BVB-Sportdirektor Michael Zorc nimmt BVB-Kapitän Marco Reus in Schutz

dzBorussia Dortmund

Marco Reus durchlebt eine komplizierte Saison beim BVB – und die Kritik an seiner Person ist schärfer als die an anderen Spielern. Warum eigentlich?

Dortmund

, 06.02.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Michael Zorc hatte noch etwas auf dem Herzen. Als am Donnerstagmittag die Kameras und Mikrofone im kleinen Pressekonferenzraum auf dem BVB-Trainingsgelände in Dortmund-Brackel längst ausgeschaltet waren, ging der Sportdirektor draußen auf dem Parkplatz noch einmal auf die Journalisten zu.

Michael Zorc kritisiert Berichterstattung über BVB-Kapitän Marco Reus

„Was ich noch anmerken wollte“, sagte Zorc, „wie in der Berichterstattung teilweise mit Marco Reus umgegangen wird, das finde ich absolut nicht in Ordnung.“ Kritik am BVB-Kapitän sei okay, Reus habe in Bremen „kein gutes Spiel“ abgeliefert, „aber was ich da teilweise alles lesen muss, das geht unter die Gürtellinie und ist auch unter aller Sau“.

Zorcs Unmut kam nicht wirklich von ungefähr. Der Boulevard hatte nach dem Dortmunder Pokal-Aus gegen Werder Bremen getitelt, der BVB habe drei „Titel-Blockierer“ in seinen Reihen, namentlich Trainer Lucien Favre, Abwehrspieler Manuel Akanji und eben Reus. Die Leistung vom BVB-Kapitän bezeichnete die „Bild“ als „unterirdisch“.

Zorc stellt sich vor Reus und zeigt klare Kante

Es ist nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Reus vom Boulevard scharf angegangen wird. Auch in der durchwachsenen Hinrunde des BVB stand der 30-jährige Mittelfeldspieler immer wieder im Fokus der Kritik. Ende September wurde ihm nach dem 2:2 bei Eintracht Frankfurt attestiert, der „falsche BVB-Kapitän“ zu sein. Zorc sah sich auch damals schon zum Einschreiten gezwungen. Es gebe da ganz klare Kante vom BVB, erklärte Zorc, „Marco ist unser Kapitän und bleibt unser Kapitän. Wir haben eine gesunde Hierarchie. Es gibt überhaupt keinen Grund, daran irgendetwas zu ändern“.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc nimmt BVB-Kapitän Marco Reus in Schutz

Findet die Kritik an Marco Reus überzogen: BVB-Sportdirektor Michael Zorc. © picture alliance/dpa

Nun fällt Reus erst einmal aus. Eine Muskelverletzung zwingt ihn wie schon vor einem Jahr, als der BVB in der Folge entscheidende Punkte im Kampf um die Meisterschale liegen ließ, für mehrere Wochen zum Zuschauen. Die Frage, ob Favre ihm vielleicht mal eine Pause verordnen sollte, hat mittlerweile Reus‘ Muskulatur beantwortet. Doch die übergeordnete Frage, die im Raum steht, bleibt die nach Reus‘ aktueller Bedeutung für Borussia Dortmund.

Die BVB-Statistik spricht eigentlich für Marco Reus

Die Zahlen sind eigentlich eindeutig, 19 Torbeteiligungen in 26 Pflichtspielen, vier davon in den vier Partien dieses Jahres, sind zweifelsfrei ein guter bis sehr guter Wert. Reus ist nach Jadon Sancho der zweitbeste Scorer beim BVB, er ist der fünftbeste Scorer der laufenden Bundesliga-Saison – und trotzdem hat sich der Eindruck verfestigt, dass Reus in dieser Spielzeit schon zu oft unter seinen Möglichkeiten geblieben ist und auch seinen eigenen Erwartungen sowie denen der Fans, die bei ihm deutlich höher sind als bei anderen, bislang nicht konstant gerecht werden kann.

Reus ist der Kapitän, der Dortmunder Junge, die Identifikationsfigur, die den BVB zur neunten Meisterschaft führen soll. Er ist auch der Spieler, der als einer der Ersten in der Öffentlichkeit den Kopf hinhalten muss, wenn es bei Borussia Dortmund nicht so läuft wie erwartet. Der Rucksack auf seinen Schulter ist ungefähr so prall gefüllt wie das Festgeldkonto des FC Bayern München – und gut ist in der öffentlichen Wahrnehmung eben nicht immer gut genug.

Reus hat die Messlatte beim BVB selbst sehr hoch gelegt

Reus kann davon ein Lied singen. Von ihm werden herausragende Dinge erwartet, nicht nur gute. Das liegt zum einen daran, dass er die Messlatte mit seinen Leistungen in der Vergangenheit selbst sehr hoch gelegt hat, zum anderen aber auch daran, dass die Bewertung von Fußballspielern, gerade die von Topspielern, in der Öffentlichkeit, nicht immer fairen Kriterien folgt. Reus kickt unter einem besonders dicken Brennglas.

Der BVB-Kapitän selbst sagt immer wieder, dass er auf öffentliche Kritik nicht besonders viel gebe – und doch ist kaum zu übersehen, dass Reus in dieser Saison mit sich und seiner Form zu kämpfen hat. Auf gute bis sehr gute Spiele folgen regelmäßig schwächere Auftritte. Immer dann, wenn der Knoten endlich gelöst scheint, kommt von irgendwoher doch wieder Zug aufs Seil. Gewissermaßen steht Reus‘ durchwachsener Saisonverlauf sinnbildlich für das Auf und Ab des BVB, der sich offenbar mit einer Rückholaktion von Alexander Isak beschäftigt, in dieser Spielzeit. Reus fährt Achterbahn, der BVB tut es ihm gleich. Oder umgekehrt, so genau lässt sich das nicht immer sagen.

Auch BVB-Coach Favre hält an Reus fest

Lucien Favre hat – genau wie Zorc – bislang trotzdem nie Zweifel an Reus‘ Bedeutung für Borussia Dortmund aufkommen lassen. Jeder wisse, wie viel er dem BVB-Spiel geben könne, erklärte der Schweizer seit der Sommerpause noch und nöcher. Daran ändert auch der jüngste Zwist wegen Reus‘ Auswechslungen an den ersten drei Spieltagen der Rückrunde nichts. Seine Verletzung tut es ebenso wenig. „Ich bedauere Marcos Verletzung, das ist klar“, sagte der BVB-Trainer gestern, „aber er ist und bleibt wichtig für die Mannschaft.“

Reus wird den Worten seines Trainers nach der Verletzungspause Taten folgen lassen müssen, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen – und die kommenden Wochen werden zeigen, wie schmerzlich Reus beim BVB vermisst wird, wenn er keinen Fußball spielen kann.

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