BVB-Chefetage: Wo die modernisierte Borussia vor den altbackenen Bayern liegt

dzBorussia Dortmund

Beim BVB werden die wichtigsten Entscheidungen in einer Expertenrunde ausdiskutiert, beim FC Bayern regieren zwei Alphatiere. Beides zeigt in der Hinrunde dieser Saison Wirkung.

Dortmund

, 27.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Über dem fein herausgeputzten neuen Bayern-Campus strahlt die Sonne an diesem 17. Juni 2018. 70 Millionen Euro haben die Münchner in ihre neue Talentschmiede investiert. Das Finale um die deutsche U17-Meisterschaft zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund soll der appetitlich wohlmundige Vorgeschmack sein auf das erste WM-Spiel der Deutschen am Abend in Russland.

Optimismus und gute Laune überall. Karl-Heinz Rummenigge schaut zu, neben ihm sitzen Marketingvorstand Andreas Jung und VW-Chef Martin Winterkorn, später stößt auch Starkoch Alfons Schuhbeck hinzu, der zuvor in der Campus-Kantine Fritten serviert hat. Eine Reihe tiefer und schräg versetzt: BVB-Chef Hans-Joachim Watzke und Berater Matthias Sammer. Man ignoriert sich gekonnt, soweit das möglich ist. Hektik, Schlusspfiff, der Gast gewinnt 3:2, da müssen die Bayern gratulieren. Die Granden granteln.

BVB-Chefetage: Wo die modernisierte Borussia vor den altbackenen Bayern liegt

Beste Laune beim Finale um die die U17-Meiterschaft: Matthias Sammer und Hans-Joachim Watzke. © imago

Borussia Dortmund hatte schmerzhafte Demütigungen erlitten in der Saison 2017/18. Die Bayern, deren Großkopferte da mit vorgerecktem Kinn hockten, landeten mit 29 Punkten Vorsprung vor dem BVB ihren sechsten Meistertitel in Serie, ihr ärgster Konkurrent hatte binnen eines Jahres drei Trainer verschlissen und durchlitt eine mittelschwere Identitätskrise. Zur Wiederbelebung sollte also ausgerechnet Matthias Sammer verhelfen, der die Bayern mit seinem Ehrgeiz zur erfolgreichsten Zeit der jüngeren Geschichte angetrieben hatte.

Matthias Sammer - eine Entscheidung von großer Tragweite

Eine von vielen Entscheidungen mit großer Tragweite, die Borussias Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc in den Zeiten der Krise trafen. Ein halbes Jahr nach dem 17. Juni lässt sich mit Blick auf die sportlichen Leistungen und die Geschicke im Management der beiden deutschen Leuchtturm-Klubs behaupten, dass die Borussen einiges besser gemacht haben als die Bayern.

Watzke und Zorc, seit 2005 Seite an Seite, mussten sich offen eingestehen, dass sie als Duo der komplexen Lage im Profifußball 2018 nicht mehr gerecht werden konnten. Und sie, dieses Lob werden sie vertragen können, waren sich nicht zu schade, sich zusätzliche Kompetenz ins Haus zu holen. Frei nach dem Motto: Nur starke Chefs holen sich starke Mitarbeiter ins Team. Mit Sammer als Berater und – sicher nicht zuletzt – Sebastian Kehl als präsentem Leiter der Lizenzspielerabteilung hat der BVB sich in der Führungsebene breiter aufgestellt.

Hoeneß ätzt im Sommer - verliert aber mehr und mehr die Kontrolle

„Da braucht man schon fast einen Gelenkbus, um die alle mitzukriegen, die da beraten“, ätzte zwar Bayern-Boss Uli Hoeneß im Sommer, doch inzwischen wäre er vermutlich froh, dermaßen viel Fachwissen bei seinem leitenden Personal zu wissen. Die Bayern stolpern mit ihrem hemdsärmeligen Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Trainer Niko Kovac mehr schlecht als recht durch die Saison, der Kader ist überaltert und Hoeneß/Rummenigge scheinen ihren Zenit auch überschritten zu haben; allem voran die abenteuerliche Pressekonferenz vom 19. Oktober („Artikel 1 Grundgesetz“) zeugte vom Verlust von Selbstkontrolle und Orientierung.

Aus dem Dortmunder Spitzenquartett wiederum dringt aus den Besprechungen kein Wort nach außen. Keins. Die „Restrukturierung im Kerngeschäft“, wie sie Watzke benannte, greift. Seit dem Frühjahr hat der Klub nicht nur in Lucien Favre im zweiten Versuch den goldrichtigen Trainer verpflichtet, sondern auch fällige Umbauten im Kader vollzogen. „Wir haben die richtigen Ableitungen getroffen“, sagt Zorc zur Analyse der Vorsaison.

Erstaunlich hohe Trefferquote bei den Transfers

Die erstaunlich hohe Trefferquote bei den Transfers (Witsel, Alcacer, Delaney, Diallo) hat ihren Ursprung sicher auch in den Sitzungen der „Elefantenrunde“, wie das Expertentreffen intern auch schmunzelnd genannt wird. Das letzte Wort in diesen Fragen hat aber immer noch Zorc, der mit Blick auf seine mehr als 20-jährige Dienstzeit weltweit keinen Vergleich mit anderen Top-Ein- und -Verkäufern scheuen muss.

BVB-Chefetage: Wo die modernisierte Borussia vor den altbackenen Bayern liegt

Geballte Kompetenz mit schwarzgelber DNA: Michael Zorc und Sebastian Kehl. © imago

Für die Rückkehr von Disziplin und Identifikation sorgt Sebastian Kehl. Selber als Profi ein Fußballer, der weniger Talent mit noch mehr Fleiß und Arbeit mehr als wettmachte, wacht er mit Sachverstand und Strenge über die Einhaltung von Regeln im Miteinander, er organisiert die Abläufe zwischen den sportlichen Abteilungen ohne Reibungsverluste und ist als dreimaliger Deutscher Meister und Vizeweltmeister sowie als langjähriger „Capitano“ eine Respektsperson und Ansprechpartner für Trainer und Team.

Auch dank Kehl greift ein Rad ins andere

Jetzt, wo er da ist, fragt man sich in Dortmund, warum keiner schon viel eher auf diese Idee gekommen ist, zumal der Geschäftsbereich von Zorc ihm kaum eine Atempause lässt. Er konnte nicht so nah an der Mannschaft dran sein, wie er es hätte sein müssen. Kehl, frisch dekorierter Absolvent der Management-Ausbildung der Uefa, füllt seinen Job mit großem Enthusiasmus und viel Energie aus.

So greift beim schwarzgelben Herbstmeister 2018 ein Rädchen ins andere. Favre ist wie erwartet das Mastermind. Der sportliche Erfolg und die konstant starken Leistungen tragen in der Halbjahresbilanz seine Unterschrift. Auf dem Feld ragen Kapitän Marco Reus und Mittelfeld-Maschine Axel Witsel heraus, in der Abwehr (Akanji, Diallo, Zagadou, Hakimi) sowie auf den Außenbahnen (Sancho, Bruun Larsen) erfreut sich die womöglich nächste große Generation der liebevollen Obhut der Führungsspieler.

„Wenn du es schon vorher beschreist, haben die Bayern alle Warnsysteme hochgefahren. Du musst sie erwischen, wenn sie sie alle runtergefahren haben.“
Hans-Joachim Watzke

Zum Vergleich: In Bayerns überaltertem Kader möchten alle Häuptlinge sein, Indianer finden sich keine, und den Umbruch, den die Dortmunder konsequent vorantreiben, haben Hoeneß und Rummenigge bei ihren kickenden Angestellten zu lange hinausgeschoben. Die Mitstreiter aus Westfalen wittern ihre Chance, ohne es allzu laut auszuplaudern. „Bayern ist wirtschaftlich zu weit weg, um einen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe ausrufen zu können“, sagte BVB-Chef Watzke in einem Interview mit Funke-Sport. „Wenn du es schon vorher beschreist, haben die Bayern alle Warnsysteme hochgefahren. Du musst sie erwischen, wenn sie sie alle runtergefahren haben.“

Allerhöchste Wachsamkeit beim Rekordmeister

Spätestens seit dem 3:2 der Dortmunder gegen die Münchner am 10. Oktober tönen die Alarmglocken beim Rekordmeister, seit dem folgenden 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf eine Woche später gilt allerhöchste Wachsamkeit. Wackel-Trainer Kovac blieb trotz des Sturms der Entrüstung im Amt, ebenso Salihamidzic. Verloren haben die Bayern seitdem kein Spiel mehr. Wer den Fehler macht, sie abzuschreiben, darf sich töricht nennen.

BVB-Chefetage: Wo die modernisierte Borussia vor den altbackenen Bayern liegt

Wie bei einer Trauerfeier: Die Bayern-Chefs Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß (v.l.) schreiten nach dem 2:3 in Dortmund mit ihrer Entourage über den Rasen. © dpa

Auch wenn im Titelrennen zwischen der Großmacht aus dem Süden und der klaren Nummer zwei im Lande, der Borussia aus Westfalen, aktuell die Schwarzgeben mehr Punkte und mehr Sympathiepunkte auf dem Zähler haben, bedeutet der aus Dortmunder Sicht höchst erfreuliche Zwischenstand nach dem 17. Spieltag wenig. Der „Neustart“, von dem der BVB in kurzer Zeit wesentlich mehr bewältigt hat als im besten Falle angenommen, benötigt weiter Geduld und richtige Entscheidungen.

Der BVB hat sich ohne Gesichtsverlust neu aufgestellt

Als zentraler Streich könnte, das ist mehr als eine vage Vermutung, bald gelten, dass es Watzke und Zorc gelungen ist, die Klubführung ohne Gesichtsverust neu aufzustellen, ohne sich selbst oder andere zu beschädigen. Man sei, sagt Watzke, „sehr zukunftsträchtig aufgestellt“. Wenn als Lohn in diesem oder einem der kommenden Jahre eine Deutsche Meisterschaft herausspringt, wäre das keine Überraschung mehr.

Und auch im Management sind die Weichen gestellt. Watzke: „Wenn ich diesen Posten mal räume, dann möchte ich ihn auf operativen Ebenen so verlassen, dass es nicht auffällt. Dieser Verein ist mein Leben, das wird auch immer so sein.“

Mit der Hingabe für den Klub ist es in München nicht anders bestellt. Ob da alle Spitzen sich selbst oder den Verein für wichtiger halten, muss dort beantwortet werden. Allein der Gedanke an eine Nachfolgeregelung bereitet Hoeneß und Rummenigge offensichtlich Magengrimmen.

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