BVB-Torjäger Erling Haaland: „Raus aus der Komfortzone“

dzBorussia Dortmund

Erling Haaland steht vor der Rückkehr in den BVB-Kader. Der Torhunger des Stürmers ist längst nicht gestillt. Er werde reifer, aber niemals satt. Kraft schöpft er aus der Meditation.

Dortmund

, 12.06.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sonntags um 18 Uhr pfiff Schiedsrichter Trond Ivar Dovle das Spitzenspiel der Tippeligaen an, als am 1. Juli 2018 Brann Bergen, der Tabellenführer, die Gäste von Molde FK empfing. Gerade hatten es sich Scouts von Manchester United auf der Tribüne bequem gemacht und ihre Klublegende Ole Gunnar Solskjaer als Molde-Trainer seine Elf mit den besten Wünschen aufs Feld geschickt, da zappelte der Ball zum ersten Mal im Netz. Dann noch einmal, gleich noch einmal. Und noch einmal. Vier Tore in den Spielminuten 4, 14, 15 und 21 entschieden die Partie frühzeitig, und auch für die Späher aus England war die Sache entschieden: Diesen 17-jährigen Stürmer aus Molde, der gerade den Spitzenreiter nach allen Regeln der Kunst zerlegte, müsse man unbedingt im Auge behalten.

Erling Braut Haaland war mit einem schlechten Gefühl ins Spiel gegangen. Im Training unter der Woche wollte ihm wenig gelingen, er, sonst cool wie ein Skandinavier nur sein kann, war aufgeregter als sonst. Er wusste, dass sich Besuch aus England angekündigt hatte, um ihn zu beobachten. Noch ein Teenager, noch nicht einmal ausgewachsen, präsentierte sich ihm nun diese Gelegenheit, sich zu beweisen, seinen Namen in wichtige Notizblöcke zu platzieren. Diese Chance durfte er sich nicht entgehen lassen, wenn er seinem Traum vom Profifußballer weiter nacheifern wollte. Nach etwas mehr als 20 Spielminuten an jedem Sonntag vor zwei Jahren konnte er einen Haken an diese Angelegenheit machen: Herausforderung bestanden.

Zwei Schlüsselspiele in der Karriere von BVB-Stürmer Erling Haaland

„Diese Partie und das Rückspiel kurz darauf hat Haaland mal als Schlüsselspiele in seiner bisherigen Karriere beschrieben“, sagt der norwegische Journalist Johannes Morland. Denn natürlich waren die Verteidiger aus Bergen gewarnt bei der nächsten Begegnung sechs Wochen später, sie hatten seine Laufwege studiert, ihn analysiert. Dass ein 17-jähriger Bubi den Tabellenführer so bloßstellte, das sollte nicht noch einmal passieren. Doch es kam anders.

Drei Minuten waren gespielt, Haaland zog ein Foul im Strafraum und trat gleich selber zum Elfmeter an und erzielte das frühe 1:0. Am Ende hieß es 5:1 für Molde, und der Name Haaland stand in immer mehr internationalen Notizblöcken. Ob ein Jugendlicher aus dem fußballerisch zweitklassigen Norwegen, der sich auch im Handball oder im Golf versucht hatte, die Fußballwelt erobern könnte?

BVB-Torjäger Haaland: „Ich will mich jeden Tag herausfordern“

„Ob als Teenager auf dem Sprung zu den Senioren, später in der ersten Auslandsstation in Österreich oder in der deutschen Bundesliga und in der Champions League: Immer kam die Frage auf, ob Haaland die nächste Stufe bewältigen kann“, berichtet Morland, „und immer lautete die Antwort: Ja, er kann.“

BVB-Torjäger Erling Haaland: „Raus aus der Komfortzone“

© Deltatre

Wenig charakterisiert den Norweger, der seit Januar beim BVB unter Vertrag steht, besser, als diese ausgeprägte Eigenschaft, immer seinen Drang nach mehr Leistung, nach weiterer Optimierung auszuleben. „Ich will mich jeden Tag herausfordern, immer raus aus der Komfortzone und mehr über mich selbst lernen“, sagt Haaland über sich selber. „Auch in den Dingen, die ich schon ganz gut kann, will ich mich noch weiter verbessern.“

Haaland trifft bei seinem BVB-Debüt in Augsburg dreifach

Auf dem Trainingsgelände im Dortmunder Stadtteil Brackel rieben sich auch Trainer und Mitspieler die Augen im Januar. Der Neue aus Norwegen, ein Babyface mit Boxerstatur, feierte jeden erfolgreichen Torschuss lautstark. Wirklich jeden. Diese Gier, dieser unersättliche Appetit auf Tore selbst bei einer kleinen Übung im Training, das verblüffte. Und die Coaches klopften ihm auf die Schulter. „Bewahre dir das“, rieten sie ihm.

Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Selbst die überbordenden Erwartungen nach seiner Ankunft in Dortmund brachten ihn nicht aus der Fassung, störten nicht seinen Fokus. Ja, nach seinen drei Toren beim Debüt in Augsburg sei auch er „etwas perplex“ gewesen, gestand Haaland im BVB-Podcast zu. „Doch dann habe ich mir gesagt: Das musst du im nächsten Spiel wieder beweisen.“

Erling Haaland beim BVB: Auf der Suche nach neuen Bestmarken

Er tat es, und stellte neue Bestmarken auf. Zehn Tore hat er inzwischen erzielt in elf Bundesliga-Spielen, von denen er nur eines über 90 Minuten bestritt. Doch von Sättigung keine Spur. „Ich will immer mehr. Wenn ich ein Tor schieße, denke ich: Gutes Gefühl, ich will mehr davon.“

„Ich mag es, die Schwächen und Stärken auch ins Gesicht gesagt zu bekommen.“
Erling Haaland

Nun hat ihn eine Innenbanddehnung im Knie, zugezogen nach dem Zusammenprall mit Schiedsrichter Tobias Stieler beim 0:1 gegen den FC Bayern vor etwas mehr als zwei Wochen, ausgebremst. Haaland verpasste die Spiele in Paderborn (6:1) sowie gegen Hertha BSC (1:0) und nutzte, wie fast täglich, die Zeit, um zu reflektieren, „was mit mir und um mich herum passiert“. Meditation gehört für ihn zu den leistungsverbessernden Faktoren, genauso wie eine extrem bewusste Ernährung und viel Schlaf. Im Grunde dreht sich alles um den Sport. „Du hast kein Leben außer Fußball“, spottete sein Teamkollege Thomas Delaney.

Hummels ist für Haaland ein Vorbild beim BVB

Diese positive Verrücktheit, das Streben nach Perfektion, spiegelt sich in vielen Facetten wider. Natürlich im fußballerischen Bereich. Instinkt, Geschwindigkeit, Wucht - da besitzt Haaland überragende Qualitäten. Kopfball, Positionsspiel, Kombinationen - da besteht noch Optimierungspotenzial. „Ich mag es, die Schwächen und Stärken auch ins Gesicht gesagt zu bekommen“, sagt Haaland. Mit dieser Geradlinigkeit könne er am besten umgehen. Früher habe er nach Niederlagen geweint, da sei er unfassbar sauer gewesen. Jetzt stelle er sich die Fragen, was hätte besser laufen müssen. „Je älter ich werde, desto reifer werde ich, ich fühle mich reif für mein Alter.“

Beim Blick auf die Mitspieler in der Umkleidekabine sei er unter anderem bei Mats Hummels hängengeblieben. Mehrfacher Deutscher Meister, Weltmeister, das ist die Kategorie Athlet, von der Haaland lernen will. „Ich will so viel profitieren von ihm wie möglich, wir reden viel über Fußball und andere Sachen“, sagt er. Dass im sportlichen Spitzenbereich der Kopf mit entscheidet, dass die Mentalität den Ausschlag geben kann, das ist für ihn offensichtlich. Den Eindruck eines Arbeitstiers hat er auch schon in Norwegen hinterlassen. „Erling hat eine beeindruckende Arbeitsmoral“, sagt Reporter Morland. „Er steckt in seiner eigenen Blase.“

Erling Haaland reist im Juli zurück in die Heimat

Nach der zweifachen Zwangspause, erst wegen Corona und dann wegen der Verletzung, geht es für Haaland und den BVB in den verbleibenden vier Bundesliga-Spielen darum, die in der Rückrunde gezeigten Leistungen zu bestätigen, sich mit Siegen, der Vize-Meisterschaft und einem guten Gefühl aus der Saison zu verabschieden. Auch dem norwegischen Querdenker hat imponiert, wie sich seine Mannschaft nach dem doppelten K.o. gegen die Bayern wieder berappelt hat. Das Team habe schnell die Köpfe wieder oben gehabt, sich neu fokussiert, sagt er.

Wenn in zwei Wochen die turbulente Spielzeit 2019/20 abgehakt ist, wird Haaland in die Heimat reisen, Freunde und Familie treffen und sich in eine kleine Hütte oben in den Bergen zurückziehen. Dort genieße er dann die Einsamkeit und Ruhe, dort gebe es viel Zeit zum Nachdenken. Und auf über 2000 Metern Höhe spürt Haaland, was er als Leitspruch für sich sieht: „The sky is the limit.“

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