BVB-Senkrechtstarter Achraf Hakimi: Ich bin meinen Mitspielern dankbar

dzExklusiv-Interview

Achraf Hakimi ist bei Borussia Dortmund angekommen, hat sich in Deutschland eingelebt. Eine Sache stört ihn aber besonders, wie er im Interview verrät.

Dortmund

, 16.01.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Als Typ eine Mischung zwischen Araber und Spanier, als Spieler Rechtsverteidiger und Linksaußen: Borussia Dortmunds Senkrechtstarter Achraf Hakimi verkörpert viele Welten in sich. Und sagt im Exklusiv-Interview, was ihn in Deutschland stört.

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Herzlichen Glückwunsch, Achraf Hakimi! Sie sind vorige Woche zu Afrikas bestem Nachwuchsspieler gekürt worden. Wie haben Sie die Ehrung in Hurghada erlebt?

(Auf Deutsch) Danke! Das was ein ganz besonderer Abend für mich. Es ist eine große Ehre, diese Auszeichnung zu bekommen. Sehr viel hat es mir auch bedeutet, dass meine Familie mich begleitet hat.


Warum?

Meine Familie hat sich immer sehr für mich eingesetzt und so viel dazu beigetragen, dass ich heute an diesem Punkt stehe. An einem Punkt in meiner Karriere, von dem ich immer nur träumen konnte. Diese Auszeichnung gebührt daher auch meiner ganzen Familie. Ohne sie wäre ich nicht hier.


Wie lief das 2006 ab im Hause Hakimi, als Ihr Vater Ihnen den Brief von Real Madrid vorgelesen hat mit der Einladung zum Probetraining?

(lacht) Das war auch so ein spezieller Moment, den ich nie vergessen werde. Ich hatte nie daran geglaubt, dass so etwas passieren könnte. Ich habe das dann auch tatsächlich erst richtig begriffen, als ich den Brief selbst gelesen habe. Eine Einladung von Real Madrid. Unglaublich!


War das der Eintritt in eine ganz neue Welt?

Ja, im Rückblick schon. Zu dem Zeitpunkt war ich ja noch sehr jung, sieben oder acht Jahre alt. Als Eintritt in die professionelle Welt des Fußballs würde ich diese ersten Jahre daher noch nicht bezeichnen. Aber es war der Startschuss für alles, was danach gekommen ist.

Wie sind Sie aufgewachsen im Vorort Getafe? Wie sah das Leben aus abseits des Fußballs?

Ich habe ein ganz normales, ruhiges Leben geführt. Meine Freizeit habe ich mit der Familie und den Freunden verbracht. Unsere Verhältnisse waren bescheiden, und ich denke, dass ich auch heute noch ein bescheidener und ruhiger Typ bin.


Sind Sie ein spanischer Marokkaner oder ein marokkanischer Spanier?

(lacht) Gute Frage! Ich bin in Getafe aufgewachsen und habe mein ganzes Leben in Spanien verbracht. Das hat mich natürlich geprägt. Ich muss aber auch sagen, dass ich es zeit meines Lebens sehr genossen habe, diese arabischen Wurzeln, den Einfluss dieser Kultur in mir zu haben. Darauf bin ich auch stolz.


Was an Ihnen ist typisch arabisch und was typisch spanisch?

Meine Religion zum Beispiel ist typisch arabisch. Was meine Lebensweise im Alltag anbelangt, bin ich eher ein klassischer Spanier.


Haben Sie sich auch schon deutsche Eigenschaften angeeignet?

Die Pünktlichkeit, die Arbeitszeiten, die Disziplin. Von allem ein bisschen.


Fiel Ihnen die Umstellung vor eineinhalb Jahren schwer, als Sie nach Dortmund kamen?

Was die Pünktlichkeit betrifft, hatte ich keine Probleme. Das gehörte auch vorher zu den Selbstverständlichkeiten als Teil einer Fußballmannschaft. Schwieriger fand ich die Umgewöhnung bei den Essenszeiten und den Tagesabläufen. Ihr Deutschen esst sehr früh, dann dauert der Tag noch so lange … Da muss ich abends manchmal noch etwas naschen.

BVB-Senkrechtstarter Achraf Hakimi: Ich bin meinen Mitspielern dankbar

Unsere BVB-Reporter Jürgen Koers (l.) und Dirk Krampe (r.) haben Achraf Hakimi im Trainingslager in Marbella zum exklusiven Interview getroffen. © Kirchner-Media

Wann war Ihnen eigentlich klar, dass Ihnen eine Karriere als Profifußballer bevorsteht?

Das ist ja das Kuriose: Du arbeitest und kämpfst jeden Tag dafür, im Leben so weit wie möglich nach oben zu kommen. Aber den einen Tag, an dem du am Durchbruch schnupperst und durchstartest, den gibt es so nicht. Als ich in den Jugendmannschaften von Real gespielt habe und immer dabei geblieben bin, habe ich zunehmend intensiver davon geträumt und daran geglaubt, es bis nach oben schaffen zu können. Dann ging es hoch in die zweite Mannschaft, schließlich zu den Profis.


Wie haben Sie die Titel von Real in dieser Zeit gefeiert?

Die vielen Meisterschaften und Siege in der Champions League haben wir natürlich auch groß gefeiert. Das waren ja außergewöhnliche Jahre für Real. Ich bin ab und zu zu den Profis gegangen, um mal ein Autogramm zu bekommen oder ein Foto zu machen.


Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihr erstes Spiel im Bernabeu?

Das war unglaublich! Vor allem bei meinem ersten Spiel, als ich auch gleich noch ein Tor erzielen konnte. Das Bernabeu ist ja auch ein beeindruckendes Stadion. Ein perfekter Tag!


Ihre hervorstechendste Eigenschaft ist die enorme Beschleunigung. Woher kommt das? Gene? Talent? Training?

Von allem ein bisschen, schätze ich. Das ist sicher einerseits genetisch bedingt, hat aber auch mit der täglichen Arbeit zu tun. Man kann und sollte alles trainieren, seine Schwächen, aber auch die Stärken.

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Schneller als 36,2 km/h war noch kein Bundesliga-Spieler, Sie halten den Rekord. Cool?

Auf jeden Fall! Ein Rekord ist immer etwas Besonderes.


Usain Bolt war noch acht Kilometer pro Stunde schneller.

Ja, das weiß ich (lacht). Das muss man dann jeden Tag trainieren. Aber das ist auch Leichtathletik. Ich spiele Fußball und bin kein reiner Sprinter.


Aber Geschwindigkeit wird im modernen Fußball immer mehr zu einem entscheidenden Kriterium.

Da haben Sie Recht, Tempo ist sehr wichtig. Aber die individuelle Geschwindigkeit macht ja längst nicht das Fußballspielen aus.


Sie sind im Sommer 2018 nach Dortmund gekommen, um zu lernen. Was haben Sie schon gelernt, was müssen Sie noch lernen?

Ich verbessere mich in vielen verschiedenen Aspekten. Ich lerne nach und nach dazu. Und ich sehe mich noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung.


Ihr Abwehrkollege Mats Hummels ruft manchmal: „Achraf, watch behind you!“

Das stimmt schon, auch andere Spieler rufen mir das öfter zu. Es lässt sich nicht leugnen, dass ich gerne offensiv spiele und nach vorne renne. Deswegen bin ich meinen Mitspielern auch dankbar, wenn sie auf mich achten und darauf aufmerksam machen, dass ich auch schauen muss, was hinter mir passiert.


Wir haben nachgezählt: Sie haben im BVB-Trikot 20 Mal hinten links gespielt, 18 Mal hinten rechts, fünf Mal vorne links und elf Mal vorne rechts. Wo würde der Trainer Achraf Hakimi den Spieler Achraf Hakimi aufstellen?

Ich würde es genau so machen wie Lucien Favre und Achraf Hakimi dort aufstellen, wo er gerade benötigt wird. Es ist doch für jede Mannschaft hilfreich, Spieler im Kader zu haben, die auf mehreren Positionen spielen können. Ich bin froh, dass ich so polyvalent bin.

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Kannten Sie die Vokabel „polyvalent“ schon, bevor Sie Lucien Favre als Trainer in Dortmund kennengelernt haben?

Ja, tatsächlich. Verschiedene Positionen zu bekleiden, das zieht sich bislang durch meine Fußballerlaufbahn. Ich habe in der Offensive begonnen, bei Real in der Jugend in der Defensive mehrere Positionen gespielt, zuletzt häufiger rechts. Für Marokko wiederum bin ich meist als Linksverteidiger aufgelaufen.


Als Sturmlauf lässt sich auch die zweite Spielhälfte gegen Inter Mailand in der Champions League beschreiben. Wir müssen über diese Jubelszene reden, wo Sie mit ausgebreiteten Armen auf der Werbebande stehen…

Das kam mir wirklich ganz spontan in den Sinn. Meine Freunde saßen in diesem Bereich der Tribüne, und dann bin ich dorthin gerannt und auf die Bande gestiegen. Ich habe die Fotos gesehen: Das gehört natürlich auch zu den Momenten, die immer in Erinnerung bleiben. Und die mich anspornen, weiter Gas zu geben.


Die Fans in Dortmund lieben Sie für Ihre stürmische Art. Wo sind die Zuschauer heißblütiger?

Bei den Zuschauern gibt es schon Unterschiede zwischen Deutschland und Spanien. In Dortmund spielen die Fans eine wichtige Rolle, weil sie uns Spieler richtig antreiben und uns dazu bringen, noch mehr zu investieren. Das ist eine große Hilfe.


Und der Unterschied im Fußball?

In der Bundesliga geht es sehr viel hin und her. In Spanien verlaufen die Partien ruhiger. In La Liga versuchen viele Mannschaften, das Spiel einfach unter Kontrolle zu halten.

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Bundesliga oder La Liga: Wie oft ist Ihnen inzwischen die Frage gestellt worden, wie es im Sommer für Sie weitergeht, wenn die Leihe von Real zum BVB vertragsgemäß endet?

Sehr oft! Aber ich kann dazu leider noch nicht mehr sagen. Bis zum Sommer dauert es noch sechs Monate, es gibt noch sehr viele Spiele.


Wir hatten gehofft, Sie würden uns die Entscheidung als Erste mitteilen.

(lacht) Ich weiß es tatsächlich noch nicht. Was ich sagen kann, ist, dass ich jetzt froh bin, bei Borussia Dortmund zu sein. Ich fühle mich sehr wohl. Sobald eine Entscheidung gefallen ist, werde ich das kommunizieren.


Sie werden sicher ein Wörtchen mitreden dürfen, bevor die Entscheidung fällt.

Ja! Letztlich muss ich für mich abwägen: Welche Vorteile sprechen für Dortmund, was erwartet mich in Madrid?


Madridista oder Borusse?

Beides! Mein Herz ist geteilt zwischen Madrid und Dortmund.


Ihnen stehen allemal spannende Monate bevor, Sie werden auch zum ersten Mal Vater!

Ich bin sehr froh darüber und freue mich auf diese wichtigen Momente in meinem Leben. Bald wird es soweit sein.

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