BVB erlebt Mentalitätswandel - keine Mannschaft trifft so oft in der Schlussphase

dzBorussia Dortmund

Fünf Mal geriet der BVB in dieser Saison in Rückstand, nicht ein Spiel ging verloren. Keine Mannschaft trifft so häufig kurz vor Spielende wie der BVB. Zwei Belege für neue Qualitäten.

Dortmund

, 08.10.2018, 16:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sein Hemd: durchgeschwitzt. Sein Puls: Irgendwo zwischen 150 und 180. Nicht weit weg von den Werten bei denen da auf dem Rasen. Und auf jeden Fall weit entfernt vom Ruhepuls. Sebastian Kehl litt auf der Dortmunder Bank wie ein Hund.

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Er hat einige ganz spezielle Spiele im Signal Iduna Park als Spieler miterlebt. Dieses 4:3 gegen Augsburg aber, dieser eruptive Ausbruch wilder Emotionen nach dem siegbringenden Freistoß von Paco Alcacer in der sechsten Minute der Nachspielzeit, das gehörte ganz oben ins Regal der besonderen Spiele. Und war noch einmal eine dramaturgisch atemberaubende Steigerung zur wilden Fahrt beim 4:2 in Leverkusen eine Woche zuvor.

14 von 29 Tore in der Schlussviertelstunde

Die Comeback-Kids hatten wieder zugeschlagen. Und das war kein Zufall. 29 Treffer hat die BVB-Offensive in zehn Pflichtspielen erzielt, 14 (!) davon fielen in der Schlussviertelstunde oder der anschließenden Nachspielzeit. Es ist das hervorstechendste Qualitätsmerkmal dieser neu formierten Mannschaft: Sie ackert bis zur letzten Sekunde. Und sie steckt niemals auf.

BVB erlebt Mentalitätswandel - keine Mannschaft trifft so oft in der Schlussphase

Allein sechs Tore gehen auf das Konto von Paco Alcacer. Dem Spanier reichten nach drei Einwechslungen 81 Minuten für seine Treffer. © impire

Auch gegen Augsburg kam der BVB nach einem Rückstand zurück, er ließ sich auch den Schlag unter die Gürtellinie durch den späten Ausgleich zum 3:3 nicht anmerken. „Ich sehe niemanden“, sagt Torhüter Roman Bürki, „der nach einem Rückstand den Kopf in den Sand steckt.“ Der Glaube, noch zurückkommen zu können, sei „immer da. So treten wir auf!“

Kehl spricht von „Mentalitätswandel“

Kehl, Chef der Lizenzspieler-Abteilung, spricht von einem „Mentalitätswandel“, wenn er von der neuen Stärke der Borussia schwärmt. Auch Bürki stellt die krass unterschiedliche Herangehensweise im Vergleich zum Vorjahr heraus. „Dort hätten wir so ein Spiel wohl nicht gewonnen.“

Als der BVB vor einem Jahr zur selben Zeit in die Länderspiel-Pause ging, war er wie jetzt auch Tabellenführer. Dortmund hatte sogar noch zwei Zähler mehr auf dem Konto, immerhin auch 21 Treffer erzielt in der Bundesliga und nur zwei kassiert.

Kein Vergleich zur Vorsaison

Dennoch war es eine nur scheinbar heile Welt. Die „rechte Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein“, hat Hans-Joachim Watzke mal rückblickend beschrieben, „die war damals nicht da.“ Die Borussia war von Erfolg zu Erfolg geeilt, doch es gab Warnzeichen. Und wie der triste Herbst weiter verlief, ist hinlänglich bekannt. Die Negativserie kostete Trainer Peter Bosz den Job.

Rückschläge sind auch jetzt nicht ausgeschlossen, die Basis aber ist eine ganz andere. „Die Mannschaft hat einen unbedingten Willen, immer zu gewinnen“, sagt Sportdirektor Michael Zorc. Kehl sieht eine „grundsätzliche Entwicklung. Wir haben im Sommer an einigen Schrauben gedreht, wir stehen jetzt deutlich stabiler.“ Für Bürki war das Pokalspiel in Fürth die Initialzündung, als der BVB in der Nachspielzeit zum 1:1 traf und in der Nachspielzeit der Verlängerung zum 2:1. „Das war ein Zeichen, was mit richtiger Einstellung möglich ist.“

Der BVB läuft im Schnitt vier Kilometer mehr

Doch der Erfolg ist auch das Ergebnis harter Arbeit. Borussia Dortmund investiert so viel in eine Partie wie seit Jahren nicht mehr. Im Schnitt läuft die Mannschaft 119,35 Kilometer, im Vorjahr waren es durchschnittlich vier Kilometer weniger. Pro Spiel.

BVB erlebt Mentalitätswandel - keine Mannschaft trifft so oft in der Schlussphase

Der BVB hat ligaweit die viertmeisten Kilometer abgespult. Nur die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen (842,4 km) und Borussia Mönchengladbach (838 km) liefen bislang mehr. © impire

Kein Zufall ist auch die auffällige Unterstützung von der Bank. Alle vier Tore gegen Augsburg erzielten Einwechselspieler, insgesamt durfte sich Trainer Lucien Favre schon über zwölf Jokertore freuen. „Er hat ein goldenes Händchen“, schwärmt Zorc, auch dahinter aber steckt Arbeit: Favre zieht aus den Erkenntnissen der ersten Halbzeiten zumeist die richtigen Schlüsse.

Radikaler Umbau macht sich bezahlt

Der radikale Umbau der Mannschaft scheint sich bezahlt zu machen. Wie konsequent der BVB auf die Vorsaison reagiert hat, zeigt ein Blick auf die Aufstellung am 7. Spieltag des Vorjahres. Damals siegte die Borussia 2:1 in Augsburg, es war der letzte Sieg, bevor es deutlich bergab ging. In der Startelf am Samstag standen nur noch zwei Spieler, die auch damals dabei waren: Bürki und Youngster Julian Weigl.

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