Hat bei der EM noch keine Minute gespielt: BVB-Profi Jadon Sancho. © imago / Shutterstock
Europameisterschaft

BVB-Profi Sancho ist bei der EM außen vor – und England kocht vor Wut

Beim BVB präsentierte sich Jadon Sancho im Saisonendspurt in Topform. Bei der EM durfte der BVB-Star dagegen bislang keine Minute spielen. Sein Problem: Der Stellenwert der Premier League.

Vielleicht hätte jemand Englands Nationaltrainer Gareth Southgate vorab ein kurzes Video zustecken sollen: Am 33. Spieltag der Fußball-Bundesliga steht Borussia Dortmund unter Druck. In Mainz darf sich der BVB keinen Patzer erlauben, das Ticket für die Champions League muss unbedingt her. Dann aber legt Jadon Sancho leichtfüßig und spielfreudig einen überzeugenden Auftritt hin, zündet ein paar Turbodribblings, serviert seinen Kollegen die Treffer zum 1:0 und 2:0 – und die Mission in Mainz ist erfüllt.

BVB-Profi Sancho hätte England helfen können – saß aber auf der Bank

Wer dieses BVB-Spiel vor fünf Wochen gesehen hat, dem kommt sicherlich schnell in den Sinn, wer in der misslichen Lage der englischen Nationalelf im EM-Duell mit Schottland eine verheißungsvolle Hilfe gewesen wäre: Jadon Sancho. Es ergab sich eine Konstellation wie maßgeschneidert für die Qualitäten des 21-Jährigen. 20 Minuten vor Schluss hieß es noch 0:0, der englischen Mannschaft fiel offensiv nichts Brauchbares ein, die Schotten machten per Fünfer-Abwehrkette plus zwei defensiven Mittelfeldspielern dicht.

Jetzt einen Sancho wie der BVB in Mainz auf den Rasen bringen zu können, der Lücken reißt, der das schottische Bollwerk durcheinander wirbelt, der die Stürmer mit Vorlagen füttert oder selbst in die gefährliche Zone vordringt – beneidenswert. Gareth Southgate aber tat nichts in den finalen 20 Minuten. Er ließ Dortmunds Sancho auf der Bank schmoren und sah nur zu, wie seine bevorzugten Offensivkräfte sich auch noch die letzten Zähne an den fleißigen Schotten ausbissen, ließ drei Wechselmöglichkeiten ungenutzt.

Sanchos Nicht-Berücksichtigung ärgert England-Experten

Zum EM-Start gegen Kroatien, als die Engländer ein 1:0 ins Ziel zitterten, hatte Southgate Sancho gar auf die Tribüne gesetzt. Die Bilanz des enttäuschten Borussen nach 180 EM-Minuten seiner Elf: Null Sekunden Spielzeit. Nicht nur viele Fans äußerten darüber in den sozialen Netzwerken jetzt ihren Unmut. Auch die Experten auf der Insel äußerten sich kritisch. „Du hast jemanden wie Jadon Sancho auf der Bank, 16 Tore, 20 Assists für Dortmund in dieser Saison – und er kommt nicht einmal ins Spiel, obwohl wir mehr Gefahr gebraucht hätten“, schimpfte der frühere englische Nationalstürmer Ian Wright bei „iTV studios“.

Der ehemalige Weltklasse-Verteidiger Rio Ferdinand wirkte gar verzweifelt: „Ich verstehe das wirklich nicht. Du hast so ein großes Talent da rumsitzen.“ Sogleich keimten Spekulationen auf, Sancho könnte aus disziplinarischen Gründen außen vor sein – so wie im Oktober letzten Jahres, als ihn Southgate aufgrund von Verstößen gegen die Corona-Regeln vorübergehend suspendiert hatte. Für ein aktuelles Fehlverhalten Sanchos gibt es jedoch keinerlei Anhaltspunkte.

Stellenwert der Premier League wird für Dortmunds Sancho zum Problem

Vielmehr dürfte das Problem an anderer Stelle liegen: Am Stellenwert und an der mitunter überhöhten Selbstwahrnehmung der englischen Premier League. Denn die bei Southgate bislang gesetzte Offensive der „Three Lions“ bilden Tottenhams Harry Kane (27), dem in England extrem hoch geschätzten Raheem Sterling (26) von Manchester City sowie den Riesen-Talenten Mason Mount (22, FC Chelsea) und Phil Foden (21, Manchester City). Dazu stehen noch Bukayo Saka (19, Arsenal) und Marcus Rashford (23, Manchester United) hoch im Kurs. Allesamt angestellt bei Topklubs des englischen Oberhauses.

Ein Bundesligaspieler von Borussia Dortmund muss sich da automatisch hinten anstellen. Und das, obwohl Sancho neben seiner jüngsten Top-Form in Dortmund in den vergangenen drei Jahren die meisten Torbeteiligungen für die englische Nationalelf hinter Sterling und Kane vorzuweisen hat – und derzeit erneut heftig von Manchester United umworben wird.

Sancho könnte im letzten Gruppenspiel der Schlüssel zu Englands Lösung sein

Sanchos Hoffnung: Dieses schwerfällige 0:0 gegen die Schotten muss Gareth Southgate die Augen geöffnet haben – und der Druck vor dem dritten Gruppenspiel gegen Tschechien (Dienstag, 21 Uhr) wächst. Die Buhrufe und Pfiffe in Wembley klingen den Engländern noch in den Ohren. Personelle Änderungen in der Startformation sind demnach für das dritte Gruppenspiel und die Jagd auf das Achtelfinal-Ticket zu erwarten.

Southgate selbst bemerkte, dass gegen Schottland „Substanzielles gefehlt“ habe, dass „wir nicht genügend Chancen herausgespielt haben“. Borussia Dortmunds Jadon Sancho könnte nun der Schlüssel zur Lösung sein. Das empfiehlt auch Rio Ferdinand: „Lass‘ diese Jungs einfach von der Kette, denn wir sehen gerade wie das steife alte England aus.“

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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