BVB-Kenner Danielsmeyer: „Die Fankultur steht auf der Kippe“

dzFanprojekt Dortmund

Die BVB-Ultragruppe „Jubos“ zieht sich aus dem Stadion zurück. Thilo Danielsmeyer, Leiter des Dortmunder Fanprojekts, sieht die gesamte Szene am Scheideweg - und appelliert an die Vereine.

Dortmund

, 29.10.2020, 18:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit großem Bedauern hat Thilo Danielsmeyer die Nachricht zu Kenntnis genommen, dass die aktive Fanszene von Borussia Dortmund künftig um eine Ultra-Gruppe ärmer ist. Danielsmeyer ist seit fast 30 Jahren in der Dortmunder Fanszene aktiv, er leitet in Dortmund das Fanprojekt, eine unabhängige sozialpädagogische Einrichtung für Fußballfans und steht so in ständigem Kontakt mit den Fans.

Danielsmeyer über die Jubos: „Sie werden eine Lücke hinterlassen“

„Wir finden es mehr als schade, dass sich die Jubos aufgelöst haben. Es waren junge Leute, die sich für den BVB begeistert haben, kreativ waren und Stimmung gemacht haben“, sagt er im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. „Sie werden eine Lücke hinterlassen, die schwer zu füllen sein wird.“ Auch innerhalb der Fanszene habe der Entschluss der Jubos durchaus für Aufsehen gesorgt. „Die Dortmunder Ultras sind weltweit bekannt, viele fanden es sehr schade.“

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Die Jungen Borussen - kurz „Jubos“ - waren neben der größten Dortmunder Ultra-Gruppe „The Unity“ und den „Desperados“ die Stimmungsmacher auf der Südtribüne. Sie haben sich an den spektakulären Choreografien im Stadion beteiligt, mithilfe von Charity-Aktionen Geld für Kinderheime gesammelt und sich aktiv gegen Rassismus, Sexismus und Rechts gestellt. Das gesellschaftliche Engagement der Gruppe sei enorm gewesen, sagt Danielsmeyer.

Corona-Pandemie hat bei den BVB-Ultras zu einem Umdenken geführt

Viele Entwicklungen bei DFB und DFL missfielen den „Jubos“ - worauf sie immer wieder aufmerksam machten. Oftmals in typischer Ultra-Manier, sagt Danielsmeyer. Plakative Banner, aber auch Pyrotechnik und eine offen ausgelebte Lokalrivalität gehörten für die Gruppe dazu. Reibereien mit den Ordnungskräften waren keine Seltenheit, auch das habe die „Jubos“ zuletzt müde gemacht, sagt Danielsmeyer.

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Vor allem die fußballpolitischen Entwicklungen waren am Ende entscheidend für das Aus der Jubos. Aber auch die Corona-Pandemie und der erste Lockdown im Frühjahr haben zu einem Umdenken geführt. Im Februar waren zum bislang letzten Mal 80.000 Fans im Dortmunder Stadion. Wann das nächste Mal so viele Menschen an einem Ort zusammenkommen dürfen, steht aktuell mehr denn je in den Sternen.

Die BVB-Fans wenden sich vom Fußball ab

Das Fußballspiel als Gemeinschaftserlebnis aber war das, was die Fanszene ausgemacht hat. „Sie haben in Zeiten der Pandemie keine große Zukunft mehr gesehen“, sagt Thilo Danielsmeyer über den Jubo-Entschluss. Dass sie, sollte die Corona-Pandemie irgendwann zu Ende sein, noch einmal einen Neuanfang wagen, glaubt er nicht. „Sie lieben den Fußball, als Fans werden sie weiter da sein“, sagt er. „Aber sie werden nicht mehr als Gruppe auf der Süd auftreten.“ Er rechnet damit, dass die Entscheidung der „Jubos“ erst der Anfang einer deutschlandweiten Entwicklung war. „Es wird nicht die letzte Ultra-Gruppe sein, die sich auflöst.“

Das, was für die „Jubos“ gelte, gelte für die gesamte Fanszene: Der Fußball spiele weiterhin eine wichtige Rolle. Die Entscheidungen rund um die Corona-Pandemie und den Profifußball würden mit großem Interesse verfolgt. Aber viele Fans würden auch merken, dass man das Wochenende auch anders verbringen kann. Dass man auch ohne ein BVB-Spiel in Kontakt bleiben kann. „Viele junge Menschen werden sich vom Fußball abwenden“, fürchtet Danielsmeyer.

Die Angst der BVB-Fans, dass es nie wieder wird wie vorher

Denn die Angst ist groß. Die Angst, dass es nie wieder so sein wird wie vor Corona. Dass das Erlebnis Südtribüne etwas ist, dass der Vergangenheit angehört. „Viele Fans gucken zurzeit nicht einmal die Spiele im Fernsehen“, sagt Danielsmeyer. Ohne Zuschauer, sagen sie, fehle es an allem, was den Fußball ausmache.

Danielsmeyer, die Fans und ihre Sorgen ernst zu nehmen. „Wir haben in Deutschland eine Fankultur, um die uns alle beneiden - und die steht jetzt auf der Kippe.“ Gerade in Dortmund sei ein volles Stadion immer ein Selbstläufer gewesen. „Aber die Euphorie ist verflogen. So wird es nicht mehr sein.“

Auch Borussia Dortmund fürchtet um seine Fans

Eine solche Entwicklung sieht auch das Fan-Portal „schwarzgelb.de“ kommen. In einem kürzlich veröffentlichten Artikel heißt es: „Wenn man mit regelmäßigen Stadiongängern spricht, kann man den Eindruck bekommen, dass die Begeisterung für den Fußball und ihren Verein an der Basis erodiert.“ Und weiter: „Viele haben festgestellt, bzw. feststellen müssen, dass man dieses soziale Leben auch ohne den Stadionbesuch organisieren kann. Mit dem netten Nebeneffekt, dass man einiges an Zeit, Geld und auch Ärger über unbequeme Anstoßzeiten und Repressalien vor Ort spart.“

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In der Führungsetage des BVB ist man sich dieser Entwicklungen durchaus bewusst. Der Eindruck, dass nicht alle Fans wiederkommen werden, wenn alles wieder normal ist, ist auch beim BVB gewachsen. Der Verein geht davon aus, dass das Stadion künftig nicht mehr so selbstverständlich ausverkauft sein wird, wie es bislang der Fall gewesen ist.

Danielsmeyer: „Katastrophe, wenn das vor die Hunde ginge“

Thilo Danielsmeyer und sein Team versuchen indes, die Fanszene zusammenzuhalten - durch digitalen Austausch, aber auch durch Treffen in kleinen Gruppen in den Räumlichkeiten des Fanprojekts an der Dudenstraße in Dortmund. „Wir hoffen, dass die Fanszene es schafft, das zu überstehen“, sagt er. In Dortmund sei sie nun über fast 40 Jahre gewachsen. „Es wäre eine Katastrophe, wenn das vor die Hunde ginge.“

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