voraus, dieses Klischee bedient er - aber auf eine positive Art. „Er achtet auf so viele Details“, sagt Neuzugang Abdou Diallo bewundernd. In der Mannschaft kommt das an. Favre unterbricht. Immer wieder. Er korrigiert. „Weiter außen stehen, jetzt vorrücken, haltet die Position.“ Klare Kommandos, eindeutige Vorgaben.

Seine anfängliche Scheu hat Favre abgelegt. Und präsentiert sich als Mann ganz ohne Allüren, offen, herzlich. Nach den Einheiten kommt er unaufgefordert zu einem Plausch. Immer mit einem freundlichen „Wie geht`s?“ Er redet über das Training, über seinen weiteren Tag. „Die Spieler haben frei. Ich muss das Training für den nächsten Tag vorbereiten.“ Als in Charlotte beim Einchecken ins Hotel sein Zimmer noch nicht bezugfertig ist, ist das kein Problem. Favre wartet geduldig. Den Dolmetscherinnen, die Probleme mit der Übersetzung haben, schenkt er ein Lächeln. Favre genießt. Das Drumherum macht ihm bewusst, dass er bei einem großen Klub angekommen ist.

„Das Favre-Rätsel“

Für Christoph Biermann war das nur eine Frage der Zeit. „Im Grunde ist es erstaunlich, dass Favre noch keine internationale Spitzenmannschaft trainiert hat, denn höchstwahrscheinlich würde er auch eine solche besser machen“, schreibt der bekannte Fußball-Autor in seinem Buch „Matchplan“. Dort analysiert Biermann die fortschreitende Digitalisierung im Fußball.

BVB-Trainer Lucien Favre fahndet nach dem Mix aus Klopp und Tuchel

Favre hält die Intensität im Training hoch. © BVB/Alexandre Simoes

Dem neuen Dortmunder Trainer ist das Kapitel „Das Favre-Rätsel“ gewidmet. Anhand mathematischer Modelle lassen sich laut Biermann heute aus der Anzahl von Torschüssen, der Qualität der Chancen, Ballbesitz und weiterer Variablen die „Expected Goals“ ebenso errechnen wie die zu erwartenden Gegentore. Biermanns Erkenntnis: Favre-Mannschaften bekommen weniger Gegentore als das zu erwarten wäre, und sie sind offensiv erfolgreicher. Er zeigt auf, dass dies für alle bisherigen Stationen von Lucien Favre gilt, ob in Zürich, Berlin, Gladbach oder Nizza. Favre übererfüllt quasi die Erwartungen - und weil das überall der Fall war, folgert Biermann, könne das kein Zufall sein.

Erfolge sind erkennbar

Der Weg dahin führt über harte Arbeit. Favre hält die Intensität im Training hoch. „Wir müssen üben, üben, üben“, sagt er. Immer wieder dieselben Abläufe, bis die Auslösehandlungen ohne Nachdenken erfolgen.

Erste Erfolge sind erkennbar. Biermann beschreibt, dass Favre-Teams nicht instinktiv die beste Abschluss-Position suchen, sondern die, wo der geringste Gegner-Widerstand zu erwarten sei. Das 2:1 gegen Liverpool war das Resultat eines solchen Angriffs: Marcel Schmelzer wählte nicht die frühe Flanke, sondern ging Richtung Grundlinie und legte den Ball in den Rücken der Abwehr.

Ein bisschen Klopp, ein bisschen Tuchel

Vieles stimmt positiv nach den ersten drei Trainingswochen. Nach dem Spiel gegen Benfica Lissabon in der Nacht zu Donnerstag endet die USA-Reise. Danach stoßen auch die letzten WM-Fahrer zur Mannschaft. Und Favre wird auch im zweiten Teil der Sommervorbereitung daran feilen, dem BVB einen neuen Stil zu implementieren. Ein bisschen Klopp, ein bisschen Tuchel. Oder einfach: Favre-Fußball.

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